Ein paar Luftballons, Blumensträuße, ein Foto - die Bäckerei im Kuchenhäusel in Obergurig sieht aus, als hätte jemand Geburtstag gehabt. Und irgendwie stimmt das auch. Am 16. September haben Heike Rämsch und ihr Mann die Bäckerei wiedereröffnet. Sechs Wochen nach der Flut im August.
Obergurig. Ohne die Hilfe der Leute im Ort, ohne Spenden, ohne den Zuspruch hätten sie das wohl nicht geschafft. "Das ist das einzig Schöne daran", sagt Heike Rämsch. "Dass das Menschliche wieder durchkommt." Schon am Sonntag nach der Flut waren bis zu 60 Helfer bei ihr. "Da kamen Leute mit Eimer und Spaten und haben angepackt. Einfach so", erzählt Heike Rämsch. Ein Mann, den sie sonst mit Brötchen für seine Bratwürste beliefert, kam zu ihr und grillte für die Helfer Würste.
"Fremde Menschen haben uns getröstet, uns Geld gespendet. Leute die selbst nicht viel haben, haben uns einen Zwanziger zugesteckt", sagt sie und kämpft mit den Tränen. "Ich hab genug geheult", meint sie dann. "Es muss vorwärts gehen." Das tut es sichtlich. Das Café ist zwar noch leer, doch es sieht schon wieder aus, als könnte es bald wieder zum Café werden. Am 3. Oktober soll es wieder eröffnet werden. Den Termin haben sich Heike Rämsch und ihre Familie fest vorgenommen. "Das schaffen wir auch", sagt sie. "Wir haben immer noch viele Helfer hier."
Die Solidarität im Ort hat Heike Rämsch überwältigt. Die kaltherzige Bürokratie der Politiker, deren leere Versprechen, die Absage der Versicherung haben sie geschockt. "Das hätte ich nie erwartet", sagt sie. "Alle diese Politiker bis rauf zu Frau Michalk waren bei mir und haben versprochen, zu helfen. Dabei blieb es." Nur ihren Bürgermeister, den nimmt sie raus. "Der hat sich als einziger um seine Leute gekümmert", meint sie.
Was Heike Rämsch so schwer zu schaffen macht, ist nicht mal so sehr die Tatsache, dass die Flut das Café und die Bäckerei förmlich weggespült hat. Oder dass die Fundamente teilweise weg gebrochen sind. Es ist vielmehr der Umgang mit den Menschen, die betroffen sind. "Weil 2002 so viele die Hilfe missbraucht haben, sind wir hier heute die Gelackmeierten", meint sie. Da seien Gutachter da, die willkürlich einfach Kosten durchstrichen und durch andere Zahlen ersetzten. Einfach so. Da werde das eine Auto als Hochwasserschaden anerkannt, das andere, das ebenfalls völlig unter Wasser stand, dagegen nicht.
Da schreibt man einen Brief an das Ministerium und weil es das falsche ist, wird der erst einmal herumgereicht. Bis dann schließlich doch eine Antwort kommt. In höflichem Beamtendeutsch. Ein Hinweis auf die Möglichkeit, einen SAB-Kredit aufzunehmen. "Schon wieder Schulden machen? Ich habe den anderen Kredit noch nicht abbezahlt", sagt Heike Rämsch. Was sie allerdings nun fast vom Hocker gehauen hat, war das Schreiben der Sparkassenversicherung, bei der sie alles versichert hatte. Nur eine Elementarversicherung hatte sie nicht bekommen. Weil das Gebäude zu nah an der Spree liegt. Bis 1. Juli 2011 muss sie dennoch im Vertrag bleiben. Darauf besteht die Versicherung. Kulanz? Fehlanzeige.
Für Heike Rämsch, die jetzt eine andere gefunden hat, die bereit ist, sie gegen Hochwasser zu versichern, bedeutet das, sich doppelt versichern zu müssen. "Ich denke ernsthaft darüber nach", sagt sie. "Auch wenn das hohe Kosten sind. Aber ich habe einfach Angst." So viel Ärger, soviel Frust, so viel Rennerei. "Dabei hat man eigentlich andere Sorgen", sagt die Unternehmerin. "Ich denke oft an die anderen. Wie geht es denen? Es hat so viele so schlimm getroffen", sagt sie.
Und auch wenn sie nicht zurück schauen möchte, zornig macht sie das alles schon. "Ich will nicht jammern. Aber was hier passiert, das ist einfach unglaublich." Sie habe immer ihre Steuern gezahlt, keiner aus ihrer Familie habe dem Staat je auf der Tasche gelegen. "Und wenn man einmal Hilfe braucht, wird man hängen gelassen."
40 Milliarden Euro für die HRE-Bank, die seien da, für die Flutopfer gebe es maximal Almosen. Das Unwort des Jahres 2010 steht für Heike Rämsch jedenfalls schon mal fest. Es lautet Soforthilfe.