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Dem Skat geht nach 100 Jahren Puste aus

Dem Skat geht nach 100 Jahren Puste aus

René Schmidt (hinten) ist mit den Landskronbuben Görlitz e.V. gerade in die Skat-Oberliga Sachsen aufgestiegen. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Eigentlich sind die mitteldeutschen Bundesländer die traditionellen Hochburgen des Skats. Doch in der Niederschlesischen Oberlausitz haben es die Skatfreunde nicht so leicht, auch wenn die Landskronbuben Görlitz e.V. gerade ihren Aufstieg in die Oberliga Sachsen gefeiert haben.

Görlitz. Wer am Montag 17.30 Uhr zum Training der Landskronbuben in die Koweg-Klause in der Sporthalle von Rauschwalde erscheint, muss seine Vorstellung, wie es am Skattisch zugeht, möglicherweise korrigieren. Hier wird nicht kräftig auf den Tisch gedroschen und niemand kommentiert prahlerisch: „So, und jetzt noch die ganze Flöte“. Selbst das Reizen 18, 20, 2, 0, 4 kommt sehr still in hoher Konzentration daher. Echte Profis setzen eben auch – bzw. gerade beim Skat – ihr Pokerface auf. Dennoch darf natürlich – nachdem alle Karten ausgespielt sind – auch geschmunzelt werden, während andere sorgenvoll die Stirn runzeln.

„So etwa 60-70% des Erfolges muss man aber wohl dem Glück zuschreiben“, meint Peter Anders von den Landskronbuben. Es bleibt also noch genug Raum für das Können. Während beim Training jeder für sich seine Meriten einsammelt, sind die Skatfreunde in der Liga jedoch ein Team, das durch die angespielten Farben auch das Blatt des Mannschaftskollegen zu lesen weiß. Und da die Landskronbuben dies in der Region am besten können und zudem auch Vereinskonkurrenz fehlt, strahlt der Klub über Görlitz hinaus aus, so dass auch Spieler aus dem Umland bis Niesky den Weg nach Rauschwalde finden.

René Schmidt gehört zu den Jüngeren, gilt aber als einer von zwei ganz Ausgebufften in der Runde, der nicht chancenlos zur nächsten Skat-WM fahren könnte, wenn die 60-70% Glück nur richtig verteilt werden. Und – wie er sich wünscht, wenn ein Sponsor sich des liebsten Spiels der Deutschen annehmen könnte. Denn manche Turnierteilnahmen scheitern bereits an den Reisekosten. Immerhin hat Schmidt bei der Skatolympiade bereits einen 51. Platz erzielt.

Er verrät auch, wieso es der Leistungsskat regional so schwer hat. „Sieht man davon ab, dass junge Leute oft am PC spielen, so fehlt manchem im Klub auch das Volkstümliche.

Wir spielen ja nach Regeln und da gehört das Spielen mit der ’schlesischen Spitze’, also umgekehrter Reihenfolge der Karten beim Stechen nicht mit dazu“. Dabei gibt es in Schlesien wie auch in Sachsen doch eigentlich eine große Tradition der Kartenspiele. Schon seit 1453 ist es in Schlesien belegt.

Das Kartenspielen war bald so beliebt, dass sich manche Kriminelle auf den Betrug bei Kartenspielen mit Geldeinsätzen in Gasthäusern spezialisierten. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts konnte illegaler Spielkartendruck in Schlesien sogar mit lebenslänglicher Zwangsarbeit wegen Steuerhinterziehung bestraft werden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Spielkarten noch handwerklich hergestellt, die Produktion war jedoch bereits staatlich lizenziert. Cirka 150 Spielkartenmacher vor allem in Breslau, Schweidnitz und Neisse hatten in Hochzeiten mit der Produktion der Karten ihren Lebensunterhalt verdient.

Die Heimat des heute weitest verbreiteten Kartenspiels, des Skatspiels, ist jedoch Altenburg in Thüringen. Dort entstand das Spiel um 1810/15 herum aus Elementen mehrerer anderer Kartenspiele, wie z.B. dem spanischen l’hombre, dem italienischen Tarock, dem ursprünglich aus dem Erzgebirge stammenden Schafkopf, aus Deutsch Solo und anderen. Nach dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache von Friedrich Kluge ist der Begriff Skat vom italienischen „scartare“ = „aus dem Kartenspiel entfernen“ abgeleitet, was auf das Abwerfen zweier Karten im Tarock zurückzuführen ist.

Als Urheber des Skatspiels gelten der Gymnasialprofessor Johann Friedrich Ludwig Hempel, Medizinalrat Dr. Hans Carl Leopold Schuderoff, Hofadvokat und Notar Friedrich Ferdinand Hempel, Ratsherr Carl Christian Adam Neefe und Kanzler Hans Karl Leopold von der Gabelentz. Die erste schriftliche Erwähnung finden wir bereits 1818 in den „Osterländer Blätter(n)“. 1884 erschien ein „Illustriertes Scatbuch“ von Freiherr von Hirschfeld (alias Hertefeld), und 1885 wurde von Amtsgerichtsrat Karl Buhle das „Illustrierte Lehrbuch des Scatspiels“ veröffentlicht, das die Basis für die auf dem I. Kongress 1886 in Altenburg beschlossenen Skatordnung wurde. Zur Gründung des Deutschen Skatverbandes (DSkV) kam es jedoch erst 1899 auf dem III. Kongress in Halle (Saale), weil es Differenzen zwischen dem Altenburger Farbenreizen und dem Leipziger Zahlenreizen gab.

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Ein großes Problem warf zudem die Frage auf, ob mit dem Deutschen oder dem Französisches Blatt gespielt werden sollte. Um einen Kompromiss zwischen Thüringen/Sachsen und dem Rest der Skatwelt zu finden, wurde mit Einführung der Internationalen Skatordnung das so genannte „Chemnitzer Bild“ als offizielle Turnierkarte verbindlich festgelegt, indem französische Symbolik mit den deutschen Farben kombiniert werden. Pik ist dabei also grün abgebildet, Schellen in gelb.

Die Görlitzer Landskronbuben sind da ganz pragmatisch und spielen im Training mit den deutschen Karten, während man bei Turnieren dann eben in den sauren Apfel beißt, den die bundes-, ja weltweite Einheit der Skatgemeinde gebietet.
Genau wie der Fußball fand auch Skat genau vor 100 Jahren durch den 1. Weltkrieg zu einer immensen Verbreitung. In den Schützengräben an der Westfront setzte sich vermutlich das Zahlenreizen – das 1927 obligatorisch wurde – durch, und auch das französische Blatt gewann bei dem eigentlich deutschen Spiel in den meisten Regionen die Oberhand. Überhaupt gilt das Jahr 1927 als Ausgangspunkt für den „Einheitsskat“, zumal nun auch ein Ausschuss als Vorläufer des heute weltweit höchstinstanzlich anerkannten Altenburger Skatgerichts eingesetzt wurde.

Zur Bewährungsprobe für die Einheitlichkeit der Regeln wurde die Gründung der „International Skat Players Association“ (ISPA-World) 1976 in Paris. Deren deutsche Regionalsektion konkurrierte zunächst mit dem DSkV. Seit Ende der Neunziger Jahre gab es aber Kontakte, man einigte sich auf eine weltweit einheitliche Spielordnung. Lassen wir uns also nichts von selbsternannten „Experten“ von einer „Deutschen“ oder „Altenburger“ Skatordnung erzählen, diese gibt es nicht mehr. Seit 1. Januar 1999 gilt die „Internationale Skatordnung“ – weltweit! Zum deutschen Skatverband gehören über 35.000 Mitglieder, bis vor einigen Jahren war darin sogar der polnische Verband assoziiert.

Artur Garus, Funktionär des Skat-Verbandes aus Oberschlesien betont: „Die beiden oberschlesischen Woiwodschaften Oppeln und ’Schlesien’ stellen allein etwa 85 % der Aktiven im polnischen Skatverband“. Und auch der Rest der polnischen Skatgemeinde ist in einst preußischen Gebieten wie Danzig, Großpolen und Masuren sind zuhause. Das Skatspiel ist eben vor allem dort verbreitet, wo Deutsche und ihre Nachkommen leben oder sich als Auswanderer niederließen und ihre Nachbarn mit Skat „infizierten“ – z.B. in Nordamerika, Paraguay oder Namibia.

Die Kombination von Konzentration und Geselligkeit ist beim Skat eben unschlagbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass drei Spieler genau die gleichen Karten wiederbekommen, ist minimal. Die Zahl der möglichen Kartenverteilungen beträgt nämlich 2.753.294.408.504.640.
 

Till Scholtz-Knobloch / 01.10.2018

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