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Den Paneuropageist nach 30 Jahren beleben

Den Paneuropageist nach 30 Jahren beleben

Roland Vörös vor einem Fragment seines 8 Meter langen Modells der einstigen ungarischen Grenzsicherungsanlagen gegenüber Österreich, wo 1989 der Eiserne Vorhang riss. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Der in Görlitz lebende Ungar Roland Vörös möchte, dass sich die Europäer wie 1989 wieder die Hand reichen und heute Dankbarkeit für das Erreichte zeigen. Für eine Erinnerung an das Paneuropäische Picknick, das 1989 den Eisernen Vorhang durchbrach, baut der Holzkünstler ein Stück der alten Grenzanlagen nach. Aber seine Vorstellung von Europa entspricht nicht dem, was vielfach als Europa angepriesen wird.

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Roland Vörös möchte mit seiner Nachbildung der ungarisch-österreischischen Grenze die Dimensionen der Umbrüche 1989/90 veranschaulichen. Hier zeigt er ein Modell seiner Nachbildung, das dieser Tage noch bei der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien eG lagert, da die Bank sein Anliegen sponsort.
Foto: Scholtz-Knobloch

Görlitz. In seinem Atelier in der Bautzener Straße liegen viele naturbelassene Holzstücke im Regal, aus denen Roland Vörös seine Accessoires schafft – im Schaufenster zeigt er gerade futuristisch anmutende Lampen aus kantigen Hölzern, deren Oberflächenstruktur gängige Bilder von der Zukunft auflösen.

Roland Vörös ist dennoch das Gegenteil eines überdrehten Künstlers, sondern ruhig, ja sanft, im Umgang mit seinem Arbeitsmaterial wie auch mit der Sprache. Mitten in seinem Atelier wirken zwei massive, mit Draht verbundene Pfeiler wie eines seiner künstlerischen Werke. Doch seine aktuelle Arbeit wird keine Stube zieren, sondern ist dem 40-jährigen Ungarn, der bei den Umbrüchen in Europa 10 Jahre alt war und dennoch die Leidenschaft für Europa in sich trägt, eine Herzensangelegenheit. „Ich möchte meine ganze Liebe zum Handwerk, zur Geschichte, aber auch zu meiner Heimat und auch meiner neuen Heimat Deutschland offenbaren“, sagt er mit dankbarer Ausstrahlung über eine in zusammengesetzten Zustand acht Meter breite Nachbildung der ungarischen Grenzanlagen gegenüber Österreich in der Endphase des zusammenbrechenden Warschauer Pakts.
Vörös’ Grenzanlage wird am 30. Oktober im Literaturhaus Alte Synagoge in der Langenstraße 20 das Sinnbild für die Erinnerung an das Zusammenwachsen Europas und das Abschütteln des sozialistischen Toltalitarismus sein. Mit einer damals über Ungarn in den Westen geflohenen Dresdnerin und mit Pfarrer Albrecht Naumann, der das Friedensgebet in der Görlitzer Frauenkirche am 6. Oktober 1989 initiierte, erinnern Zeitzeugen dort ab 18.00 Uhr an die epochalen Umbrüche und ihre noch heute nachwirkende Botschaft auf Einladung des Literaturhauses und des Senfkorn-Verlages, dessen Entstehungsgeschichte quasi aus einem paneuropäischen Geist erwuchs.

„Paneuropäisches Picknick in Ungarn im Sommer 1989“ heißt die Veranstaltung, die Roland Vörös in seinem ungarischen Nationalstolz ergriffen hat.
Auch wenn Ungarn mit Wissen der UdSSR bereits im Mai 1989 mit dem Abbau von Grenzanlagen begonnen hatte, hatte die Idee des damaligen CSU-Europaparlamentariers Otto von Habsburg (†) sowie des Ungarisch Demokratischen Forums (MDF) für ein Paneuropäisches Picknick am 19. August 1989 mit improvisiertem Grenzübergang durchschlagenden Erfolg. Dieses wurde durch die ersten Massen von DDR-Bürgern, die hier zwischen Steinambrückl (Sopronköhida) und Sankt Margarethen im österreichischen Burgenland den Eisernen Vorhang überwanden, auch Fanal für den Fall der Berliner Mauer. Die gezielte Herausforderung der Grenzbeamten und vor allem der Sowjets zeigte, dass diese nicht mehr eingreifen würden und die Satellitenstaaten der Sowjetunion ihrer Freiheit entgegentraten. Otto von Habsburg war als Sohn des letzten österreichischen Kaisers und ungarischen Königs quasi die Idealbesetzung dafür, an der Bruchstelle Europas Geschichte zu kitten.

Roland Vörös kam vor sieben Jahren aufgrund einer Restauratorenfortbildung nach Görlitz, heiratete eine Deutsche, die drei Kinder mit in die Ehe brachte und ist seit einem Jahr Vater eines gemeinsamen Kindes mit seiner Frau. „Ich bin nun Vater eines deutschen Sohnes“, betont Vörös, der in seinem Denken viele historische Anleihen nimmt: „Das enge Verhältnis zwischen Deutschen und Ungarn ist lang, schon allein weil Deutsche und Ungarn viele Jahrhunderte mit den Habsburgern einen gemeinsamen Kaiser hatten. In beiden Weltkriegen und selbst in der DDR-Zeit standen Deutsche und Ungarn auf einer Seite. Heute sehen wir eine Spannung zwischen West- und Osteuropa – das ist jedoch eine vorübergehende Zeit, aber wir erleben sie gerade und das belastet mich“. Dennoch hätte er auch ohne diese Belastung eine Erinnerung an 1989 angestrebt.

Betrübt ist Vörös jedoch darüber, wie schnell heute Sprachlosigkeit eintritt: „Ich merke schon im Umgang mit guten Bekannten in Görlitz, wie schwierig es geworden ist, meinen konservativen ungarischen Standpunkt darzulegen. Oft wird dann einfach höflich abgelenkt.“ Ungarn habe seit 2015 wie Polen seinen eigenen Weg in der Migrantenkrise gewählt. „Ich halte diesen Weg für richtig, Deutschland wählte seien eigenen Weg, aber weil Deutschland in Europa diktiert, verlangt es, dass alle anderen auch diesen Weg gehen“.

Vörös steht vor seinem Werk und erläutert: „Das ist ein Stück des eisernen Vorhanges, ein Signalzaun, die Signaldrähte sind Stacheldrähte und in der Mitte sind zwei riesengroße Flügel. Durch diese Flügel rannten damals die DDR-Bürger“. Diese „Mauer“ ist auf – seit 30 Jahren.
Vörös betont, dass Ungarn damals das wohl freiste Land unter den Ostblockstaaten war. „Der ungarische Außenminister wollte prüfen, was es mit Glasnost und Perestroika von Gorbatschow auf sich habe oder ob doch noch die Breschnew-Doktrin einer beschränkten Souveränität der sozialistischen Staaten gelte. Sie haben einfach einmal abgetastet, was sich zuvor keiner traute. Es gehörte viel Mut dazu und es war vorhersehbar, dass etwas passieren würde“. Otto von Habsburg und das Ungarische Demokratische Forum aus Debreczin (Debrecen) deuteten gegenüber DDR-Urlaubern an, dass beim Picknick die Grenze für drei Stunden geöffnet werde, aber das in der Form eines Friedensaktes zwischen Ungarn und Österreich. Die subtile Botschaft, dass dort vielleicht mehr möglich sei, zeigte ihre Wirkung. „Hunderte Urlauber aus der DDR haben das Grenztor einfach aufgedrückt und dieses durchbrochen. Otto von Habsburg war und ist in Ungarn ein sehr geehrter Mann, er sprach fließend ungarisch, war sehr bescheiden und das ungarische Volk ist ihm nicht allein wegen des Picknicks verbunden gewesen, sondern aufgrund seines ganzen Engagements für Ostmitteleuropa. Ich sehe, dass die paneuropäische Bewegung heute eine Randerscheinung in Deutschland ist – aber es ist ein ganz wichtiges Stück Vorgeschichte auf dem Weg zur Einheit Europas.“ Und auch von den Habsburgermonarchie könne man noch heute viel lernen, vor allem im Hinblick auf ein friedliches Zusammenleben der Völker.

„Meine Mutter ist im heutigen Rumänien geboren, im damals zu Ungarn gehörenden Siebenbürgen.“ Er selber sehe hier viele emotionale Gemeinsamkeiten mit den Deutschen. Der Schmerz über den Zusammenbruch Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg und das Trauma des Vertrages von Trianon, der die einst große Nation auf einen kleinen Rumpfstaat reduzierte, werde im Gegensatz zu Deutschland und dessen Erinnerung an Versailles jedoch bis heute offen als nationales Trauma des Verlusts betrachtet, die auch ganz anders als in Deutschland eine hohe Verantwortung gegenüber den Angehörigen der eigenen Nation im Ausland nach sich zieht. Während die Deutschen kaum noch etwas über die 700.000 nach dem Ersten Weltkrieg aus dem wiederentstandenen Polen verdrängten Deutschen wüssten, zumal dies vom Millionenheer an Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkriegs überlagert werde, bestehe in Ungarn wegen des Verlusts von Siebenbürgen oder dem heute südlichen Streifen der Slowakei mit seiner ungarischen Bevölkerungsmehrheit ein „riesengroßer Schmerz, der auch immer politisch hervorgehoben wird“.

Die Europäische Union böte die Lösung zur Heilung dieses Schmerzes, nicht durch einen starken Nationalismus, „sondern gerade dadurch, dass es heute möglich ist, in verschiedenen Ländern zu leben, dabei aber in Vielfalt an der eigenen Sprache festzuhalten“. Und dies werde unter den Ungarn in Siebenbürgen in Rumänien und in der Slowakei auch getan. „Der Unterschied zur Betrachtung der Deutschen ist, dass im polnischen Schlesien heute kaum noch Deutsche leben. Dagegen leben in Rumänien 1,4 Mio. Ungarn und in der Slowakei 400.000, die ihre ungarische Kultur und Sprache im Alltag bewahrt haben und trotz ihrer staatlichen Zugehörigkeit sagen: ’Wir sind Ungarn.’“

Vörös hat nach Studium ein freiwilliges Jahr im rumänischen Siebenbürgen bei der St.-Franziskus-Stiftung absolviert. „Wir haben Waisenhäuser gebaut, renoviert, und das war das schönste Jahr meines Erwachsenenlebens. Ich kenne dieses Gebiet sehr gut, bin mit dem Fahrrad und zu Fuß dort unterwegs gewesen. Es ist wunderschön dort. Görlitz ist etwas ganz ähnliches. Ich sage es oft – Euer Schlesien ist mein Siebenbürgen! Aber wir können unser Siebenbürgen noch weniger vergessen, weil unsere ungarische Kultur dort weiter lebt und blüht. Dass unsere ungarische Regierung dies unterstützt, rechne ich ihr hoch an.“

Die Deutschen hingegen würden sich am liebsten in Europa auflösen und sie verstünden Europa damit oft ganz anders als „wir Ungarn“.
 

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Till Scholtz-Knobloch / 19.10.2019

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