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Voodoo und Krabat umarmen sich

Voodoo und Krabat umarmen sich

Der Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak und seine Kollegin aus Ouidah, Clotaire Célestine Adjanohoun, wollen eng zusammenarbeiten.

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Zum Besuchsprogramm der afrikanischen Delegation gehörte auch der Nebelschützer Kindergarten. Foto: Marlies Richter

Die Gemeinde Nebelschütz pflegt schon seit 20 Jahren enge Beziehungen in den Benin. Diese werden jetzt auf noch festere Füße gestellt. Die Gemeinsamkeiten sind überraschend.

Nebelschütz. Eine Partnerstadt in Frankreich? Alter Hut. Auch mit Städten und Gemeinden in Polen, Tschechien oder Ungarn treiben hiesige Kommunen oftmals mehr oder weniger regen Austausch. Wer es exotisch mag, hat eine Partnerstadt in Kanada oder Australien. Doch in Benin? Die meisten von uns müssen sicher erst einmal in den Atlas schauen, um eine ungefähre Ahnung zu bekommen, wo dieses Land überhaupt liegt.
Anders der Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak. Er pflegt schon seit annähernd 20 Jahren enge Beziehungen zu dem westafrikanischen Staat, speziell zum König von Ouidah, Dah Bokpe, den er vor knapp 20 Jahren auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (damals noch als Prinz) kennen lernte. Von dem afrikanischen Würdenträger ging damals die Idee zur Zusammenarbeit aus, die in mehreren gegenseitigen Besuchen, verbunden mit einem kulturellen Austausch, gipfelte. „Bislang wurden nur lose Kontakte gepflegt. Durch die Krönung des Prinzen bieten sich für unsere Zusammenarbeit neue Möglichkeiten“, so Thomas Zschornak. 

Diese Möglichkeiten auszuloten und einen entsprechenden Vertrag zu unterzeichnen – darin bestand das Ziel eines Besuchs der Bürgermeisterin von Ouidah, Clotaire Célestine Adjanohoun, die unlängst in Deutschland und vor allem in Nebelschütz weilte. Begleitet wurde sie unter anderem vom Intendanten des königlichen Palastes, Codjo Parfait Barnabe Bokpe Dosse.

Nun zeigt ein Blick in die allwissende Online-Enzyklopädie Wikipedia, dass es sich bei Benin um eine Republik handelt. Wie kann es dann dort einen (oder mehrere) König(e) geben? „Die Könige haben, neben der offiziellen staatlichen Verwaltung, eine gesetzlich festgelegte Position in unserer Gesellschaft“, erklärt die Bürgermeisterin von Ouidah. „Sie genießen aus der jahrhundertealten Tradition heraus eine große Autorität bei der Bevölkerung und haben deren Vertrauen.“

Doch was erhofft sich Ouidah – eine Stadtgemeinde von immerhin knapp 230.000 Einwohnern – von der Partnerschaft mit dem vergleichsweise winzigen Nebelschütz?

„Unsere Gemeinde steht für eine nachhaltige, enkeltaugliche Entwicklung“, erklärt Bürgermeister Thomas Zschornak. „Aufbauend darauf wollen wir unsere Erfahrungen an hilfebedürftige Kommunen der ’dritten Welt’ vermitteln.“ Einen Schwerpunkt bildet dabei der Aufbau einer umweltverträglichen und nachhaltigen Landwirtschaft – für die es in Nebelschütz und Umgebung bereits mehrere „Best Practice“-Beispiele gibt. Die Ausbildung von Fachleuten auf verschiedenen Gebieten in Deutschland stellt einen weiteren Hilfsansatz dar. 
Doch vielleicht kann ja auch Nebelschütz von den in Ouidah vorhandenen Erfahrungen und Traditionen lernen? Bei ihrem in Kürze geplanten Gegenbesuch in Benin will die Nebelschützer Delegation unter anderem Frauengenossenschaften besuchen, die im dortigen Wirtschaftsleben wohl eine wichtige Rolle spielen. Auch Bildungs- und Kindereinrichtungen stehen auf dem Programm.

Wenn man sich genauer mit Benin beschäftigt, dann fällt eine interessante Parallele mit der früheren DDR ins Auge. Von 1975 bis 1990 wurde die damalige „Volksrepublik Benin“ im Sinne des Marxismus-Leninismus regiert. Unabhängig von den Vorgängen in Europa stürzte auch hier 1990 das Volk sein Regime, Benin gilt heute als für afrikanische Verhältnisse stabile Demokratie. Ein wichtiges Kennzeichen des Landes bildet das Voodoo, eine Volksreligion, die sich hauptsächlich auf die Beziehung der Menschen zu den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde stützt. „Diese Elemente kommunizieren über Götter mit besonders begabten Menschen, die das Wissen ihrerseits durch Tanz und andere Rituale weitergeben“, erklärt Projektmanager Sessi Tonoukouin. Und betont: „Voodoo ist ein sehr positiver Bestandteil unserer Kultur.“ „Es gibt große Ähnlichkeiten zu unseren alten sorbischen Göttern“, fügt Thomas Zschornak hinzu. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass sich Sorben und Beniner offenkundig gut verstehen? Die Partnerschaft zwischen Nebelschütz und Ouidah, die von den Bürgermeistern durch ihre Unterschriften unter den Vertrag offiziell gemacht wurde, ist jedenfalls die Erste in dieser Form zwischen einer deutschen und einer beninischen Kommune.

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Uwe Menschner / 24.11.2019

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