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Im dritten Anlauf 
zur Medizinerin

Im dritten Anlauf 
zur Medizinerin

Sylvana Kretschmar hat bisher einen nicht alltäglichen beruflichen Lebensweg hingelegt. Im Oktober eröffnet sie nun ihre eigene allgemeinärztliche Praxis. Dort wo jetzt noch ein graues Quadrat im Putz zu sehen ist, wird dann ihr Name stehen. Foto: fum

Ärztemangel in der Region. In Niesky wird sich daran perspektivisch etwas ändern. Zum Positiven natürlich, denn Sylvana Kretschmar aus Rothenburg eröffnet am 2. Oktober in der Görlitzer Straße 19a eine allgemeinärztliche Praxis. Was angesichts des Lebensweges der jungen Frau nicht unbedingt zu erwarten war.

Niesky. Eigentlich würde Sylvana Kretschmar jetzt vor den Schülern einer Klasse stehen. Oder sie würde für Sparkassenkunden Bankgeschäfte abwickeln. Doch weder das Eine noch das Andere ist eingetreten – die 48-Jährige eröffnet in Kürze ihre eigene Praxis und kümmert sich um die Wehwehchen der Einwohner von Niesky.
Geboren in Görlitz lebt Sylvana Kretschmar von Kindesbeinen an in Rothenburg, hatte sich in der Schulzeit für Zahnmedizin und Lehramt als Berufswünsche interessiert. In den 1980er Jahren begann sie in Dresden ein Studium zur Lehrerin für Russisch und Geografie. Es machte ihr Spaß und das Lernen fiel ihr ziemlich leicht. Doch nach fünf Semester zog sie 1990 trotzdem einen Schlussstrich unter dieses Kapitel: Ihr kurz zuvor geborenes Kind war permanent krank und brauchte die Fürsorge seiner Mutter. „Damals war ich jung, da machte mir das Aufhören nicht viel aus. Ich dachte mir, dass sich schon eine neue Chance ergeben würde.“

Die gab es, als sie sich wenig später bei der Sparkasse als Sachbearbeiterin für den Kundendienst bewarb. Sie besuchte Weiterbildungen und ließ sich 1998 bei der IHK als Bankkauffrau prüfen. Als sie 2002 die Leitung der Geschäftsstelle in Rothenburg übernahm, schien ihr weiterer beruflicher Weg vorgezeichnet. Doch nicht für Sylvana Kretschmar. „Ich habe mich schon sehr lange für Humanmedizin interessiert. Als Mutter von drei Kindern hatte ich viel mit Krankheiten und Medizin zu tun, musste mich zwangsläufig damit beschäftigen. Deshalb schaffte ich mir immer wieder medizinische Lexika und andere Fachbücher an. Daraus reifte der Wunsch, es noch einmal mit einer ärztlichen Ausbildung zu versuchen“, erinnert sie sich. Schon 2002 hatte sie sich bei der TU Dresden einem Auswahlverfahren gestellt, die Bestätigung aber wegen Bedenken, es privat und finanziell eventuell nicht zu schaffen, zurückgestellt. Nach nochmaligem Familienrat saß die Rothenburgerin dann ab 2003 doch auf der Schulbank. Mit 35 Jahren begann sie das, was sonst 20-Jährige in Angriff nehmen – ein Medizinstudium.

„Das war für mich die Erfüllung eines Lebenstraumes. Dieses Ziel hatte ich schon seit vielen Jahren vor Augen. Und mit meiner dazu gewonnenen Lebenserfahrung wollte ich alles daran setzen, dieses Studium zu packen. Auch um mir später keine Vorwürfe machen zu müssen, es nicht wenigstens versucht zu haben.“
13 Semester gingen ins Land, mit manch zwischenzeitlich hoher psychischer Belastung, als kurz hintereinander Opa, Oma und Mutter verstarben, die Prüfungen aber trotzdem bestanden werden mussten. Die Zeit seit dem Abitur 1987 hatte sich in manchen Fächern zu einer Gedächtnislücke ausgeweitet. „Für viele Sachen braucht man dann länger, als wenn man direkt von der Schule kommt“, erzählt sie. Wenn die anderen Studenten abends zur Disko gingen, nahm sie sich Bücher vor und zog ihre Hefter heran. „Ich musste lernen, lernen, lernen, weil mir die Grundlagen fehlten nach so vielen Jahren.“ Trotzdem aber habe sie den Schritt nie bereut.

Im April 2011 bestand Sylvana Kretschmar das Staatsexamen. Bis Ende 2013 durchlief sie im Emmaus-Krankenhaus die chirurgische und die innere Abteilung, ehe sie ab 2014 bis zum April 2017 bei verschiedenen niedergelassenen Ärzten tätig war. „Das Ziel, eine eigene Praxis zu eröffnen, habe ich dabei nie aus den Augen verloren.“ Nachdem dann im Mai dieses Jahres auch die Facharztprüfung mit Bravour bestanden war, konnte sie die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten intensivieren. In einer ehemaligen Zahnarztpraxis in der Görlitzer Straße 19a wurde sie schließlich fündig.

Mit 48 Jahren startet Sylvana Kretschmar nun noch einmal einen beruflichen Neuanfang, nach dem abgebrochenen Lehrerstudium, der gekündigten Kundenberaterstelle bei der Sparkasse soll es nun etwas Dauerhaftes werden. „Ich bin voller Vorfreude auf die neue Herausforderung. Meine Kinder sind in inzwischen erwachsen, deshalb kann ich alle Abläufe so organisieren, dass sie zu schaffen sind.“ Wenngleich sich manchmal auch ein flaues Gefühl im Magen mit untermischt. „Als niedergelassener Arzt hat man viele behördliche Reglementierungen zu beachten, muss Verpflichtungen erfüllen, Bereitschaftsdienste erledigen, mit der Budgetierung klar kommen. Man hat das volle unternehmerische Risiko, muss Personalkosten tragen und Sachkosten bedienen.“ Als Arzt mit eigener Praxis sei man heute nicht nur Mediziner, sondern auch Betriebswirtschaftler und Manager in einer Person. Insgesamt ist Sylvana Kretschmar jedoch zuversichtlich, wenn sie am 2. Oktober als neue Allgemeinmedizinerin für die Stadt Niesky startet und damit den Altersdurchschnitt der hier praktizierenden Ärzte ein Stück weit nach unten drückt.

Frank-Uwe Michel / 14.08.2017

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