Am Mittwoch hat der Kreistag das Konsolidierungskonzept beschlossen, das dem Gerhart-Hauptmann-Theater mit seinen Standorten in Görlitz und Zittau erhebliche Einschnitte beschert. Trotz Kürzungen und Stellenstreichungen gehen die Politiker von einer weiterhin guten Qualität der Aufführungen aus.
OberlausitzTV
Redakteur Frank-Uwe Michel unterhielt sich nach der Entscheidung der Kreisräte mit dem Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates, Octavian Ursu.
Das beschlossene Konsolidierungskonzept sieht bis 2016 Einsparungen von rund einer Million Euro vor. Dann sollen die Löhne der Beschäftigten auf zehn Prozent unter dem gültigen Flächentarif steigen. Gehen Sie als Gesamtbetriebsrat da mit?
Octavian Ursu: Wir haben die Geschäftsführung bereits vor der Kreistagssitzung aufgefordert, im Falle einer Bestätigung des Konsolidierungskonzeptes baldigen Kontakt mit den zuständigen Gewerkschaften aufzunehmen. Es muss jetzt zu Sondierungsgesprächen kommen und wir werden dann beobachten, zu welchen tariflichen Lösungen die hier zuständigen Tarifparteien kommen können. An diesem Verhandlungsprozess sind vier Gewerkschaften, zwei Arbeitgeberverbände, die beiden Gesellschafter – Stadt und Landkreis Görlitz – und die Geschäftsführung beteiligt. Wir versuchen als Gesamtbetriebsrat im Sinne unserer Zittauer und Görlitzer Kollegen so gut wie möglich zu vermitteln und zu informieren.
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Gastkommentar von Uwe Tschirner (Oberlausitz TV)
Zwischen Pest und Cholera - ein Kommentar zur Theaterentscheidung des Görlitzer Kreistages
Zugegeben, es war keine leichte Entscheidung für die Kreisräte am Mittwoch: Das Wissen um ein gigantisches Haushaltsloch und die Notwendigkeit, Sparen zu müssen und das um jeden Preis. Da waren es schon immer die sogenannten "freiwilligen Aufgaben" , wie Kultur, Sport oder Jugendarbeit, die als Erstes auf den Prüfstand kommen.
Der Patient ist krank, eher schon schwer krank - und dann sollen ehrenamtliche Kommunalpolitiker auch noch einen Noteingriff am offenen Herzen vornehmen. Schmerzen sind vorprogrammiert. Und jetzt liegt der Patient auf der Wachstation: Zu schwach zum Leben, aber noch nicht ganz abgeschrieben.
Für das Zittauer Theater ist die Entscheidung vom Mittwoch eher als aktive Sterbehilfe einzuordnen:
Zu wenig Geld, weniger Personal, weniger Inszenierungen - ein Sterben auf Raten eben.
Und dabei hätten es ein paar Infusionen getan, obwohl reichlich vorhanden, werden Sie nicht angelegt, weil schon verplant:
Für Bürgerschaften der Sächsischen Landesbank, für überdimensionale Straßenbauprojekte, für europäische Rettungsfonds, für neu zu erbauende Landratsämter..
Da bleibt uns nur noch den Patient beim Sterben die Hand zu halten, ihm liebevoll über die schweißnasse Stirn zu streichen und ihn mit häufigen Besuchen zu zeigen: Du bist mir wichtig in diesen Zeiten zwischen Pest und Cholera.
Um das Konzept umzusetzen, werden aber 30 Stellen gestrichen – in allen Bereichen, erstmals auch bei der Philharmonie. Die Kreisräte hoffen trotzdem, auch künftig qualitativ hochwertige Produktionen an den beiden Theaterstandorten zu ermöglichen. Ist dieser Gedanke von Realitätssinn oder Wunschdenken getragen?
Ursu: Der Gedanke liegt irgendwo dazwischen und die Kreisräte haben sich die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht. Letztendlich wollte keiner, dass Stellen abgebaut werden oder das Angebot schrumpft. Dass auch bei der Neuen Lausitzer Philharmonie Stellen gestrichen werden sollen, ist aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehbar. Das Orchester bespielt seit 1996 als einzige Sparte den gesamten Kulturraum und ist bei den Sinfoniekonzerten auf Aushilfen angewiesen, das heißt: unterbesetzt. Wir werden in Zukunft noch mehr Aushilfen dafür brauchen und deswegen tritt hier keine richtige Einsparung ein. Abgesehen davon, dass das Orchester eine dauerhafte Stammbesetzung braucht, um hörbar als eigenständiger Klangkörper wahrgenommen zu werden. Die künstlerische Leitung und die Geschäftsführung müssen sich jetzt damit beschäftigen und eine Lösung dafür finden. Natürlich müssen wir versuchen, dass alle Sparten weiterhin hochwertige Produktionen in Zittau und Görlitz anbieten. Es wird zukünftig aber insgesamt weniger produziert.
Was stört Sie besonders an dem beschlossenen Konzept?
Ursu: Dass überhaupt Stellen abgebaut werden müssen.
Welche Möglichkeiten hätte es aus Betriebsratssicht gegeben, ein besseres Ergebnis in der Konsolidierung zu erzielen?
Ursu: Manche Kollegen fragen sich: Warum, wenn insgesamt 30 Stellen abgebaut werden, keine der drei nach der Fusion übernommenen Leitungsstellen in Frage gestellt wird? Wir werden als Betriebsrat noch einmal darüber reden müssen. Die Struktur soll jetzt kleiner und schlanker werden. Dazu gehören – wie das Konzept jetzt beschlossen wurde – alle Bereiche, ohne Ausnahme. Es ist aber nicht die Aufgabe des Betriebsrates, Vorschläge zum Stellenabbau zu machen.
Außer dem vom Landrat und der Kreistagsmehrheit abgesegneten Konzept waren noch zwei weitere Papiere in der Diskussion. Das von der Linkspartei setzte auf vermehrte Zuschüsse, das von SPD-Kreisrat Frank Peuker auf die erneute Zerschlagung der Theater GmbH. Wären dies gangbare Wege gewesen?
Ursu: Eigentlich versuchen wir seit 2003 mehr Geld zu bekommen. Man muss anerkennen, dass die beiden Gesellschafter, Stadt und Landkreis Görlitz, bereits relativ viel Geld – gemessen an deren Möglichkeiten und Haushalten – für die Theater zahlen. Die Stadt Zittau aber hat bisher abgelehnt, selbst Gesellschafter zu werden und finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Das würde uns tatsächlich helfen. Einer unserer Geschäftsführer wollte neulich in einer Sitzung des Zittauer Stadtrates die schwierige Situation erklären und für eine Beteiligung der Stadt Zittau an der Theatergesellschaft werben, hat aber kein Rederecht bekommen. Stattdessen wird die Idee der Zerschlagung der jetzigen Gesellschaft und die Gründung einer Holding, die milde gesagt aberwitzig ist, ins Spiel gebracht. Diese angebliche "Lösung" bringt den Theatern zwar kein zusätzliches Geld, vermittelt aber den Eindruck, dass sich die Politik in Zittau bemüht, etwas für das Theater zu tun. Das Kurioseste an der Geschichte ist, dass der Vorschlag vonseiten der gewerkschaftsnahen SPD kommt. Dadurch wird aber die Tarifflucht, die in der Tochtergesellschaft TSG praktiziert wird, weiterhin unterstützt. Dort sind meine Kollegen aus der Verwaltung und Technik mit außertariflichen Einzelverträgen angestellt. Das am Mittwoch beschlossene Konsolidierungskonzept geht wenigstens von möglichst geregelten tariflichen Verhältnissen in allen Bereichen aus und könnte die weitere Existenz der TSG unter Umständen überflüssig machen. Das wäre organisatorisch, verwaltungstechnisch und tariflich äußerst sinnvoll.
Wie gehen Sie jetzt mit dem Ergebnis der jüngsten Kreistagssitzung um?
Ursu: Wir müssen versuchen, aus der entstandenen Situation das Beste zu machen. Das heißt in erster Linie, durch kontrollierten und sozialverträglichen Personalabbau betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass die notwendige Leistungsfähigkeit dabei erhalten bleibt. Die in dem Beschluss enthaltene Öffnungsklausel hält den Weg für eine zusätzliche finanzielle Beteiligung an unserer Theatergesellschaf frei. Vielleicht entscheidet sich die Stadt Zittau doch dafür, mitzumachen. Es ist für alle Beteiligten keine einfache Situation, aber die Zittauer und die Görlitzer haben als Theater nur zusammen eine Chance im Kulturraum.
Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.
Gert W. Knop schrieb am 17.03.2012 01:06 Uhr
Welch ein dummer Kommentar dieses ignoraten "Gast" vom 16.03.2012. Zittau braucht kein monumentales Einkaufszentrúm in der Innenstadt aber ein kulturelles so wie es das Theater ist!
Erhard schrieb am 16.03.2012 10:01 Uhr
Klar, müssen die Kommunalpolitiker das wenige Geld was ihnen zur Verfügung steht, im Sinne der Gemeinschaft verantwortungsvoll einsetzen.
Kulturfreunde werden diese Entscheidung natürlich verteufeln. Andere, die wenig oder gar nicht ins Theater gehen, wird das freuen bzw. nicht interessieren.
So ist nun mal die Welt bzw. so ist nun mal die Welt geworden.
Und ich habe Sorge, dass sie noch schlimmer wird.
Gast schrieb am 16.03.2012 09:13 Uhr
Das Geld des Theaters stecken wir doch lieber in ein neues Einkaufszentrum !!!!!
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