Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

Wie aus einem Wessi ein Wut-Ossi wurde

Wie aus einem Wessi ein Wut-Ossi wurde

Woodstock hat Wolfram Kasts Verständnis von der Welt bestimmt. Der Badener reflektiert diese nun vom Osten, jedoch mit Verwunderung über den Westen. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Alternativer Text Infobild

Wolfram Kast in den 70er Jahren im heimischen Schwarzwald Foto: privat

Seit zwei Jahren lebt der Badener Wolfram Kast in Görlitz und wird schon von alten Weggefährten als Ossi betrachtet, der im hinterwäldlerischen Teil der Republik politisch quasi kontaminiert worden sei – eine Spurensuche.

Görlitz. Vor zwei Jahren gab sich Wolfram Kast (65) aus dem südbadischen Singen am Hohentwiel einer Laune hin. Der seit 1998 als freier Autor für juristische Fachbücher tätige Badener sagte sich: „Ich hab ja das freie Leben. Wo ich meiner Arbeit nachgehe, spielt für mich keine Rolle“ und zog spontan nach Görlitz. Dass Görlitz schön sein sollte, hatte er gehört. „Ich gucke mir mal Dunkeldeutschland an, wo ich noch nie war und wo ich wirklich niemanden kenne“, fasst er seine neugierige Lust auf Erkenntnisgewinn zusammen, die ihn ebenso gut nach Vorpommern oder in die Priegnitz hätte führen können.

Im Schwarzwald aufgewachsen, verbrachte er 40 Jahre in Freiburg im Breisgau. Erst als Student, später bei einem Verlag. „Ich hab eine für meine Generation eigentlich typische Sozialisation. Mein Studium Anfang der 70er Jahre war von den Umbrüchen der Zeit mit den Studentenerhebungen geprägt. Ich habe das Leben genossen und hatte im Dreiländereck Deutschland, Schweiz, Frankreich die Welt vor den Füßen“. Lange Haare, Vollbart, Rock ’n’ Roll und das freie Leben spiegelten das Aufbegehren wieder, sein Hang zu roten, flachen Sportwagen gleichfalls jedoch auch den Lebensgenuss im Wirtschaftswunderwesten.

„Ein richtiger 68er bin ich nicht gewesen, aber ein 69er. Der Mythos Woodstock 1969 und die Musik haben mich geprägt“, sagt er. Ein Unwohlsein hatte er allerdings schon damals. „Die 68er habe als zu elitär und arrogant empfunden, die Hippies hingegen als zu naiv. Das Lagerdenken hat mir so gesehen immer gefehlt“, wobei er im Rückblick zu Ersteren anmerkt: „Bei den 68ern merkte man immer die Haltung: ‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen’, die heute unter neuen Vorzeichen wieder Einzug gehalten hat.“
Und wer den missionarischen Eifer nicht teile, indem er die gesinnungsüblichen Wortschablonen nicht mittrage, komme dann eben in die Zwickmühle, die auch Wolfram Kast in die Zange genommen hat. „Im linken und linksliberalen Milieu gab und gibt es hochintelligente Köpfe, aber diese Lust- und Humorlosigkeit bis hin zum Gesinnungsterrorismus hat mich schon immer abgestoßen“.

Nach den zwei Jahren in Görlitz hat Kast zwei langjährige Freunde verloren, Telefonate mit anderen Weggefährten aus der badischen Heimat stehen unter dem Stern atmosphärischer Zensur. Was ist passiert? Wieder einmal erwies sich die Flüchtlingskrise und ihre Nachwirkungen als Auslöser. „Eigentlich war es ein ganz typischer Kontakt per E-Mail, in dem wir eher am Rande auf Nordafrikaner kamen“. Wolfram Kast versah die Gruppe mit den Bemerkungen vom „Klischee von Ausgehungerten“ und schrieb in freier Rede, wie er sich als Jurist der alten Bundesrepublik quasi mit der Muttermilch aufgesogen hatte, dass er daran zweifle, dass Fachkräfte nach Deutschland kämen, wie dies zahlreiche Leitmedien und die Politik suggerierten. Nachdem er angefügt hatte, hier könnte ein Prekariat von morgen entstehen und eigentlich locke doch viele eher das üppige deutsche Sozialsystem, schlug die PC-Falle zu. Er sei nicht nur im Osten wohnhaft, sondern höre sich nun auch wie ein dortiger Ureinwohner an. Kast schrieb in die Antwortmail genervt: „Ich bin jetzt von Beruf Ostsachse“ – seither besteht zu einem seiner besten Freunde Sendepause.
Dieser Tage habe er sich bei Youtube wieder einmal genüsslich ein Interview von Altkanzler Helmut Schmidt angehört, in dem dieser 2011 bei Maischberger über die Grenzen der Zuwanderung sprach – vier Jahre vor Merkels Grenzöffnung nach Süden. „Heute wäre die logische Konsequenz ein Parteiausschlussverfahren und man bekommt einen Schreck davor, in wie wenigen Jahren die offene Rede eingebrochen ist. Juristisch gibt es sie, aber die Konsequenz falscher Worte ist ebenso unerbittlich“, fasst er seinen Eindruck zusammen.

Ein zweiter Kontakt in sein altes linksliberal geprägtes Umfeld der Studentenstadt Freiburg ging ähnlich verloren. „Du redest wie die Leute von der AfD“, habe ihm ein anderer Freund gesagt. „Das alles an ein, zwei falschen Worten aufgehängt. Man wird gar nicht mehr gefragt, sondern es heißt: „Du hörst Dich so an wie…“, bringt es Wolfram Kast außer Fassung, der sich nicht verbieten lassen möchte, wo er sich überhaupt informiert. Aber an falscher Stelle gesichtet bedeute heute oft schon als Teil eines Lagers betrachtet zu werden.

Die CDU in Baden-Württemberg hatte einst fast erblich das Amt des Ministerpräsidenten im Ländle. „Ich habe den grünen Kretschmann gewählt, um die abgenutzte Union mal von der Regierungsbank zu bekommen“, betont Kast, der von den vielen zivilgesellschaftlichen Angeboten in Görlitz angetan ist. „Auch hier werden Diskussionen zwar zunehmend – oft übrigens durch Zugewanderte – schwierig, im Allgemeinen kann man hier gegenüber dem Westen jedoch fast noch freie Luft atmen“. 2017 habe er übrigens als politisch interessierter erstmals gar nicht gewählt: „Ich habe nicht einmal mehr aus taktischen Erwägungen mein Kreuz gemacht, weil es nicht einmal die mehr gab“.

Auf die Frage, wie das gesellschaftliche Dilemma angefangen habe meint Wolfram Kast. „Permanent werden seit den 90er Jahren Mini-Minderheiten unterstützt. Ich gründe bald eine Interessenvertretung laktoseintoleranter einbeiniger Schaffner, so kann man sich vermutlich am besten Gehör verschaffen“, meint Kast lakonisch. Die Diskussion um den Gleichbehandlungsgrundsatz habe nämlich merkwürdige Blüten getrieben. Gleichbehandlungsgrundsatz bedeute juristisch nämlich nicht automatisch, dass jede Ungleichheit Unrecht ist, „da eine unterschiedliche Behandlung von Personen oder Sachverhalten nach unserem Recht sehr wohl möglich, zulässig und auch zweckmäßig ist, sofern sachliche Gründe dies rechtfertigen“, klärt er auf. Einen Freund (seit 1971) habe schon die Zusammenfassung dazu veranlasst ihn anzublaffen: „Und das sagst du mir als Jurist? Bist du Rassist und Sexist?“ und überhaupt solle er sich vor einer Antwort im Grunde erst einmal für seine Worte schämen. „Hauptsache, man fühlt sich auf der Seite der Guten und kann sich an der eigenen (nur gefühlten) moralischen Überlegenheit berauschen“, kommentiert der 65-jährige die künstliche Empörung.

„Dass ich nun zwischen den Stühlen sitze, stört mich eigentlich nicht, denn zwischen den Stühlen, kann man die Stühle am besten erkennen. Aber ich frage mich: Wo ist die Mitte geblieben, die wir stabil halten müssen? Ganz bestimmt nicht dort, wo man nur mit Durchhalteparolen ermahnt wird“.
 

Till Scholtz-Knobloch / 24.08.2019

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Die Mail-Adresse wird nur für Rückfragen verwendet und spätestens nach 14 Tagen gelöscht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Kommentare zum Artikel "Wie aus einem Wessi ein Wut-Ossi wurde"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Stefan schrieb am

    Super Herr Kast, Sie sprechen vielen Menschen aus der Seele, die sich nicht mehr trauen den Mund aufzumachen. Wer in diesem Land weiter als von der Wand bis zur Tapete denkt und Kritik übt wird sofort in die rechte Ecke gestellt. Ich habe die DDR erlebt und kann, im Gegensatz zu ´Altbundesbürgern` Vergleiche anstellen, und zwar mit erschreckenden Parallelen. `Wer nicht für uns ist, ist gegen uns`, so sah in der DDR und sieht heute die Bewertung Andersdenkender aus.

    Du lieber Torsten forderst ganz sicher auch lautstark Toleranz für diese Flüchtlingspolitik. Wie tolerant du bist zeigt dein Beitrag, mal an der eigenen Nase ziehen. Wenn du nachdenken würdest, könntest du auch die Perfidität einer solchen Politik erkennen. Hier werden zig Milliarden für Priveligierte, die es sich leisten konnten nach Deutschland zu gehen, ausgegeben. An die armen Menschen, die in ihren Ländern in Krieg und Dreck bleiben müssen wird zuletzt gedacht.

    Ich vergleiche das Ganze immer mit dem Mittelalter. Die Reichen gaben Almosen für die Bettler und die Kirche, um sich von den Sünden freizukaufen und ihren Seelenfrieden zu erhalten, pfui Teufel!

  2. Erwin Koriander schrieb am

    Wunderschön zu sehen, wie "Torsten" die Ausführungen Wolfram Kasts bestätigt. Köstlich! Besser hätte man es nicht bestellen können.

    Lieber Torsten,
    wieso sollte niemand mehr mit Herrn Kast etwas zu tun haben wollen? Weil Ihnen seine Meinung nicht gefällt? Ich z.B. stimme den Ansichten und Beobachtungen Herrn Kast vollumfänglich zu, und bin damit sicher nicht allein.

    Sollte Herr Kast sich nach Ihren Äußerungen, lieber Torsten, also nun einsam, verstoßen und verlassen fühlen (was ich nicht glaube ,-) ), so möge Herr Kast sich an die Redaktion wenden, die hat ja meine Email-Adresse, und dann lade ich ihn herzlich auf ein tröstendes Helles in der Bierblume ein.

    Aber, wie gesagt, ich glaube es geht dem Herr Kast sehr gut, und er benötigt Ihre Belehrungen nicht.

  3. Erhard Jakob schrieb am

    Im Osten wurde früher viel mehr geredet! Heute schweigen sie! Sie haben Angst, dass der Gegenüber ihnen das Wort im Munde umdreht!

    Früher ging es um das WIR! Heute geht es nur noch um das ICH!

  4. Torsten schrieb am

    Hallo Herr Kasts, wieso müssen wir die Mitte stabil halten? Wenn sich die Welt drumherum verändert, dann muss sich die Mitte eben auch bewegen - ob sie will oder nicht. Und was meinen Sie eigentlich mit Durchhalteparolen? Meinten Sie damit etwa den Umgang mit Migranten aus Nordafrika? Ja einige von denen können ganz schön nerven und der eine oder andere ist sogar totgefährlich. Aber das sind eben nur Ausnahmen! Und da sind wir auch schon am Kern Ihrer Aussage über die Menschen aus Nordafrika angelangt: Sie werfen alle in einen Topf. Dabei können Sie garnicht wissen, welche Qualifikationen dies Menschen mitbringen können. Deshalb will keiner mehr etwas mit Ihnen zu tun haben und das ist gut so! Kleiner Tipp am Rande: Redefreiheit Herr Kasts ist sicher ein wichtiges Grundrecht aber manchmal ist es besser einfach mal die Klappe zu halten. Fröhliche Ostern!

Weitere aktuelle Artikel