Seit Jahren lebt Marie-Christin Oehme neben dem Uhyster Kinderheim. Viel Verständnis haben sie, ihr Mann und ihre Mutter den Jugendlichen entgegengebracht. Doch jetzt ist das Maß voll.
Michael Oehme ist aufgebracht. In panischer Angst rief ihn seine Frau Marie-Christin am Dienstagabend vergangene Woche an. Der 33-jährige Uhyster befand sich zu diesem Zeitpunkt – wie immer unter der Woche – in Süddeutschland, wo er seiner Arbeit nachgeht.
Der Anruf erreichte ihn nach 22 Uhr. Laut knallten grüne Kastanien – wie sich erst am nächsten Morgen herausstellte – gegen die Fenster der Wohnung des jungen Paares. "Den Beschuss konnte ich sogar im Telefon hören", erinnert sich Michael Oehme.
Verantwortlich für den Aufruhr waren fünf Jugendliche aus dem Kinderheim gegenüber. Sie standen auf dem Wellblechdach eines Unterstandes und warfen mit aller Kraft die Früchte des nebenstehenden Baumes auf die Scheiben des nur wenige Meter entfernten Hauses der Oehmes. Drinnen hörte die 24-jährige Marie-Christin Oheme die Fensterscheiben laut klirrten und musste befürchten, dass diese jeden Moment zerspringen könnten. Um sich vor möglichen Glassplittern in Sicherheit zu bringen, flüchtete sie mit dem Familienhund in den Flur.
Anrufe im Kinderheim zeigten keine Wirkung. Zumal Marie-Christin Oehme beobachtet hatte, dass ein Erzieher neben den Jugendlichen stand und mit Worten versuchte, sie von ihrem Tun abzubringen. "Das geht gar nicht", ereifert sich ihr Mann noch Tage später. "Der Heimleiter hätten es verhindern müssen und die Jungs vom Dach holen." Die Situation entspannte sich erst, als die herbeigerufene Polizei in den Ort fuhr und die Jugendlichen das Weite suchten.
Für die Oehmes ist die Sache damit nicht beendet. Sie wollen, dass der entstandene Schaden beglichen wird – drei Fensterscheiben haben Haarrisse und müssen getauscht werden. "Vor allem möchte ich meine Sicherheit wieder haben", sagt Marie-Christin Oehme. Sie und ihr Mann befürchten weitere, vielleicht noch schwerere Übergriffe und haben deshalb mit dem Heimleiter und dem Träger einen Gesprächstermin vereinbart, der wenige Tage nach dem dramatischen Abend stattfindet.
Hier versucht Erzieher Steffen Gutzmann bei den Nachbarn des Kinderheims "Kastanienhof" Verständnis für die Situation der Jugendlichen zu wecken. Sie haben in ihrem Leben nie Zuverlässigkeit von Erwachsenen erfahren, kennen keinen regelmäßigen Tagesablauf. Im Kastanienhof lernen die 14- bis 18-Jährigen Regeln und Pflichten kennen. Betreut werden sie dabei von Erziehern der Louisenstift gGmbH aus Königsbrück, die weitere Wohngruppen in Uhyst, Brauna und Schönteichen unterhält. Deren Geschäftsführerin Karina Wendlandt zeigt Verständnis für die Angst der Oehmes. Sie erklärt aber auch, weshalb die Betreuer nicht handgreiflich gegen die Jugendlichen vorgegangen sind. "Gewalt erzeugt immer Gegengewalt", sagt Wendlandt.Eine Erklärung, die Marie-Christin und ihrem Mann zwar einleuchtet, die sie aber kaum akzeptieren können, schließlich sahen sie an jenem Abend ihre Gesundheit in Gefahr. Die Worte von Erzieher Steffen Gutzmann tragen wenig zur Beruhigung bei. Er erklärt, es seien schwierige Jungs – schwerste Kaliber, die bereits aus anderen Einrichtungen rausgeflogen seine. Doch eine geschlossene Unterbringung ist in Sachsen nicht erlaubt. Außerdem hätten sich die Jugendlichen in der Obhut des Louisenstifts bereits positiv verändert. "Sie haben gelernt Krisensituationen auszuhalten und nicht davon zu laufen", sagt die Geschäftsführerin.
Allein mit pädagogischen Mitteln müssen die sechs Erzieher und ein Arbeitstrainer die Jugendlichen in der Wohngruppe auf ein normales Leben vorbereiten. "Es kann funktionieren, aber es dauert verdammt lange", so Gutzmann. Natürlich sei es nicht akzeptabel, wenn Nachbarn darunter leiden müssen, wenn ein Einziger in einer Krisensituation die ganz Gruppe mitreißt. "Ganz wichtig ist eine Anzeige bei der Polizei", erklärt Karina Wendlandt. "Sie müssen die juristischen Konsequenzen ihres Tuns erleben." Eine Sache, die Oehmes bereits umgesetzt haben. Anzeigen wegen Beleidigung und Sachbeschädigung liegen bei der Polizei. Die Kosten für den Austausch der drei Fensterscheiben wird die Louisenstift gGmbH tragen, sichert deren Geschäftsführerin zu.
Doch eine Garantie, dass solche Abende nun der Vergangenheit angehören, kann keiner der Beteiligten geben. Erzieher und Heimleiter Steffen Gutzmann erklärt es so. "Für uns ist es ein Supertag, wenn es ruhig bleibt. Normal ist es, wenn es quer geht." So bleibt für die Oehmes nur die Hoffnung auf viele besondere Tage bis zum Jahresende. Dann nämlich soll diese Einrichtung in Uhyst geschlossen werden. Grund dafür ist vor allem die räumliche Situation. Das Haus sei deutlich zu groß für diese kleine Gruppe. Die beiden anderen Uhyster Wohngruppen in der Taucherwaldstraße und der Alten Straße 1. bleiben erhalten.
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