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Rundumsorglospaket für gebeutelte Lausitz?

Rundumsorglospaket für gebeutelte Lausitz?

Bundeskanzlerin Angela Merkel, umrahmt von Ministerpräsident Michael Kretschmer, Landrat Bernd Lange, Thomas Jurk (SPD) und Siemes-Chef Joe Kaeser sagte auf dem Rundgang: „Beim Anblick der Maschinen schlägt doch das Herz einer Physikerin höher.“ Foto: MW

Angela Merkel hat mit ihrem Besuch bei Siemens in Görlitz den Sächsischen Landtagswahlkampf in der Oberlausitz quasi eröffnet. Dass Siemens, das Fraunhofer-Institut und der Freistaat ein Innovationscampus u.a. für Wasserstofftechnologien einrichten, kommt als für die Klimakanzlerin typischer Coup daher.

Görlitz. „Erst wollte Siemens den Standort Görlitz schließen. Nach geharnischten Protesten auch eigener Aktionäre besann sich Konzernchef Joe Kaeser eines besseren und versprach vor Ort nun, einen Innovationscampus und ein Zentrum für Wasserstoffforschung zu errichten“, brachte es das Manager Magazin in dieser Woche auf den Punkt.

Nachdem das bedrohte Werk Görlitz zunächst zur Zentrale für Industrie-Dampfturbinen ausgerufen wurde, richtet sich der Blick nun weiter mit einem innovativen Ansatz in die Zukunft, der sich gewissermaßen in das große Strukturwandelunterstützungspaket einordnen lässt. Auf dem Görlitzer Werksgelände soll nach einer am Montag vor der Presse und den Mitarbeitern unterzeichneten Absichtserklärung von Siemens, dem Freistaat Sachsen und der Fraunhofer-Gesellschaft ein Innovationscampus und „Start-Up-Accelerator“ entstehen, der eine Sogwirkung auf weitere Technologie- und Industrieunternehmen, Start-ups sowie Forschungsinstitute ausüben soll. Der Fokus liegt dabei auf Digitalisierung, Automatisierung, Energietechnik und neue Werkstoff- und Fertigungstechnologien. Der designierte Oberbürgermeister Octavian Ursu betonte gegenüber dem Niederschlesischen Kurier, dass sich die Entwicklung ganz in seine Bemühungen einordne, mittels einer Görlitzer Innovationsplattform (der NSK berichtete) Industrie, Kleinunternehmen und Start-ups aus dem Umfeld der Hochschule zu vernetzen und Görlitz als Modellstadt neuer Entwicklungen aufzubauen, in der die Wasserstoffforschung ein wichtiger Bestandteil ist.

Auf dem Siemens-Campus wollen Siemens und die Fraunhofer-Gesellschaft so nun sogar ein Labor für Wasserstoffforschung aufbauen, in dem die Erzeugung, Speicherung und Nutzung von Wasserstoff untersucht wird.

„Görlitz soll damit langfristig zu einem Kompetenzzentrum für Wasserstofftechnologien entwickelt werden“, fasst dies die Sächsische Staatskanzlei zusammen. Für den Ausbau des Standortes Görlitz sollen zunächst 30 Millionen Euro durch Siemens und den Freistaat jeweils zur Hälfte bereitgestellt werde, womit etwa 100 neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer taxierte den zeitlichen Rahmen dafür auf etwa fünf Jahre und betonte, dass man eine „neue Wertschöpfungskette ohne Verdrängung“ in die Welt setze.

„Der Aufbau eines Innovationscampus’ und der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten für klimafreundliche und digitale Industrieprozesse schafft neue hochqualifizierte Arbeitsplätze. Gemeinsam mit Fraunhofer, den Hochschulen sowie den Unternehmen der Region entwickeln wir außerdem eine Forschungsplattform für innovative Speicher- und Wasserstofftechnologien für die Energiewende. Siemens als DAX-Konzern und die Fraunhofer-Gesellschaft setzen mit uns auf Görlitz und die Lausitzer“, betonte Ministerpräsident Michael Kretschmer, dem in seiner Begeisterung das Wort „Rundumsorglospaket“ über die Lippen sprang, um dann zu sagen: „Rundumsorglospaket ist vielleicht zuviel gesagt“, aber die Chancen seien enorm.

Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser sprach so auch vom „Zukunftspakt“. Wörtlich: „Mit diesem Zukunftspakt lösen wir unser Versprechen ein, den Strukturwandel der Lausitz aktiv mitzugestalten“, wobei er einräumte, dass man mit der industriellen Dampfturbinenexpertise allein nicht den Trend der Zeit aufhalten könne. Kaeser unterwarf sich jedoch dem rhetorischen Trend der Zeit, in dem er anfügte: „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen am Freitag auf die Straße gehen“, denn es gäbe ja keinen Planeten B. Mit diesem Kotau waren beiläufig vielleicht auch die Worte gefallen, die die Kanzlerin für den Glanz des Tages und ihre Anwesenheit im Landtagswahlkampf einforderte. Michael Kretschmer schwärmte gar, es handele sich um eine „geniale Chance“ den Strukturwandel bis 2038 zu vollziehen und berichtete stolz, dass er bei einem Besuch im polnischen Reichenau (Bogatynia) erfahren habe, dass man dort neidisch über die Grenze blicke. Es gäbe beim Nachbarn keinerlei politische Flankierung, wenn wohl 2044 im Tagebau Turów Schluss sei. Wir wollen gerne von Euch lernen, hätten ihm Regional- und Lokalpolitiker aus der Woiwodschaft Niederschlesien gesagt.

Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer bekundete, dass er als Wahlsachse aus niederschlesischer Familie mit großer Genugtuung den Tag erlebe. „Die Einrichtung einer gemeinsamen Forschungsplattform zur Wasserstoffforschung und Entwicklung neuer Wasserstofftechnologien stellt die Weichen in Richtung Zukunft. Die Kooperation ist eine zentrale Grundlage für den Anlagenbau in der Region und führt die industrielle Forschung und Wissenschaft in einer strategischen Partnerschaft zusammen.“

Joe Kaeser versprach, Siemens werde neben dem Innovationscampus am Standort Görlitz seine Forschung- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich „dekarbonisierte Industrieprozesse“ weiter aufbauen. Dabei würden die Siemens-Forscher untersuchen, wie Wasserstofftechnologien den CO2-Ausstoß in energieintensiven Industrien verringern können und neue klimafreundliche Lösungen wie Speichertechnologien entwickeln. Als Beitrag zum Klimaschutzplan 2050 und dem Strukturwandel in der Lausitz will Siemens den Standort bis 2025 zu einer CO2-neutralen Fabrik umbauen.

Als eine Pressevertreterin noch vor dem Eintreffen der Kanzlerin nach Unterzeichnung der Absichtserklärung fragte, ob mit Campus nun ein Siemens-Campus gemeint sei oder wie sich genau die künftige Hackordnung definieren lasse, gab es die einzige kurze Atempause. Joe Kaeser schaute sich um und Michael Kretschmer sprang ein. Die Antwort ließ sich kurz zusammengefasst in die Aussage „Das wird sich finden“ pressen. Und das mag vielleicht stimmen: Potenzial für etwas Neues mit noch manch unbekannten Akteuren ist allemal da. Doch vieles wird davon abhängen, wo weltweit am meisten Zug in die Entwicklung kommt.

Till Scholtz-Knobloch / 20.07.2019

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