27.01.2012
GÖRLITZ
Flashmob zieht in die Stadtratssitzung
FRANK-UWE MICHEL

Auf Zetteln stand der Grund für diese außergewöhnliche Aktion: "Welche Perspektiven bietet Görlitz für die Jugend jetzt und in Zukunft?"
Auf Zetteln stand der Grund für diese außergewöhnliche Aktion: "Welche Perspektiven bietet Görlitz für die Jugend jetzt und in Zukunft?" | Frank-Uwe Michel
Einen ungewöhnlichen Beginn nahm die Sitzung des Görlitzer Stadtrates am gestrigen Donnerstag. Etwa 80 bis 100 junge Leute strömten pünktlich 16.15 Uhr in den großen Ratssaal. Dazu aufgerufen hatten sie zuvor im Internet. Ihr Anliegen: Die Jugendkultur in Görlitz muss sich verbessern.

Punkt 16.15 Uhr strömten in den Görlitzer Ratssaal etwa 80 bis 100 Jugendliche, die zuvor über das Internet zu diesem Flashmob aufgerufen hatten. Oberbürgermeister Joachim Paulick rief die jungen Leute auf, ihre Aktion zu beenden und den Saal sofort zu ve | Frank-Uwe Michel

Schon weit vor 16.00 Uhr sah man Jugendliche in Richtung Rathaus strömen. Ihr Ziel: Der Treffpunkt hinter dem historischen Gemäuer. Mit dem Rad, zu Fuß, in Gruppen oder einzeln kamen sie von überall her – aufgerufen per Internet. Damit erlebte die Neißestadt ihren ersten Flashmob, zumindest in dieser Größenordnung. Ihre Münder hatten sich die jungen Leute verklebt, in den Händen hielten sie Zettel mit den Sätzen "Noch sind wir hier" und "Welche Perspektiven bietet Görlitz für die Jugend jetzt und in Zukunft?"

Info

Kommentar

Sieht so Demokratie im Zeitalter moderner Medien aus? Muss die Gesellschaft jetzt immer mit einem "Schwarm" Jugendlicher rechnen, wenn denen irgend etwas nicht passt oder sie auf ein Problem aufmerksam machen wollen? Gehört das künftig zur politischen Kultur? Zur Kultur im althergebrachten Sinne sicherlich nicht. Möglicherweise aber ist es ein Weg, Verkrustungen zu lösen und Gedankengänge anzuschieben. Wenngleich die Aktion keine Entscheidungen bringen konnte – im Hinterkopf der Kommunalpolitiker sind die jungen Leute jetzt allemal. Der eine wird sich ernsthaft über die Perspektiven der Internet-Generation  Gedanken machen, der andere solcherart Aktionismus rundweg ablehnen. Entscheidend wird sein, was nach diesem Donnerstag kommt: Findet man in ernsthaften Gesprächen zueinander, verhärten sich die Fronten oder verläuft alles im Sand? Ein Flashmob zu diesem Thema kann – wenn überhaupt – nur Anstoß sein. Das Jugendproblem klären muss man in Görlitz auf dem herkömmlichen Weg.
Frank-Uwe Michel

Demonstrieren in Zeiten moderner Kommunikationsmöglichkeiten – ein Novum für die Görlitzer Stadtpolitik, die unterschiedlich auf den Andrang im Ratssaal reagierte. Während der grüne Stadtrat Joachim Schulze sich freute, noch "so viel Jugend in Görlitz" zu haben, machte Oberbürgermeister Joachim Paulick von seinem Hausrecht Gebrauch und forderte die Flashmober auf, den Saal zu räumen. Man habe einen straffen Zeitplan und könne sich keinen verspäteten Beginn der Sitzung erlauben, begründete er.

Doch die jungen Leute blieben – und bestimmten selbst das Ende ihrer Aktion: Nach fünf Minuten lichteten sich die Reihen. Wie beim Flashmob üblich – friedlich, ohne ein Wort zu sagen. Erst vor dem Rathaus beendeten sie das selbstverordnete Schweigen, sahen sich plötzlich aber einigen Polizeibeamten konfrontiert. Die wiederum waren aus dem Rathaus herbei gerufen worden. So endete der Auftritt wohl doch nicht ganz so, wie sich die Jugendlichen das vorgestellt hatten. Eins aber haben sie auf jeden Fall erreicht: Aufmerksamkeit, auch wenn die möglicherweise noch ein Nachspiel hat.

Kommentare zu

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

Richtigstellung zum Kommentar von Jens ? auf meine erste E-Mail
Sehr geehrter Herr Jens ???,
erstens möchte ich richtig stellen, dass ich nicht "Helga" Schiefer, die Direktorin des BSZ in GR bin. Da ich aber bis zum Renteneintritt Lehrerin war, kann ich mir die von Ihnen geschilderte Situation gut vorstellen. Ich hätte auf alle Fälle erst einmal versucht, mit den auf keinen Fall vermummten Jugendlichen zu kommunizieren. Da diese nach 5 Minuten friedlich abzogen, war ihr Auftreten als stille Aufforderung zum Nachdenken deutlich.
Zum anderen ist der OB-Kandidat ein gemeinsamer Kandidat von CDU, BfG, FDP und den Bündnisgrünen und der Indoorspielplatz wurde von mir aufgrund der Tatsache aufgeführt, weil er gerade in der kalten Jahreszeit eine wichtige Bereicherung fürdie Kinder unserer Stadt wäre und hat nichts mit Wahlkampf zu tun.
Zum niveaulosen letzten Teil Ihres Kommentars möchte ich mich nicht äußern, zumal der Vergleich mit der SED völlig fehl am Platz ist.

Solche Sitzungen sind doch in aller Regel öffentlich.
Wenn ja, dann verstehe ich die Polizeiaktion nicht.

Und, wenn sie >nicht öffentlich war< würde ich
schon gern die sachliche Begründung lesen.

Bevor solche Beschwerdetiraden über die schlechten Angebote im Kinder- und Jugendfreizeitbereich gemacht werden, sollten sich alle Flashmobber und Kommentatoren erstmal informieren. Görlitz bietet viele Freizeitmöglichkeiten und informelle Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche. Es gibt Kinderclubs (Camaleon: Link unterdrückt, Kinderschutzbund: Link unterdrückt), Jugendclubs (ASB Jugendhaus: Link unterdrückt, Ca-Tee-Drale, Jugendclub Domiziel: Link unterdrückt), ein Mehrgenerationenhaus (Link unterdrückt), viele Spielplätze, Bolzplätze und Unmengen an Sportvereinen (Link unterdrückt). Familien mit geringem Einkommen können über die Fördermöglichkeiten von Bund und Kommune ihren Kindern eine Teilhabe ermöglichen (Anträge auf Leistungen für Teilhabe: Link unterdrückt; Förderung von Erholungsreisen und Ferienfreizeiten der Stadt Görlitz: Link unterdrückt).
Und diese Zusammenstellung ist nur ein Auszug der Möglichkeiten. Viele Jugendliche halten sich zudem freiwillig auf öffentlichen Plätzen auf. Und damit auch diese eine Betreuung erhalten, gibt es in Görlitz eine Mobile Jugendarbeit, die an die Jugendlichen herantritt und ihnen Beratungs- und Freizeitmöglichkeiten anbietet.
Die Kinder und Jugendlichen sollten erstmal die vorhandenen Angebote intensiv nutzen, bevor Forderungen nach neuen Einrichtungen gestellt werden.


Jugendarbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit im Allgemeinen sind jedoch bundesweite strukturelle Probleme. Der moderne Bürger muss leider eine gewisse Bereitschaft zur Mobilität mitbringen, sprich, Ausbildungs- und Arbeitsplätze über die Stadtgrenzen hinaus suchen.

Weder waren die Jugendlichen "halbvermummt", noch dürfte Herrn Paulick unklar gewesen sein, was wohl Grund und Anlass für den Aufzug gewesen sein könnte. Die Menge hat sich meines Wissens nicht bedrohlich verhalten, zumindest haben sich ja wohl die meisten Stadträte nicht eingeschüchtert gefühlt. Einen unabhängigen Flashmob, den so manche Stadt bei uns nötig hätte, hier als parteipolitische Aktion darzustellen, ist zu sehr vereinfacht.

Also ich muss erst einmal anmerken: ich bin keine "alte" Görlitzerin. Aber ich bin/musste aufgrund der schlechten Möglichkeiten die sich uns jungen Menschen in Görlitz damals boten weggezogen. Görlitz hatte damals (vor nicht einmal 10 Jahren) nichts für die Jugend zu bieten. Das ist fakt. Die angebote die es gab konnte ich mir und meine Eltern sich nicht leisten. zu teuer, zeitaufwändig oder man kam gar nicht erst herein.
Von dem Ausbildungsmarkt möchte ich gar nciht erst anfangen.

Ein weiteres Jugendzentrum? Wo versteckt sich den das alte und was tut es?
Ich glaube den Jugendlichen ging es nicht nur um das Jugendzentrum und die Darstellung von Herrn Jens kann ich schon nachvollziehen, finde sie aber überspitzt dargestellt.
DEN: wenn wäre dies ein Flashmob der EIGENEN Schüler.
Mittlerweile sollte auch in Görlitz angekommen sei das Flashmobs NIE mit den Grundgedanken Gewalt ausgestattet sind. Es hat etwas mit einer neuen Art Meinungsfreiheit zu tun. Statt auf der Straße zu Lärmentieren, gehen sie direkt an den Ort des geschehens. Oder es hat etwas mit der Freude am Leben zu tun, ich denke sie wissen was das ist.

Hier sollte auch nur ein Aufrütteln geschehen. Flashmobs dauern nie lange. Das sollte auch ein Herr Paulick wissen.

Ich finde diese "Tat" der Görlitzer Jugendlichen sehr lobenswert. Ich wäre damals für meinen Teil sehr gerne in Görlitz geblieben und ich würde auch sehr gerne wieder in die Heimat um meine Kinder da aufzuziehen. Aber auch mit dem Hintergrund das meinen Kindern etwas geboten wird in Sinne von Bildung und Freitzeitangeboten.

Meine Frage wäre nun: Wie kommen sie auf die SED? laut mienes Geschichtswissens gibt es diese Partei nicht mehr.
Vllt sollten sie aufhören in der Vergangenheit zu leben.
Blicken sie in die Zukunft und die liegt nunmal in den Händen der KINDER.

Und diese wehren sich jetzt der Vernachlässigung.

Und ich für meinen teil würde für einen neuen Spielplatz, Jugendzentrum spenden. Auf die menge, die jeder einzelne gibt, kommt es nicht an, sondern auf das große gesamte. Ich möchte die Kinder nicht auf der straße wissen, irgendeinen Unsinn machend. Ich hätte sie lieber "aufgräumt", gefordert und gefördert und vllt etwas bewerkstelligen. Etwas wo sie später sagen können: Schaut her ihr "Alten" das haben wir gemacht, für uns alle.

Auch kinder brauchen das gefühl gebraucht zu werden und das auch sie etwas können. Anerkennung und das nicht nur von der Familie sondern auch von anderen, ja auch Fremden.



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