Am Sonntag, 22. April, wird in Görlitz ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Dabei haben die Bürger die Wahl zwischen Amtsinhaber Joachim Paulick, der als Einzelbewerber antritt, und Herausforderer Siegfried Deinege, der gemeinsamer Kandidat des Bündnisses aus CDU, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Bürger für Görlitz ist.
Wir haben beiden Kandidaten in drei Themenkomplexen gleichlautende Fragen gestellt. Dabei galt das gleiche Zeilenlimit, das unterschiedlich stark ausgeschöpft wurde. Heute gibt es die dritte Veröffentlichung dazu: Kultur, Tourismus und Sport.
Joachim Paulick. | Privat
Die Diskussionen um das Theater schlagen derzeit hohe Wellen. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach hier für Zukunftssicherheit sorgen?Joachim Paulick: In diese Situation spielen mehrere Ursachen hinein: Zum einen fordern die Theatermitarbeiter auskömmlichere Löhne und Gehälter. Zum anderen werden wegen der Landesbühnen Radebeul die Kulturraummittel knapper. Außerdem übernimmt der Freistaat keinen Inflationsausgleich. Landkreis (1,3 Millionen Euro) und Stadt (2,0 Millionen Euro) haben ihre jährlichen Zuschüsse auf bisherigem Niveau halten können, sehen sich aber nicht in der Lage, Ausfälle des Landes zu kompensieren. Deshalb muss abermals hier vor Ort eine neue Lösung gefunden werden. Die Zukunft unseres Gerhart-Hauptmann-Theaters sehe ich angesichts dieser struk-turellen Finanzprobleme nur im harten Weg der weiteren Konsolidierung. Die Städte Görlitz und Zittau müssen für das, was an qualitätvollen Angeboten erhalten bleibt, gleiche Lastenverteilung erfahren. Der Landkreis wird weiter an Bautzen appellieren. Allerdings wird dessen Theater solange nicht zu Verhandlungen über einen Verbund bereit sein, wie die Häuser in Görlitz und Zittau keine eigene Stabilität aufweisen. Das diesjährige internationale Straßentheaterfestival "viaThea" konnten wir bereits Anfang des Jahres aus eingesparten Aufwendungen der Stadtverwaltung sichern.
Nach wie vor ist die Stadthalle ein kultureller Gigant, der nicht genutzt werden kann. Wann wird er unter Ihrer Regie wieder zur Verfügung stehen?Paulick: Neben der ehemaligen Synagoge und dem ehemaligen Kaufhaus ist die Stadthalle ein, wenn nicht das Mammutprojekt. Die Planungen zur Komplettsanierung laufen. Fasst der Stadtrat im Herbst 2012 nach dem Planungs- auch den Baubeschluss, fällt der eigentliche Startschuss für die rund 33 Millionen Euro schwere Investition. Die Stadt selbst ist dann mit 6,4 Millionen Euro gefordert. Im Sommer 2015 soll das Traditionshaus wiedereröffnet werden. Damit wir nachher kein Trauerspiel erleben, muss die Halle regelmäßig bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Anderenfalls wird der angedachte Zuschuss der Stadt von rund einer halben Million Euro jährlich nicht auskömmlich sein. Darin wird die eigentliche Herausforderung liegen. Aktuell bereitet eine Arbeitsgemeinschaft aus städtischen Gesellschaften das zukünftige Betriebskonzept vor. Auch wenn der Stadtrat sich zunächst zu einer Eigenregie bekannt hat, möchte ich einen privaten Betreiber nicht gänzlich ausschließen. In jedem Falle muss das Jahrhundertbauwerk modernen Ansprüchen gerecht werden und vor allem tagungs- und kongressfähig sein. Damit können wir nicht zuletzt unsere touristischen Betriebe in den Wintermonaten besser auslasten.
Die touristische Entwicklung am Berzdorfer See stand in der Vergangenheit immer wieder in der Kritik. Wie soll dort Besserung eintreten?Paulick: Sie stand zu Unrecht in der Kritik. Wir haben gemeinsam mit der LMBV, der derzeitigen Eigentümerin des Sees, diesen Rohdiamanten zunächst vollständig an die Adern öffentlichen Lebens anbinden müssen. Die Grundsteine sind nun gelegt: Das Areal ist beplant, Grund- und Bodenverhältnisse sind geordnet, das Gelände ist weitgehend bergbaulich gesichert, öffentlich erschlossen und die Basisinfrastruktur entwickelt. Nach diesen Vorleistungen kann das touristische Angebotsprofil gemeinsam mit privaten Investoren in Angriff genommen werden. An dieser Stelle befinden wir uns jetzt! Das neu entstehende Wassersportzentrum Tauchritz wird ein erstes Signal setzen. Die Verhandlungen mit einem professionellen Hafenbetreiber laufen. Die öffentliche Hand wird die Voraussetzungen für ein Hafenkontor mit -meisterei, Touristeninformation, Bootsverleih sowie einen Stützpunkt für Surfer, Segler und Taucher, kleine Shops, einen Kiosk bzw. Restaurant schaffen. Folgen werden auf der Halbinsel ein Campingplatz, später gegebenenfalls ersetzt durch eine Ferienhaussiedlung sowie ein zentraler Ort zum Grillen, für Sport und Spiel und mehrere Strandbereiche.
2011 war das von den Besucherzahlen her bisher erfolgreichste Jahr in Görlitz. Wie kann dies in den nächsten Jahren noch gesteigert werden?Paulick: Wir zählten 2011 erstmals über 200.000 Übernachtungen – neuer Rekord! Seit 2005 haben wir 19 Beherbergungsbetriebe hinzugewonnen. Auch die angebotenen Betten verdoppelten sich nahezu von 983 auf 1.793 – und sind gefragt. Sicher hat die Landesausstellung 2011 noch einmal besonderen Schub verliehen, unabhängig davon entwickelt sich der Tourismus aber schon seit Jahren kontinuierlich steigend. Durch gezielte, langfristig angelegte Imagearbeit versuchen wir in regelmäßigen Abständen neue Impulse zu setzen. Der Weg zum Welterbe, aber auch der Ruf als Filmstadt wecken über gut platzierte Öffentlichkeitsarbeit Interesse bei unterschiedlichsten Generationen und Nationen, inzwischen auch interkontinental. Wir generieren damit neben den Gruppenreisen zunehmend hochwertigen Individualfremdenverkehr mit einem Feinsinn für die Architektur alter Meister. Und genau den brauchen wir auch für unseren Einzelhandel, die Immobilienwirtschaft, Gastronomie, Hotellerie und Kulturindustrie. Die vorhandene Bausubstanz bietet genug Raum für zusätzliche Kapazitäten – auch für weiteren Zuzug. Denn nicht wenige Besucher kommen zurück – und bleiben für immer.
Sportvereine beklagen zuweilen die angebliche Ungleichbehandlung gegenüber Kultureinrichtungen. Wie lässt sich die Situation der Sportstätten verbessern?Paulick: Stellt man beide Budgets gegenüber, so ergibt sich tatsächlich ein Ungleichgewicht. Weil auch ich die mitunter einseitige Prioritätensetzung des Stadtrates öffentlich kritisiert habe, werde ich gern als "Kulturbanause" gescholten. Wir haben aber bei den Sportanlagen und -gebäudekomplexen genauso wie bei den Kitas und Schulen begonnen, nach und nach durchzusanieren bzw. ersatzweise neu zu bauen – zum Beispiel Zweifeldhallen in Rauschwalde und Königshufen, diverse Schulsporthallen, Neißebad, Eiswiese, Spielplätze im Stadtpark, Kidrontal, Birkenwäldchen, Kreuzkirchenpark, Sechsstädteplatz und Frauenburgstraße. Nach wie vor steht das Leichtathletik-Stadion in Weinhübel auf meiner Agenda. Insgesamt wird die Moderni-sierung rund sechs Millionen Euro benötigen, 2007 hatten wir bereits ein Zehntel davon für einen ersten Bauabschnitt reserviert. Leider hat der Fördermittelgeber das Vorhaben im ersten Anlauf 2010 abgelehnt. Wir werden uns bei jeder weiteren Antragsrunde wieder beteiligen. In der Innenstadt werden mehr universell nutzbare Sporthallen entstehen, darunter als nächstes ein Ersatzneubau an der Hugo-Keller-Straße. Auch mehrere innerstädtische Schulsporthallen werden nach und nach generalüberholt.
Siegfried Deinege. | Privat
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