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Ein Leben mit der Maske vorm Mund

Ein Leben mit der Maske vorm Mund

Masken für Schulen: Im Auftrag des Landkreises haben die THW-Ortsverbände Bautzen und Kamenz jüngst insgesamt 35.000 Mund-Nasen-Schütze an 170 Bildungseinrichtungen verteilt. Foto: LRA BZ

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Menschen wie Luise Dutschmann verlieren auch in schwierigen Zeiten wie diesen nicht den Sinn für Humor. Foto: privat

Was sich bisher auf die Faschingszeit beschränkte, wurde nun auch hierzulande auf unbekannte Dauer salonfähig gemacht. Es ist Maskenball in der Lausitz. Infolge der Corona-Krise benötigen die Menschen seit drei Wochen eine Mund-Nasen-Bedeckung, sobald sie den öffentlichen Nahverkehr benutzen oder ein Geschäft aufsuchen. Doch wie kommen sie mit dem Schutz vor dem Gesicht klar? Ihr OLK hat nachgefragt.

Bautzen. Fakt ist: Immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens greifen diese Sicherheitsmaßnahme auf und machen diese ebenfalls zur Pflicht. Mittlerweile pochen sogar Behörden darauf, eine Schutzmaske aufzuziehen, sobald die Amtsgebäude betreten werden. Ausnahmen bestünden grundsätzlich nur bei Kindern oder Schutzbefohlenen, wenn sie nach Einschätzung ihrer Eltern und Sorgeberechtigten dazu nicht in der Lage sind, sowie bei Personen, die nachweislich aus gesundheitlichen Gründen eine Abdeckung nicht tragen können. „Auch wenn die Regelung nicht bußgeldbewehrt ist, wird doch an das Verantwortungsbewusstsein aller appelliert, sich daran zu halten“, stellte eine Sprecherin der Görlitzer Kreisverwaltung klar. „Außerhalb dieser Bereiche besteht die dringende Empfehlung, im öffentlichen Raum ebenso Mund und Nase abzudecken.“

„Ich sehe das entspannt, da sich das Tragen nur auf die Dauer einer Zugfahrt beziehungsweise eines Einkaufs reduziert“, meint Jörg Krenz aus Bautzen in Bezug auf die jüngste Entwicklung. „Man macht zwar mit, aber wenn wir mitten in fremden Menschenmassen dem Einkaufsvergnügen frönen dürfen, dann sollten erst recht das gemeinsame nachbarschaftliche Grillen und andere Dinge wie die Urlaubsfahrt oder der Kneipenbesuch möglich sein. Das aktuelle Rumgeeiere ist derart inkonsequent, da kann man gleich das pralle Leben wieder einführen. Meine Hochachtung gilt hingegen allen, die wie beispielsweise Verkäuferinnen diese Dinger jetzt stundenlang tragen müssen. Ich hoffe, dass dies bei den Trägern nicht zu anderen Krankheiten führt, denn hygienisch ist das alles nicht.“

Die Tagesmütter Sandra Scholz aus Ottendorf-Okrilla und Heidi Schäfer aus Sdier denken, dass die Mund- und Nasenschütze noch bis zum Jahresende die täglichen Begleiter auch der Menschen in der Oberlausitz sein werden. „Es ist ungewohnt vor dem Betreten des Geschäftes die Maske aufzusetzen und dann damit herumzulaufen, aber für einen kurzen Besuch beim Bäcker oder Metzger ist das schon machbar. Für längere Zeit können wir uns das allerdings nicht vorstellen. Da wird das Atmen nach einiger Zeit schon recht unangenehm“, sagen beide. Deshalb schätzen auch sie die Arbeit derer, die immer oder einen Großteil des Tages mit Mundschutz arbeiten müssen. 

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Renate Kroschk aus Bautzen hat sich inzwischen mit der neuen Situation arrangiert. Damit ist sie nicht allein. Foto: privat

Aus eigener Erfahrung als Brillenträgerin schilderte Sandra Scholz noch eine kurze Episode, die sie kürzlich inmitten der Corona-Krise erlebte: „Ich war beim Optiker, weil ich dringend eine neue Brille brauchte. Das Ausmessen der Augen war eine echte Herausforderung, da ständig alles beschlagen war. Aber letztendlich haben wir es geschafft. Die neue Brille ist mittlerweile da und ich sehe wieder prima. Mit Geduld ist viel zu erreichen.“

Die Bautzenerin Ulrike Biebrach, die nach dem Eintritt ins Rentenalter als Unternehmerin noch einmal durchstartete, hat mit dem Mund- und Nasenschutz kein Problem. „Ich gebe mich eher dem Fatalismus hin als zu versuchen, irgendwelche Gründe zu finden, weshalb ich mich nicht an die Maßnahmen halten sollte. Ich könnte ja auch danach suchen, warum ich das nicht will, aber das hilft wenig.“ Vielmehr befürchtet sie, dass die Maskenpflicht „langsam aber sicher einen Interessenkonflikt in der Bevölkerung mit sich bringt“. Auf der einen Seite gäbe es Verständnis dafür, andererseits Unwillen und Dummheit. „Auch ich glaube, so wie die Politik diesen Interessenkonflikt angeht, entscheidet sich, wie der soziale Friede aussehen wird. Als Teil der sogenannten Risikogruppe nehme ich mit dem Wissen um die Zusammenhänge alle sinnvollen Einschränkungen an.“

„Ich finde das Tragen dieses Schutzes eine gute Sache, wenn ihn alle tragen“, betont Renate Kroschk aus Bautzen. „Trotzdem sollte zusätzlich der Abstand zum Gegenüber gewahrt werden. Bisher habe ich dort, wo es Pflicht ist, ausschließlich maskentragende Menschen gesehen. Es gibt aber in sozialen Medien verbale Entgleisungen zum Nichttragen, die ich nicht gutheißen kann. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, besteht die Möglichkeit, Infektionen zu vermeiden.“ Deshalb hält sie sich an die Vorgaben der Politik. Jedoch findet sie, dass von deren Seite nur halbherzig gemeinsam gehandelt wird, bedingt auch durch den Föderalismus. „Besser wäre, wenn bei wichtigen Situationen die Länder einheitlich vorgehen würden“, fügt sie hinzu.

Das Tragen von Schutzmasken sollte für jedermann kein Problem sein, ist Andreas Samuel, der Chef des Bautzener Zuseums, der Auffassung. „Mich verwundert nur: Als es keine Masken gab, waren sie nicht nötig und nun entsteht ein neuer Industriezweig.“ Trotzdem unterstütze er diese Initiative. „Auch wenn ich nicht unbedingt vom Nutzen überzeugt bin, halte ich mich an Vorschriften, die Sinn machen sollten.“ Deshalb, so stellte er für sich fest, könne eine Maske kaum schaden.

Der Bautzener CDU-Stadtrat und Unternehmer Heiner Schleppers wurde von seinen Kindern rechtzeitig mit selbstgenähten Masken versorgt. „Ich sehe die Wichtigkeit der Maske gegenüber dem Anderen an. Hier gibt es die Möglichkeit, durch eigene Beschränkung den Nächsten zu schützen. Das haben leider noch nicht alle Mitbürger begriffen.“ Allerdings gestand er im gleichen Atemzug ein: „Ich kann mir Besseres vorstellen als eine Maske. Aber es zeigt mir erst einmal, wie es Menschen geht, die von Berufswegen mit Masken oder Atemschutz leben müssen – auch ohne Corona.“ Stellvertretend für sie nannte der Spreestädter Krankenschwestern, Ärzte, Feuerwehrleute, Lackierer, Laboranten, Chemiker oder spezielle Reinigungskräfte. „Hochachtung vor ihnen. Umso weniger kann ich gesunde Menschen verstehen, die beim Tragen des Mundschutzes fast umkommen.“ 

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Marita Scholte fragt sich: „Dürfen wir so auch in eine Bank, oder wird man trotz Mund- und Vollschutz rausgeworfen?“ Foto: privat

Luise Dutschmann aus Kleinbautzen gehört zu denjenigen, die sich wenig dafür begeistern, dass die Maske vorm Gesicht bundesweit zur Pflicht gemacht wurde. „Das ist für mich persönlich ein Desaster. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das gesund sein soll. Für uns als Kunden ist das ja nur Momentsache, aber wenn das Verkaufspersonal den ganzen Tag über in die Maske atmen muss, ist das in meinen Augen eine Zumutung für diesen Personenkreis. Über die Hygiene will ich da gar nicht sprechen.“ Einen vermeintlichen Widerspruch möchte sie in Hinblick auf den staatlichen Maskenerlass nicht unerwähnt lassen: „Kurz vor Eintritt ins Geschäft wird die Maske übergestülpt. Sobald man wieder davor steht, wird sie abgenommen, um wieder normal atmen zu können. Jetzt stehen mir aber die gleichen Menschen wie im Geschäft gegenüber, allerdings alle ohne Maske. Was soll das? Noch besorgniserregender ist für mich, wo dann die Masken abgelegt werden. Ich glaube nicht, dass sie täglich gewaschen und gebügelt werden.“ In dem Zusammenhang fragt sie sich: „Wer wird sich solch einen Aufwand leisten können? Abstand zu halten finde ich in Ordnung. Jedoch erachte ich die Sache mit der Maske während des Einkaufs als vollkommen deplatziert.“ Sie plädiert hingegen dafür, auf ein stabiles Immunsystem zu achten. „Bewegt euch alle so oft wie nur möglich an der frischen Luft. Versucht euch gesund zu ernähren. Lasst euch auch von Politikern keine Angst machen, denn Angst macht krank. Versucht so gut es geht, Sport zu treiben. Lebt euer Leben so normal wie es nur geht“, lautet die Botschaft an ihre Mitmenschen. 

Statt einer Maskenpflicht wünscht sich Königswarthas Bürgermeister Swen Nowotny mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen. „Für den ÖPNV erachte ich die Maskenpflicht durchaus für notwendig, da der nötige räumliche Abstand dort nicht gewährleistet werden kann. In Geschäften hingegen wäre es besser, die Kundenzahlen gemäß der jeweiligen Ladengröße weiter einzuschränken.“ Auf seine persönliche Erfahrung mit der Maske angesprochen, lässt er wissen: „Als Brillenträger habe ich eher ein praktisches Problem, da beim Tragen meine Brille anläuft.“

Silvio Lang hingegen hat ein Problem damit, sich an anderer Stelle einen Alltag mit Mund-Nasen-Bedeckungen vorzustellen: „Für schwierig halte ich die Umsetzung, wenn die Schulen wieder öffnen und dort alle Kinder mit Maske im Unterricht sitzen sollen.“ Und er fügt hinzu: „Zunächst mal ist es natürlich ein Problem, eine Masken-Pflicht in bestimmten Bereichen einzuführen – noch dazu sehr kurzfristig – ohne den Menschen zu erklären, wo sie so schnell Masken herbekommen können. Zumal ja eine Maske pro Person bei weitem nicht ausreichend ist. Hier beobachte ich schon Verärgerung bei den Menschen, dass man sich so auf ihre Eigeninitiative verlässt bei der Umsetzung einer gesetzlichen Anordnung.“

Sandra Trebesius hat kurz nach Inkrafttreten der Maskenpflicht unterschiedliche Beobachtungen gemacht: „Beispielsweise bekam ich in einem Laden mit, wie eine Verkäuferin einen Mitsechziger ganz freundlich darauf hinwies, er solle doch bitte an seine und die Gesundheit der anderen denken und das nächste Mal bitte einen Mund-Nasen-Schutz während des Einkaufs tragen. Der Kunde war einsichtig und hat sich noch dreimal entschuldigt. Doch ich habe das auch ganz anders und in deutlich schärferem Ton erlebt. Das ist etwas schade.

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Heiko Kosel hat sich in seine Amtsrobe geworfen. Auch bei Gericht ist mitunter eine Maske zu tragen. Foto: privat

Da giften sich Kunden im Supermarkt an, weil der eine dem anderen zu nahe kommt, statt freundlich darauf hinzuweisen, dass man selber mehr Abstand wünscht. Ich glaube, ein bisschen liegt das daran, dass sich viele hilflos fühlen. Ich halte mich an die Abstandsregeln und natürlich auch an die Auflagen. Soziale Kontakte vermeide ich soweit das geht. Inzwischen habe ich einen Schutz im Auto, im Büro und in der Tasche.“

Patrick Höhne, den es vor geraumer Zeit aufgrund eines Studiums nach Leipzig verschlagen hat, greift auf ein anderes probates Mittel zurück: „Ich gehe mit einem Schal vor Mund und Nase einkaufen. So schnell wie gerade habe ich meine Einkäufe in der Vergangenheit selten erledigt.“ Marko Kowar, Geschäftsführer des sorbischen Dachverbandes Domowina, erklärt, wie dieser sich in Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen verhält: „Wir haben schon im Vorfeld beschlossen, allen Ehrenamtlichen, die in unseren gewählten Gremien mitwirken, eine Atemschutzmaske zur Verfügung zu stellen. Das gilt auch für Mitarbeiter und Gäste von Beratungen. Das Entscheidende ist aber das Einhalten von Abständen. Für kleine Zirkel haben wir daher große Räume bereitzustellen.“

Doch auch für Marko Kowar stellen sich Fragen im Zusammenhang mit dem Tragen der Mund-Nasen-Bedeckungen: „Wie soll das funktionieren, wenn die Leute einerseits die Atemschutzmaske zwischendurch nach Möglichkeit nicht ablegen sollen, andererseits aber vielleicht mal was trinken wollen. Oder ob Menschen, die schlecht hören, dann überhaupt noch was verstehen. Vielleicht müssen wir zusätzlich Mikrofon-Technik einsetzen. Oder uns in Asien informieren. Dort gehört das Maskentragen bereits seit geraumer Zeit zum Alltag.“

Gabriele Forker aus Bischofswerda nutzt die entbehrungsreiche Zeit, um selbst aktiv zu werden. Sie griff kurzerhand zu Nähutensilien. „Ich habe selbst Schutzmasken angefertigt und auch schon weitergegeben. Das Tragen der Maske ist meiner Meinung nach sehr wichtig für den gegenseitigen Schutz.“

Marita Scholte aus der Gemeinde Malschwitz kann sich mit der Pflicht, in bestimmten Bereichen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, noch nicht so recht anfreunden: „Kunden und vor allem Verkäuferinnen schwitzen unter der Maske, das Atmen wird erschwert, Brillenträger haben angelaufene Brillen und es wird sich um ein Vielfaches mehr ins Gesicht gefasst.“ Vor diesem Hintergrund möchte sie mit Kritik nicht hinterm Berg halten: „Die Vorgaben erscheinen übertrieben. Hin und wieder muss man ja mal einkaufen und ohne Maske kommt man nicht in den Laden. Eine generelle Maskenpflicht in der Öffentlichkeit lehnen wir ab. Dies würden wir auch nicht mittragen.“ 

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hatte sich im Laufe der Pandemie herauskristallisiert, dass viele Ansteckungen von Infizierten ohne Krankheitsanzeichen ausgehen. Daher sei die Empfehlung, eine Maske zu tragen, erst zu einem späteren Zeitpunkt gegeben worden. Sachsen war als erstes Bundesland vorgeprescht. Seit 20. April gilt hier eine Maskenpflicht. Diese kann dazu führen, dass Bus- und Bahnfahrgäste des Verkehrsmittels verwiesen werden können, sofern sie sich weigern, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. 

Roland Kaiser / 09.05.2020

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