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Wann werde ich Dich wieder umarmen?

Wann werde ich Dich wieder umarmen?

Der kleine Igor ist seit einem Monat von seinem in Deutschland arbeitendem Vater getrennt. Am Grenzzaun drückten die Wachhabenden die Augen für diesen Kontakt zu. Foto: Matthias Wehnert

Das heruntergefahrene öffentliche Leben bestimmt mittlerweile die ganze Welt. Doch geteilte Städte wie Görlitz, Guben oder Frankfurt (Oder) und ihr Umfeld trifft die Lage menschlich noch härter. Der Ruf nach einem kleinen Grenzverkehr wird lauter.

Görlitz. Unter den zahlreichen Polizeimeldungen, die die Redaktion täglich erreichen, hatte dieser Tage eine besonders hohen symbolischen Gehalt. Ein polnischer Staatsbürger beging eine Ordnungswidrigkeit, die ihm nun wohl Post von der Bundespolizei sowie vom Landratsamt Görlitz bescheren wird.
Der 27-Jährige war am vergangenen Sonnabend gegen Mittag von Polizisten des Weißwasseraner Reviers in Bad Muskau angetroffen worden, nachdem er offenbar durch die Neiße von Polen nach Deutschland gelangt war und obendrein keine Papiere mitführte. Als Grund für den Ausflug durch die Neiße gab er an, dass er seine in Bad Muskau lebende Freundin besuchen wollte. Schon ein kurzer regulärer Grenzübertritt würde in Polen derzeit eine strenge zweiwöchige häusliche Quarantäne nach der Rückkehr nach sich ziehen. Hinsichtlich der fehlenden Papiere wurde eine erste Ordnungswidrigkeitenanzeige wegen des Verstoßes gegen das Freizügigkeitsgesetz und eine zweite wegen des Verstoßes gegen die sächsische Corona-Schutzverordnung erstattet. Der Samstag in Deutschland endete für den Besucher aus Sorau (Zary) in der polnischen Niederlausitz mit einem Platzverweis und einer Fahrt im Streifenwagen zur Görlitzer Stadtbrücke.

„Was macht die Epidemie mit uns?“ und „Mein Kleiner, wann werde ich Dich wieder umarmen?“ fragte am Montag das große polnische Internetportal Fakt 24, das mit dem bewegenden Foto des Treffens von Damian Kowalczuk (42) mit seinem zweijährigen Sohn Igor aufmachte, der mit der Mutter weiterhin auf der polnischen Seite der Stadt lebt, während Damian Kowalczuk angesichts seiner Arbeit in Deutschland so nah und doch so unerreichbar für den Kleinen ist.

Das Foto des Görlitzer Fotografen Matthias Wehnert, mit dem auch dieser Beitrag erscheint, hat in wenigen Tagen hohe Wellen geschlagen und wurde vielfach verbreitet – so auch beim MDR.

Das herzzerreißende Bild kann sicher als ein heißer Anwärter auf das Pressefoto des Jahres 2020 gelten.
Wehnert hatte am vergangenen Freitag eine Versammlung auf der Görlitzer Altstadtbrücke begleitet, die so eigentlich wegen mangelnder Abstände nicht hätte möglich sein dürfen. Doch selbst die polnischen Grenzbeamten, die normalerweise martialisch mit ihren Waffen hinter den provisorisch aufgestellten Absperrgittern das Signal setzen: „Halten Sie Abstand, treten sie gar nicht erst unnötig bis auf die letzten Zentimeter heran“, ließen sich erweichen und schauten so auch weg, als es zum Griff von Damian Kowalczuks Händen nach denen seines Sohnes Igor kam.

Besonders in der polnischen Gemeinschaft am Westufer der Neiße hatte sich die Nachricht auf Facebook verbreitet, man wolle gegen die derzeitige Undurchlässigkeit der Neiße ein Zeichen setzen. Eine Uhrzeit war wohl bewusst nicht genannt, machte aber über den Buschfunk die Runde.
Etwa 400 Menschen hatten sich letztlich eingefunden. Viele führten polnische Fahnen mit sich und winkten ihren Landsleuten auf der polnischen Seite zu, die dort den grundsätzlich vorgeschriebenen Mundschutz trugen. Gemeinsam sangen sie „Noch ist Polen nicht verloren“, die polnische Nationalhymne. Auch Deutsche solidarisieren sich, wenn auch die Botschaft eine klare weiß-rote Domianz hatte.
Am unerreichbaren Ostufer der Neiße berichtete Joanna Kowalczyk, die Mutter des kleinen Igor in die Kamera von TVN24: „Mein Kind hat seinen Vater einen Monat lang nicht gesehen“. Während ihr Ehemann in Deutschland arbeite, müsse sie mit dem Jungen zu Hause bleiben, denn sie pflege ihre kranke Schwiegermutter. Wie in längst vergessenen Tagen erreicht diese Botschaft erst verspätet über den Äther aus dem Ausland auch das Westufer der Neiße.

Aber auch an anderen Grenzübergängen geteilter Städte wurde demonstriert. An den Grenzübergängen Guben (Gubin), in Frankfurt/Oder (Slubice) oder im zwischen Polen und Tschechien geteilten Teschen (Cieszyn/Tesin) oder im Dreiländereck bei Zittau wollen die Menschen die Grenzschließung nicht länger erdulden. In Zittau hält ein junger Pole mit Mundschutz eine Rede in polnischer Sprache am Mikrofon. Er beklagt, dass die polnische Regierung die Probleme der Grenzbewohner nicht sehen will. „Es sind deutsche Kommunen, die uns helfen, die uns einen vorübergehenden Wohnsitz in Deutschland geben. Deutsche Schulen organisieren Internatsaufenthalte, damit unsere Kinder ihren Unterricht fortführen können. Und was macht die polnische Regierung? Die machen den Polen Angst, dass das Virus aus dem Westen kommt. Im Zuge der wirtschaftlichen Lockerungen hat die Regierung bislang keinen Bezug auf die Grenzöffnung genommen“, bedauert der Redner. Er fordert die Abschaffung der zweiwöchigen Quarantäne für Arbeitnehmer im Ausland, die Schaffung eines kleinen Grenzverkehrs, das Ermöglichen einer privaten Warenübergabe an allen Grenzübergängen. Eine solche wäre für viele Betroffene z.B. für Medikamente notwendig, die nicht per Post versendet werden dürfen oder auf diesem Weg zu lange unterwegs wären.

Ganz im Norden der deutsch-polnischen Grenze ist auch Vorpommern geteilt. Westlich der Oder bei Stettin forderten in Neu Rosow (Rosowek) etwa 200 Protestanten auch die Einrichtung zusätzlicher Grenzübergänge für den privaten Autoverkehr, unter anderem im geteilten Dorf Linken/Neu Linken (Lubieszyn), berichtete Radio Eska aus Stettin.

„Lasst uns zur Arbeit, lasst uns nach Hause!“, war das Motto der Demonstration am Grenzübergang Guben (Gubin). Die Zeitung Gazeta Lubuska berichtet dort ebenfalls von einigen Hundert Versammelten. Unter den Protestanten war hier auch Czeslaw Fiedorowicz, der Vorsitzende der Föderation der Euroregionen Polens und des Konvents der Euroregion „Spree-Neiße-Bober“. Für ihn war es nur selbstverständlich an der Demonstration teilzunehmen: „Wenn es uns erlaubt ist von Grünberg (Zielona Gora) oder Crossen an der Oder (Krosno Odrzanskie) in den polnischen Teil von Guben zu reisen, muss es auch erlaubt sein, die Grenzen der Euroregionen zu passieren“, so Fiedorowicz. Er hat einen Brief an den Vorsitzenden des polnischen Ministerrates gesandt, in dem er auf die Situation der Grenzbevölkerung hinweist und die Grenzöffnung für Arbeitnehmer, Schüler und Studenten, Menschen in medizinischer Behandlung und im Rahmen einer Familienzusammenführung fordert. Auch die deutschen und polnischen Vertreter der Europastadt Guben haben ein Schreiben an den Innenminister Mariusz Kaminski mit der Forderung, die Quarantäne für in Deutschland arbeitende oder sich in Behandlung befindliche Menschen abzuschaffen, gesendet. Unterzeichnet wurde der Brief auch von Bartlomiej Bartczak und Fred Mahro, die beiden Bürgermeister der geteilten Stadt.

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Till Scholtz-Knobloch / 02.05.2020

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