Einen ungewöhnlichen Beginn nahm die Sitzung des Görlitzer Stadtrates am gestrigen Donnerstag. Etwa 80 bis 100 junge Leute strömten pünktlich 16.15 Uhr in den großen Ratssaal. Dazu aufgerufen hatten sie zuvor im Internet. Ihr Anliegen: Die Jugendkultur in Görlitz muss sich verbessern.
Punkt 16.15 Uhr strömten in den Görlitzer Ratssaal etwa 80 bis 100 Jugendliche, die zuvor über das Internet zu diesem Flashmob aufgerufen hatten. Oberbürgermeister Joachim Paulick rief die jungen Leute auf, ihre Aktion zu beenden und den Saal sofort zu ve | Frank-Uwe Michel
Schon weit vor 16.00 Uhr sah man Jugendliche in Richtung Rathaus strömen. Ihr Ziel: Der Treffpunkt hinter dem historischen Gemäuer. Mit dem Rad, zu Fuß, in Gruppen oder einzeln kamen sie von überall her – aufgerufen per Internet. Damit erlebte die Neißestadt ihren ersten Flashmob, zumindest in dieser Größenordnung. Ihre Münder hatten sich die jungen Leute verklebt, in den Händen hielten sie Zettel mit den Sätzen "Noch sind wir hier" und "Welche Perspektiven bietet Görlitz für die Jugend jetzt und in Zukunft?"
Kommentar
Sieht so Demokratie im Zeitalter moderner Medien aus? Muss die Gesellschaft jetzt immer mit einem "Schwarm" Jugendlicher rechnen, wenn denen irgend etwas nicht passt oder sie auf ein Problem aufmerksam machen wollen? Gehört das künftig zur politischen Kultur? Zur Kultur im althergebrachten Sinne sicherlich nicht. Möglicherweise aber ist es ein Weg, Verkrustungen zu lösen und Gedankengänge anzuschieben. Wenngleich die Aktion keine Entscheidungen bringen konnte – im Hinterkopf der Kommunalpolitiker sind die jungen Leute jetzt allemal. Der eine wird sich ernsthaft über die Perspektiven der Internet-Generation Gedanken machen, der andere solcherart Aktionismus rundweg ablehnen. Entscheidend wird sein, was nach diesem Donnerstag kommt: Findet man in ernsthaften Gesprächen zueinander, verhärten sich die Fronten oder verläuft alles im Sand? Ein Flashmob zu diesem Thema kann – wenn überhaupt – nur Anstoß sein. Das Jugendproblem klären muss man in Görlitz auf dem herkömmlichen Weg.
Frank-Uwe Michel
Demonstrieren in Zeiten moderner Kommunikationsmöglichkeiten – ein Novum für die Görlitzer Stadtpolitik, die unterschiedlich auf den Andrang im Ratssaal reagierte. Während der grüne Stadtrat Joachim Schulze sich freute, noch "so viel Jugend in Görlitz" zu haben, machte Oberbürgermeister Joachim Paulick von seinem Hausrecht Gebrauch und forderte die Flashmober auf, den Saal zu räumen. Man habe einen straffen Zeitplan und könne sich keinen verspäteten Beginn der Sitzung erlauben, begründete er.
Doch die jungen Leute blieben – und bestimmten selbst das Ende ihrer Aktion: Nach fünf Minuten lichteten sich die Reihen. Wie beim Flashmob üblich – friedlich, ohne ein Wort zu sagen. Erst vor dem Rathaus beendeten sie das selbstverordnete Schweigen, sahen sich plötzlich aber einigen Polizeibeamten konfrontiert. Die wiederum waren aus dem Rathaus herbei gerufen worden. So endete der Auftritt wohl doch nicht ganz so, wie sich die Jugendlichen das vorgestellt hatten. Eins aber haben sie auf jeden Fall erreicht: Aufmerksamkeit, auch wenn die möglicherweise noch ein Nachspiel hat.
Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.
Sehr geehrter Herr Jens ???,
erstens möchte ich richtig stellen, dass ich nicht "Helga" Schiefer, die Direktorin des BSZ in GR bin. Da ich aber bis zum Renteneintritt Lehrerin war, kann ich mir die von Ihnen geschilderte Situation gut vorstellen. Ich hätte auf alle Fälle erst einmal versucht, mit den auf keinen Fall vermummten Jugendlichen zu kommunizieren. Da diese nach 5 Minuten friedlich abzogen, war ihr Auftreten als stille Aufforderung zum Nachdenken deutlich.
Zum anderen ist der OB-Kandidat ein gemeinsamer Kandidat von CDU, BfG, FDP und den Bündnisgrünen und der Indoorspielplatz wurde von mir aufgrund der Tatsache aufgeführt, weil er gerade in der kalten Jahreszeit eine wichtige Bereicherung fürdie Kinder unserer Stadt wäre und hat nichts mit Wahlkampf zu tun.
Zum niveaulosen letzten Teil Ihres Kommentars möchte ich mich nicht äußern, zumal der Vergleich mit der SED völlig fehl am Platz ist.