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Enkeltauglich oder taugliche Enkel?

Enkeltauglich oder  taugliche Enkel?

Wird Sebastian Wippel 2019 der erste AfD-Bürgermeister einer größeren deutschen Stadt? Als bislang einziger „echter“ Görlitzer hat er diesen Anspruch in der Neißestadt. Foto: Matthias Wehnert

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Sebastian Wippel nahm erwartungsgemäß die Wahl zum Oberbürgermeisterkandidaten an. Foto: Till Scholtz-Knobloc

Die Vorbereitungen auf die Oberbürgermeisterwahl im kommenden Jahr in Görlitz nehmen an Fahrt auf. CDU und AfD haben ihre Kandidaten am Wochenende nominiert, die Gruppe Motor Görlitz tastet sich in Sachen ihrer Strategie langsam vor.

Görlitz. Zeitgleich hatten CDU und AfD am vergangenen Samstag getagt, um ihren Oberbürgermeister-Spitzenkandidaten für 2019 zu küren. Bei der CDU erwies sich das als erwartet unproblematisch. 39 Anwesende stimmten für den gebürtigen Rumänen Octavian Ursu, der nur zwei Gegenstimmen bei einer Enthaltung erhielt. Ursu konnte sich daher ganz auf die Vorstellung seines Wahlprogramms konzentrieren, in dem er betonte, Görlitz zu einer der sichersten Städte im Freistaat zu machen und die Wirtschaft anzukurbeln. Ihm schwebe eine IT-Innovationsplattform vor. Wachstum gehe aber auch mit dem Zusammenhalt in der Gesellschaft einher, womit der brisantere Teil des Wochenendes bereits angesprochen ist.

Im Gewerbegebiet am Klinikum ist der Versammlungssaal bei der AfD zwar weniger dicht gedrängt gefüllt als erhofft, aber zunächst einmal gilt es sich umzuschauen. Der ehemalige Oberbürgermeister mit Nähe zur AfD, Joachim Paulick, ist nicht auszumachen – hingegen hat Alt-OB Matthias Lechner Platz genommen und verrät dem Niederschlesischen Kurier, dass er sich heute vor allem als Wähler kundig machen wolle. Da auch Rechtsanwalt Michael Mochner nicht im Saal ist, kann man vermuten, dass sicher nur der Landtagsabgeordnete Sebastian Wippel seinen Hut in den Ring wirft.
Da sein Favorit, Michael Mochner, somit nicht zur Wahl steht, wirbt letztlich auch Frank Großmann um Stimmen, kann die Versammlung mit verschränkten Armen und allgemeinen Postulaten, wie schön Görlitz einst an die internationalen Verkehrswege angeschlossen gewesen sei, jedoch nicht begeistern. Eher verlegen schauen manche, als Großmann von der Schiffbarmachung der Neiße spricht. Drei Parteifreunde geben ihm die Stimme für seinen Traum von der neuen Seidenstraße über Görlitz. Und so ist das Ganze letztlich auch hier eine klare Angelegenheit mit einer satten Mehrheit für Polizeikommissar Sebastian Wippel, der rhetorisch ganz anders aufgestellt ist.

Sebastian Wippel betont, dass es nach dem Ergebnis der Bundestagswahl kein anderes Ziel geben könne, als das Oberbürgermeisteramt anzustreben. Immerhin sei er auch der einzige „echte Görlitzer“ unter den bisherigen Bewerbern. „Meine geliebte Stadt“ sieht Wippel nicht nur als unsicheres Pflaster, sondern an vielen Stellen als wenig lebenswert an. „Aufkleber und Graffiti verschandeln das Stadtbild. Die Plätze ohne Aufsicht sollen wieder ein Lebensraum sein, statt ein Ort für Halli Galli mit Blumeneinfassung“. Überhaupt müsse man Görlitz abends wieder beleben, z.B. auch mit Bussen, die es überhaupt erst wieder ermöglichen, nach der Arbeit vom Dorf in die Stadt zu kommen.
Mit so einer Forderung könnte man bei der Initiative Motor Görlitz sicher gut leben, die sich am 18. Oktober als Verein hat registrieren lassen. Die Gruppe hat sich bislang als Vereinigung verstanden, die bürgerschaftliches Engagement aus den Leuten herauskitzeln will. Motor hatte sich wie die Bürger für Görlitz für Franziska Schubert (Grüne) als Oberbürgermeisterin ausgesprochen, dennoch wird bei Motor derzeit diskutiert, sogar selbst als Liste zur Wahl anzutreten und nicht nur Kandidaten in die bestehenden Gruppen quasi hineinzuvermitteln oder zu -empfehlen. Mike Altmann von Motor Görlitz zeigt sich mit dem Stempel, Motor sei als „Anti-AfD“ entstanden, jedoch unzufrieden. „Das Prädikat hat uns die Tagespresse aufgesetzt. Dennoch kann man uns natürlich verorten“, meint er vorsichtig zu dem was doch auf der Hand liegt. Die Mitglieder von Motor repräsentieren eben das städtische Milieu der Netzwerker, die sich selbst einbringen, affin mit neuen Technologien und Träger oder Gründer sozial engagierter Gruppen sind. Oder aus Sicht der AfD die, die mittels regierungsnaher NGO bzw. auf lokaler Ebene vergleichbarer Initiativen Politik aus dem traditionellen Rahmen der Entscheidungsfindung „outsourcen“, also herauszulösen versuchen.

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Die Kameras am Tagungsort sind aus – MdL Octavian Ursu (CDU) schaut erleichtert nach der Nominierungsversammlung im Schlesischen Tor.

Foto: Matthias Wehnert

Beispiel soziokulturelles Zentrum: „Es gibt Millionen für ein soziokulturelles Zentrum – Wir brauchen jedoch keine großen sich selbst veredelnden Projekte“, sagt Sebastian Wippel, der eher von Vereinen wie der ISG Hagenwerder schwärmt, „in der sich Alt und Jung treffen“. Vor allem die Zuwanderungsdebatte birgt Unüberwindliches. „Wir kennen das neue Phänomen von ‚Merkels Gästen’. Es geht mir nicht darum, Frauen und Kindern Hilfe zu verweigern. Aber die vielen junge Männer überfordern die Stadt“, führt Wippel aus. Er hätte jedoch großen Respekt vor Landrat Lange, der der Stadt dadurch viel vom Hals gehalten habe, dass vornehmlich Familien gekommen seien. Die Kommune müsse vielmehr eher auf Rückkehrer setzen, mit dem Kreis könne man eine entsprechende Kampagne starten.
Sebastian Wippel ist sehr darauf bedacht, die „Panik“ allenthalben bei der politischen Konkurrenz zu dämpfen. Etwa bei der Frage, mit wem man denn überhaupt reden könne. „Es muss nicht das große politische Rad gedreht werden, aber Linke und Grüne wollen eh nicht mit uns reden“, setzt er versteckt Gesprächsangebote, denn „es geht um das Wohl der Stadt und nicht um das der Partei“. Motor Görlitz indes bezeichnet er als „ominöses Bündnis“. 

Doch würde nicht gerade auch die Wirtschaft von Panik befallen sein? Diese sei nach seinen Worten „bisher zu kurz gekommen“. So regt Wippel an, dass sich kleinere Firmen auch zusammenschließen könnten und vor allem die Gewerbesteuer gesenkt werden müsse. In der Stadt – und außerhalb der Gewerbegebiete – gebe es noch viel Leerstand, der sich für Gewerbeansiedlungen anbiete.
„Die einzige Frage sei hierbei „ob Nachbarn ruhig schlafen können“. Das große Schlagwort von Mike Altmanns „Enkeltauglichkeit“ der Stadtpolitik kommentiert Sebastian Wippel auf seine Weise: „Wir sind sogar taugliche Enkel, vor denen sich die Großeltern nicht zu schämen brauchen“.

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Till Scholtz-Knobloch / 04.11.2018

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