11.11.2011
GÖRLITZ/ZITTAU
Stellenabbau ist ein Trauerspiel!
FRANK-UWE MICHEL

Muss künftig auch an der Anzahl von Produktionen gespart werden? Bei den derzeit intern am Theater laufenden Gesprächen gibt es offenbar keine Tabus mehr. | Theater/Nikolai Schmidt

Am Gerhart-Hauptmann-Theater herrscht Unruhe. Grund dafür sind eventuelle Stellenstreichungen, Programmkürzungen und finanzielle Engpässe. Wieder einmal. Ungeschoren wird das Theater mit seinen beiden Spielstätten in Görlitz und Zittau jedenfalls nicht davon kommen. Redakteur Frank-Uwe Michel stellte deshalb dem Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates, Octavian Ursu, einige Fragen.

Um den Weiterbestand zu sichern, sollen die Theatermitarbeiter möglicherweise weiter auf Gehalt verzichten. An beiden Häusern wird aber jetzt schon unter Tarif gezahlt. Seit wann ist das so und wie viel Prozent gibt es weniger? Ist den Beschäftigten auf Dauer eine "Minderbezahlung" zu vermitteln?

Octavian Ursiu ist Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH. | Theater

Octavian Ursu: Haustarifverträge gibt es sowohl in Zittau als auch in Görlitz seit 2003 bzw. 2004 und die meisten Kolleginnen und Kollegen verdienen momentan 19 Prozent unter Tarif, ohne entsprechenden Freizeitausgleich. Auf Dauer ist dieser Zustand nicht haltbar und auch nicht mehr vermittelbar. Diese Unterbezahlung der Beschäftigten hat einen weiteren negativen Nebeneffekt: Die Neubesetzung der frei werdenden Stellen, für die oft hoch qualifiziertes Personal notwendig ist, wird extrem schwierig.
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Angeblich wird bereits über Entlassungen nachgedacht. In Zittau spricht man von 24 Leuten, die gehen sollen. Wie stark könnte Görlitz davon betroffen sein. Sind Kündigungen überhaupt der richtige Weg?

Ursu: Es ist kein Geheimnis, dass über eine Strukturanpassung nachgedacht wird, was auf gut Deutsch Personalabbau bedeutet. Dies stand nach den fast gescheiterten Tarifverhandlungen im Juni dieses Jahres fest. Der berechtigte Vorwurf der Gewerkschaften war, dass das Entgegenkommen durch Abschluss von Haustarifverträgen seit 2003 nicht für die Konsolidierung der Theaterstruktur genutzt wurde. Personalreduzierung heißt aber nicht unbedingt, dass Kündigungen erfolgen müssen. Wir werden uns als Betriebsrat für sozialverträgliche Lösungen einsetzen und dadurch versuchen, Entlassungen zur vermeiden. Genaue Zahlen kann ich momentan nicht nennen und für uns als Betriebsrat sind Kündigungen nie der richtige Weg. Um den Personalabbau umgehen zu können, bräuchte die Theater-Gesellschaft aber mehr Geld – erheblich mehr – und zwar 1,5 Millionen Euro pro Jahr, um nach Tarif zahlen zu können.

Eine andere Möglichkeit, Kosten zu sparen, sind weniger Premieren in der nächsten Spielzeit. Wie viele Streichungen kann ein Haus wie das  Gerhart-Hauptmann-Theater überhaupt verkraften, um noch als eigenständige Bühne wahrgenommen zu werden?Ursu: Sie meinen damit sicherlich den Standort Zittau. Wir müssen uns alle daran gewöhnen, dass das Musiktheater Görlitz oder das Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau nicht mehr existieren. Real existiert nur eine gemeinsame Gehart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH. Diese neue Realität hat unsere Verwaltung vom ersten Tag nach der Fusion an gespürt, später die Marketingabteilung und nicht zuletzt auch ich als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates.
  Aber um ihre Frage zu beantworten: Jede einzelne Stelle, die gestrichen werden soll, ist ein Stellenabbau zu viel. Egal wie das Konzept am Ende aussehen sollte, es muss für beide Standorte Zittau und Görlitz ausgewogen sein, sowohl von unserer Seite als auch vonseiten des Publikums aus gesehen. Der Kulturraum als größter Geldgeber und die beiden Gesellschafter Stadt und Landkreis Görlitz müssen zuerst aber das Konzept akzeptieren und beschließen.

Welche anderen Möglichkeiten sehen Sie noch, um den Sparzwängen und dem drohenden Rotstift zu begegnen?

Ursu: Die Alternative lautet: Mehr Geld für die Finanzierung der vorhandenen Struktur. Wenn aber das Personal so massiv abgebaut werden soll, dann bin ich persönlich der Meinung, dass auch im Leitungsbereich über Personalabbau nachgedacht werden muss. Nach der Fusion ist alles beim Alten geblieben – mit dem einzigen Unterschied, dass die Leitungspositionen andere Bezeichnungen bekommen haben. Ich werde mir zusammen mit meinen Betriebsratskollegen das Konsolidierungskonzept genau anschauen.
  Müsste aufgrund des aktuellen Verhältnisses von etwa 80 Schauspiel- und 210 Musiktheatermitarbeitern nicht vordergründig in Görlitz der Hebel angesetzt werden, um Einsparungen zu erzielen?

Ursu: Es gibt in dieser Diskussion grundsätzlich zwei verschiedene Betrachtungsweisen. Erstens, aus der Perspektive der beiden Standorte: Wenn Personalabbau kommen muss, dann paritätisch gerecht in Zittau und Görlitz. Die Frage ist, was am Ende überhaupt noch leistbar ist, wenn man nur einfach mathematisch und verwaltungstechnisch Stellen abbaut. Und Zweitens, aus der Perspektive der Gesellschafter: Beide Standorte in Zittau und Görlitz müssen erhalten bleiben und produzieren können. Gleichzeitig muss die Theatergesellschaft als Ganzes weiterhin leistungsfähig bleiben und mittelfristig finanziell abgesichert werden. Als Mehrheitsgesellschafter erwartet der Landkreis mit Sicherheit ein Gesamtpaket, sonst hätte er der Fusion nicht zugestimmt.

Im Allgemeinen wird  immer wieder versucht, die Sparten Schauspiel und Musiktheater gegeneinander auszuspielen. Mitte der 90er Jahre ist in Bautzen ein komplettes Musiktheater abgewickelt worden. Die Orchester aus Bautzen und Görlitz sind ebenfalls 1996 mit erheblichem Stellenabbau fusioniert worden. Ein weiterer großer Stellenabbau im Musiktheaterbereich würde bedeuten, dass es zukünftig gar kein Musiktheater mehr im Kulturraum gäbe – also in den gesamten Landkreisen Görlitz und Bautzen. Das wäre eine grundsätzliche kulturpolitische Entscheidung und hätte dann mit Görlitz oder Zittau nichts mehr zu tun. So sieht nun mal die Realität aus und wir sitzen als Gesamtbetriebsrat zwischen den Stühlen. Es ist letztendlich ein Trauerspiel, dass man überlegen muss, welche Stellen zuerst abgebaut werden sollen.
  Kommt unter dem Eindruck des permanenten Sparens nicht automatisch wieder die Diskussion um ein vereintes Oberlausitz-Theater auf die Tagesordnung? Wäre Ihrer Meinung nach ein Konstrukt zusammen mit Bautzen besser überlebensfähig?

Ursu: Mit wem wir in Zukunft noch fusionieren oder auch nicht, ist meiner Meinung nach völlig unerheblich. Jede denkbare Konstruktion, die nicht zu Entlassungen führt, eine normale tarifliche Bezahlung vorsieht und ein ausgewogenes Angebot für unsere Theaterzuschauer sichert, wäre gut und akzeptabel. Die Politik muss die Frage beantworten, wieviel Theaterangebot unsere Region zukünftig noch braucht. Eine baldige Antwort wäre für uns alle wichtig. Meine Kolleginnen und Kollegen in Zittau und Görlitz sehnen sich nach ein bisschen Planungssicherheit und Zukunftsperspektive.

Kommentare zu

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

Tranzparenz ist immer gut, nicht nur gegenüber
Theaterliebhaber. Doch den Vorwurf, dass
Herr Ursu die Fragen nicht offen und ehr-
lich beantwortet hat, kann ich nicht er-
kennen. Wenn Stellenabbau unver-
zichtbar ist, dann werden das die
Betreffenden natürlich als unge-
recht empfinden. Das ist
doch logisch.

Sehr geehrter Herr Ursu, 24 von 68 Stellen in Zittau und 6 von 210 Stellen in Görlitz abzubauen bedeutet, dass ihr Verständnis von Gerechtigkeit wenig mit objektiver Mathematik zu tun hat. Außerdem wäre bei der Fusion eine Gleichberechtigung beider Standorte (auch in der Leitungsebene!) wohl für "Gerechtigkeit" effektiver gewesen als die Zentralisierung der Macht in Görlitz. Leider haben Sie nämlich nach derzeitigem Stand völlig Recht, wenn Sie sagen, dass "Leitungspositionen" eingespart werden könnten - da einige Leitungspositionen keine Berechtigung mehr zur Leitung haben und ihrem Namen deswegen nicht mehr verdienen. Ich finde das sehr bedauernswert und würde mich des weiteren in Zukunft freuen, wenn Sie sich konkreter zu Fragen der Journalisten positionieren würden und mehr Transparenz für Theaterliebhaber in der gesamten Region zeigen würden.


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