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Das Hohelied der Wolfsromantik

Das Hohelied der Wolfsromantik

Bundesumweltministerin Svenja Schulze besuchte Fachleute für Wolfsfragen am Görlitzer Senckenbergmuseum. Foto: Matthias Wehnert

Bundesumweltministerin Svenja Schulze unterstützt den Wolf und die Wolfsforschung in der Oberlausitz. Für sie stellt die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland einen „Sieg des Artenschutzes“ dar. Auf echte Kritiker stieß der Besuch aus Berlin bei Senckenberg in Görlitz jedoch nicht.

Görlitz. Nur eine kleine Schar von Journalisten hat sich am Montag im Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz eingefunden. Doch der eigentliche Tross folgt kurz darauf und betritt mit der Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) den Saal. Schulze hat sich zusammen mit Redakteuren oft überregionaler Medien mit dem Pressebus auf Sommerreise durch die Lausitz begeben, um sich mit Förstern und Jägern, Braunkohle-Vertretern, Windradbauern, aber eben auch mit Schäfern und Wolfsschützern zu treffen.
Die Gemengelage in Zeiten eines sich anbahnenden Klimawandels ist in der strukturschwachen Region brisant, zumal der Wolf die dünn bevölkerte Lausitz je nach Geschmack wieder besiedelt oder diese eingenommen hat.

Im Senckenbergmuseum wird beim Thema Wolf so auch jedes Wort von den Mikrophonen mitgeschnitten. Es ist eine Frage weniger Tage, ehe umfassende Features im Deutschlandfunk zu hören oder in der Zeit oder der Süddeutschen zu lesen sein dürften. Bei einer Sommerreise ist mehr möglich als die schnelle Info für die Tagesberichterstattung. Im Senckenbergmuseum gibt es aber zunächst eine geballte Ladung Infos über die Arbeit des Hauses durch Direktor Willy Xylander. Aufhänger ist jedoch, dass Görlitz die Federführung der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DDBW) innehat. Nach der Probelaufzeit des zunächst von 2016 bis August 2019 laufenden Projektes in Kooperation mit Senckenberg im hessischen Gelnhausen, dem Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin ist vom Bundestag am 28. Juni gerade die Fortführung beschlossen worden.

Ilka Reinhardt vom Lupus-Institut bezeichnet die hohen Anstiegsraten des Wolfes derzeit als normal, weil viele Gebiete bislang noch wolfsfrei seien, während in Gebieten mit Wölfen nur leichte Steigerungen zu verzeichnen seien. Der erste Wolf in Dänemark sei sogar nachweislich aus der Niederschlesischen Oberlausitz zugewandert.

Dass bei der Angst vor dem Wolf Hybride eine großflächige Gefahr darstellen könnten, vermag Naturschutzgenetiker Carsten Nowak auszuräumen. Genetische Untersuchungen zwischen 2003 und 2017 hätten bis dato nur zwei Hybride nachweisen können. Hinsichtlich der umfassenden Forschungen fasst Senckenberg-Chefzoologe in Görlitz Hermann Ansorge zusammen: „Offener geht der Umgang mit dem Wolf nicht, als wir ihn über die Internetseite ddbw-wolf.de darstellen.

Tote Wölfe landen in Deutschland ausnahmslos auf dem Berliner Seziertisch von Claudia Szentiks und im Tomographen. Sie beziffert illegale Tötungen von Wölfen auf 11 % der Todesfälle – einschließlich nachgewiesener absichtlicher Tötungen mit dem Auto. Auch erfährt die Ministerin aus dem Munde der Wissenschaft, dass analysierte Mageninhalte den Schluss zulassen, dass 97 Prozent der Wolfsnahrung wilde Huftiere gewesen seien und nur 1,01 Prozent auf Nutztiere entfallen. Das sähe in Südeuropa ganz anders aus, wo der Mensch wilde Huftiere schon vor langer Zeit ausgerottet hätte. Und überhaupt: Nutztierhalter müssen ihre Tiere sowieso schützen, egal wie viele Wölfe es gibt. Denn es geht ja eigentlich nicht darum, ob es den streng geschützten Wolf in Deutschland gibt, sondern um das Wie des Zusammenlebens. Bei den Gesprächen mit Schafhaltern in Brandenburg habe die Ministerin erfahren, „niemand gibt die Haltung wegen des Wolfes auf“ und es könne nicht darum gehen „Wolfe auf Verdacht“ zu schießen. In den vom Bundesamt für Naturschutz veröffentlichten Empfehlungen des DDBW „Konzept im Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten“ wird eingeräumt, dass zwischen dem 15. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche Wolfsangriffe auf Menschen überliefert seien, wobei die meisten Fälle auf Tollwut und prädatorische Angriffe zurückzuführen seinen. Nun gut – prädatorisch heißt einfach im Rahmen eines Beute- oder Plünderzuges, was eigentlich nicht beruhigt. Jüngere Vorfälle in Nordamerika zeigten, dass Angriffe teilweise „in Zusammenhang mit Futterkonditionierungen“ standen. Zusammengefasst liest sich das in einer Handreichung des Kontaktbüros Wölfe in Sachsen unter der Frage „Sind Wölfe gefährlich?“ so, dass dies nur der Fall sei, „wenn Wölfe erkrankt sind – Deutschland ist seit 2008 tollwutfrei, wenn Wölfe in die Enge getrieben werden oder wenn Wölfe angefüttert werden“. Dummerweise kann man heute im Internet bereits Anleitungen zum Anfüttern von Wölfen finden, um von ihnen bessere Fotos zu machen. Ergo: Der Wolf darf unvernünftig agieren, der Mensch nicht. Dabei liegt fast jeder menschlichen Katastrophe das Versagen einzelner zu Grunde, weswegen der vorherige Hinweis, der Mensch sei letztlich selbst schuld, wenn etwas schief gehe, eigentlich grob fahrlässig erscheinen muss. Eventuelle Opfer erscheinen dann womöglich als Kollateralschäden in einer kollektiven menschlichen Haftung.

Die Ministerin zieht sich ob solcher Bedenken auch lieber auf die gängige Beruhigung zurück und spricht davon, „wie ein typischer Wolf sich verhält“, denn die „Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ist ein Sieg des Artenschutzes“.
Der Lausitzer FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst hatte im Rahmen einer Regierungsanfrage die Antwort erhalten, dass zwischen 2015 und 2017 Schadensausgleichszahlungen an durch Wölfe geschädigte Nutztierhalter von 107.782 Euro auf 187.894 Euro gestiegen seien. Herbst’ Bautzener Kollege Karsten Hilse hatte unterdessen historische Kirchenregister in Sachsen nach durch Wölfe getötete durchforsten lassen und verweist zudem auf Wolfsangriffe in Skandinavien. Redakteur Olaf Opitz hatte in der Maiausgabe von „Tichys Einblick“ unter dem Titel „Im artgerechten Blutrausch“ zudem darauf hingewiesen, dass z.B. 1810/1811 bei Viersen/Roermond zwölf Kinder dem Wolf zum Opfer gefallen seien und 19 Kinder und Erwachsene 1820 in Posen.

Till Scholtz-Knobloch / 14.07.2019

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Kommentare zum Artikel "Das Hohelied der Wolfsromantik"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Erhard Jakob schrieb am

    Torsten, nicht Hunde, welche ihre Lieblinge (Hunde) zu *Angriffsmaschinen* erziehen, sind das Problem. Sondern ihrer Erzieher. Bei Wölfen ist das etwas anders. Wir alle wissen, dass die Menschen nicht auf dem >Speisezettel< der Wölfe stehen. Aber wissen das auch die Wölfe? Vor allem wenn sie Hunger haben! Und vor allem, wenn sie erkrankt sind!

    Der Mensch steht auch nicht auf dem Speiseplan des Fuchses. Gott sei Dank ist die Tollwut in unseren Breiten ziemlich ausgerottet! Trotzdem kann ein Fuchs oder ein Wolf daran erkranken. Dann weiß weder der Fuchs noch der Wolf, dass er dem Menschen aus dem Wege gehen soll und fällt ihn an bzw. beißt ihn.

    Torsten, du bist der Meinung, dass der Wolf in das >dichtbesiedelte< Sachsen gehört. Das sehen viele Haustierhalten und auch ich, anders. Auch der früher hier heimische Bär gehört nicht mehr in das >dichtbesiedelte< Deutschland. Falls diesbezüglich eine *Volksbefragung* stattfinden sollte, würde mich schon interessieren, wie diese ausgeht?

  2. Torsten schrieb am

    Fakt ist, das es seit der Wiedereinwanderung der Wölfe in DL keinen Angriff von Wölfen auf Menschen gegeben hat - eher umgekehrt - Angriffe von Menschen auf den Wolf in Form von illegalen Abschüssen! Allen Horrorszenarien, Weltuntergangsmythen und sonstigen Hirngespinsten und Verschwörungstheorien zum Trotz. Fazit: Der Wolf passt herrlich gerade zu Sachsen und der Oberlausitz! Eine tatsächliche und sehr reale Gefahr für Menschen dagegen sind Hunde und deren Halter, die sich ständig selbst überschätzen - darüber sollte mehr diskutiert und Maßnahmen dagegen ergriffen werden.

  3. Shaunfreund schrieb am

    "... Hybride eine großflächige Gefahr darstellen könnten, vermag Naturschutzgenetiker Carsten Nowak auszuräumen" - ist das ein Witz?

    Die schwarzen Hybriden von Ohrdruf wurden von Senckenberg doch als "echte Wölfe" bezeichnet. Da könnte man auf den Gedanken kommen, dass womöglich fast ausschließlich Hybriden in Deutschland unterwegs sind und daher die Vergleichsproben zu echten Wölfen fehlen...

  4. Erhard Jakob schrieb am

    Viele vertreten die Meinung, dass der Wolf nicht in das >dicht besiedelte Sachsen< gehört. Dieser Meinung schließe ich mich an!

  5. Elke schrieb am

    Deutschland ist seit 2008 tollwutfrei - wie lange wohl noch? In Ländern, aus welchen Wölfe zu uns einwandern, gibt es die Tollwut aber noch. Wie wird sich das in Deutschland auswirken, wenn tollwuterkrankte Wölfe aus anderen Ländern bei uns ankommen? Die Inkubationszeit ist recht lange, in dieser Zeit können Wölfe sehr weite Strecken laufen. Es ist realistisch also durchaus möglich, dass ein an Tollwut erkrankter Wolf aus dem Osten nach Deutschland einwandert und sich auch innerhalb von Deutschland noch ein gutes Wegstück bewegt. Wie wird mit dieser Gefahr umgegangen?

    Ich finde es beschämend, dass sich die Frau Ministerin (Zitat): "...zieht sich ob solcher Bedenken auch lieber auf die gängige Beruhigung zurück und spricht davon, „wie ein typischer Wolf sich verhält“..." derart äußert. Von Politikern, einer Bundesumweltministerin, erwarte ich Ehrlichkeit und konstruktive sowie realisierbare Lösungsvorschläge und keine "gängige Beruhigung". Aber genau so nehme ich die Wolfspolitik wahr: die Bevölkerung wird trotz besseren Wissens beruhigt (oder gar belogen?) auf Kosten der Bürger aus dem ländlichen Raum (bald flächendeckend in Deutschland, nicht nur in den bisherigen Wolfsgebieten) und auf Kosten aller Weidetiere sowie vieler Wildtiere.

    Bei entsprechend hoher Zäunung (wo diese möglich ist, geht ja nicht überall, was ebenso gerne verschwiegen wird) werden auch die Wildtiere massiv eingeschränkt in ihren Wanderungen und Bewegungen. Die Weidetiere werden entweder angegriffen oder sie verschwinden wieder in dunkle Ställe. Die Weideflächen verwuchern und verbuschen, was für viele andere, kleinere Tierarten das "Aus" bedeutet.

    Aber ja, sicherlich kann die Frau Ministerin das nochmal genauer erklären mit dem Sieg für den Artenschutz und dann wohl auch, wer letztendlich der Verlierer sein wird.

  6. Ulrike schrieb am

    Es ist schon eigenartig, dass internationale Untersuchungen bei Wölfen in verschiedenen Teilen Europas 61% Hybridisierung feststellen. Also bei allen Populatonen aus denen auch in Deutschland zugewandert wurde und zugewandert wird. Nur das Senckenberginstitut kann keine Hybridisierung feststellen ? Ebenso dass immer weider bei wolfstypischen Rissmerkmalen "keine brauchbare DNA"oder "Hund"rauskommt. Es wäre Zeit die Monopolstellung dieses nicht zertifisierte Institutes auf zu heben und von ihm auch eine Offenlegung der Vergelichsproben, dei sie verwenden zu verlangen.

  7. Annegret Sproesser schrieb am

    Senckenberg lebt von Geldern, die das Umweltministerium ihm zuschustert. Die Verantwortlichen wären schön blöd, der Hand, die sie füttert, zu erzählen, wo die Schwachstellen ihrer Untersuchung und Interpretation liegen.
    Zu den Zahlen über Hybriden ist zu sagen, dass in dem angegebenen Zeitraum, meines Wissens nur m-DNA untersucht wurde, die lediglich Auskunft über die mütterliche Seite gibt. Wenn also in diesem Zeitraum Hybriden von einer Wölfin geboren wurden,so konnte bei der DNA-Analyse nur "Wolf" herauskommen, egal ob der Vater ein Labrador oder ein Chihuahua war.
    Aus den Analysen von Wolfskot auf tatsächliche Risse zu schließen halte ich für sehr gewagt, bzw. sehr unsicher. Im Kot finden sich lediglich Reste von unverdaulichen Knochen, Zähnen und Haaren. Was allerdings meistens von Wölfen bei Rissen genutzt (gefressen) wird sind Innereien und Weichteile. Außerdem fallen den Wölfen pro Angriff bis zu 50 Weidetiere zum Opfer, von denen bestenfalls ein bis drei von Wölfen genutzt werden und davon auch eher die Weichteile.
    Finde den Fehler!

  8. Nele schrieb am

    Hat Senckenberg die selbst gengetesten Ohrdrufer Bastarde nicht erst als solche zugegeben, als Fotos der Schwarzen mit Schlappohren aufgetaucht sind?

    Ich bezweifle die Aussage Schulzes, dass wg Wölfe kein Schäfer aufgibt.
    Die Medien sind voll von Berichten mehrfach Betroffener, die nun aufgeben oder wieder zur reinen Stallhaltung zurückkehren.

    Die auf der Internetseite des BMU von Schulze rezitierte Aussage, dass SIE SELBST sich maßgeblich für die jetzige 100 % EU- Förderung zum wolfssicheren Zaunbau für alle Weidetierhalter stark gemacht hat, ist - freundlich ausgedrückt - Volksverdummung.
    Diese Regelung wird in Deutschland NICHT umgesetzt. Fördermittel bekommen nur bestimmte Tierhalter, unter bestimmten Voraussetzungen und nur so lange, wie der Topf des zuständigen Umweltministerium nicht leer ist (wie gerade in Niedersachsen).
    Und ja, angesichts des bisherigen Umgangs mit Großraubtierrudeln in dicht besiedelter Kulturlandschaft ist davon auszugehen, dass Svenja Schulze Kollateralschäden an Menschen gelassen in Kauf nimmt.

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