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Eine Stadt hilft sich aus der Krise

Eine Stadt hilft sich aus der Krise

Barbara Nowack und René Meißner werben für die Bautzener Stadtgutscheinaktion. Diese soll im Juni starten, wenn absehbar ist, dass die Inzidenz im Landkreis wieder unter die Marke von 150 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner sinkt. Foto: RK

Im Zuge der Corona-Pandemie kommt es zu schmerzlichen Einschnitten in Gastronomie und Einzelhandel. In Innenstädten wie der Bautzener, wo sich im Normalfall Touristen und Kunden drängen, herrscht deutlich weniger Begängnis. Die Zahl der Schaufenster, in denen Aufkleber wie „Zu vermieten“ prangen, droht zu steigen – je länger die Krise andauert. Doch nun fasst sich ein Teil der Stadtgesellschaft Mut und schiebt eine Aktion an.

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Im Winter war die Kampagne „Kauft regional!“ zusammen mit dem Innenstadtverein angeschoben worden. Foto: Archiv

Bautzen. Eine Frau wie Barbara Nowack hat bereits schwierige Zeiten hinter sich. Die Spreestädterin ist krisenerprobt. Vor über einem Jahrzehnt kämpfte sie öffentlichkeitswirksam ge-gen das Aus des damals in Bautzen ansässigen Quelle-Fachgeschäfts, in dem sie tätig war. Aktuell stemmt sie sich als Mitarbeiterin eines Reisebüros gegen die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Doch diesen Kampf um die wirtschaftliche Existenz möchte sie nicht allein ausfechten. Schon 2020, kurz nachdem der erste staatlich veranlasste Corona-Lockdown zur Eindämmung des Erregers in Kraft trat, rief sie ein virtuelles Unterstützernetzwerk ins Leben. Über dieses ließen sich Handynutzer gezielt mit Informationen aus in Bautzen ansässiger Gastronomie und lokalem Einzelhandel versorgen. Doch inzwischen scheint das nicht mehr auszureichen, um die Kunden bei Laune zu halten. Aufgrund der kürzlich in Kraft getretenen Bundesnotbremse, die von Berlin aus gesteuerte, einheitliche Anti-Corona-Maßnahmen vorsieht, droht das Herunterfahren des öffentlichen Lebens in Regionen mit Inzidenzen von mehr als 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner bis weit in den Frühsommer hineinzureichen. Im Landkreis Bautzen lag der Wert am Dienstag bei 317,6. Just in dieser Zeit haben Stadtverwaltung und Stadtrat einen Maßnahmenkatalog auf den Weg gebracht. Ein wesentlicher Punkt dabei ist, eine Guthabenkarte beziehungsweise ein Gutscheinsystem zu etablieren – um auf diese Weise den gebeutelten Gewerbetreibenden ein Stück weit unter die Arme zu greifen.

Inzwischen halten die Vorstände des Innenstadtvereins (IBV) René Meißner und Barbara Nowack das Ergebnis in ihren Händen. Dem Gremium wurde die Federführung bei dem Projekt übertragen. Eine limitierte Anzahl an Stadtgutscheinen jeweils im Wert von 50 Euro soll unter die Bautzener und deren Gäste gebracht werden. Sie müssen dafür lediglich 35 Euro entrichten. Künftig lassen sich die Coupons bei mehr als 100 sogenannten Akzeptanzstellen einlösen – und das voraussichtlich ab dem 5. Juni. Sofern zu diesem Zeitpunkt ein Terminshoppen á la „Click & Meet“ wieder möglich ist. Dann will Barbara Nowack mit dem Verkauf der Gutscheine starten – und zwar zunächst in ihrem Reisebüro an der Tuchmacherstraße 11.

Damit verzögert sich der Start um fast einen Monat. Als Grund dafür wurde die ungewisse Lage Anfang Mai und die damit einhergehende Abholpraxis „Click & Collect“ genannt. Diese ist für den Fall nicht sehr dienlich, befürchtet die Schatzmeisterin des IBV. Wenn es aber erst einmal losgeht, dürfen sich Gutscheininteressenten auf eine bereits vertraute Vorgehensweise einstellen. Sie melden sich im Vorfeld telefonisch an. Im Anschluss lassen sie sich den Gutschein in Barbara Nowacks Ladenlokal aushändigen – natürlich unter den geltenden Abstands- und Hygienebedingungen. „Die Volksbank Dresden-Bautzen eG und die Stadttochter BBB als Sponsoren ermöglichen es, dass die Kunden einen geringeren Betrag pro Gutschein zahlen müssen“, erklärte die Spreestädterin. „Sie gleichen mit ihren Zuschüssen und Spenden die Differenz aus.“ Vor dem Hintergrund hatte der Stadtrat beschlossen, dass die Kommune mit einer Summe in Höhe von 2.500 Euro ebenfalls mit im Boot sitzt.

„Das soll ein Zeichen sein, dass uns die negativen Folgen der Corona-Maßnahmen nicht kalt lassen und wir alles, was realisierbar ist, unternehmen wollen, um die Folgen der massiven Einschränkungen abzufedern“, begründete Steffen Tech die Entscheidung für das Unterfangen. Der Fraktionschef vom Bürgerbündnis Bautzen zeigt sich erleichtert darüber, dass regionale Finanziers bereit sind, das Anliegen der Stadt zu unterstützen. „Auf diese Weise muss der kommunale Haushalt nicht zusätzlich belastet werden.“ Die Finanzspritze, die die Rathausmannschaft in Aussicht gestellt hat, stammt aus dem Bürgerhaushalt, der wiederum einen Teil des Gesamtetats darstellt.

„Eventuell ist es möglich, noch weitere Sponsoren für die Differenz zwischen der Gutscheinsumme und Kaufsumme zu finden“, fragt sich indes Heiner Schleppers von der CDU-Stadtratsfraktion. Er und seine Fraktionskollegen sehen in den Gutscheinen ein positives Signal. Sie sollen etwas Hoffnung geben. „Kunden konnten nicht in die gewünschten Einrichtungen und Geschäfte gehen. Viele Menschen kümmerten sich also im Internet. Diese Aktion soll die Bürger und Bürgerinnen von Bautzen nun daran erinnern, dass der örtlichere Einzelhandel weiter für sie da ist und einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität in dieser Stadt leistet. Auch soll der Kontakt zwischen den Bürgern und den Händlern und Gastronomen nicht abbrechen“, warb er für eine Akzeptanz bei den Spreestädtern. Eine negative Haltung nach dem Motto „Es bringt doch alles nichts, es ist doch alles kaputt, was sollen wir noch machen“ dürfe sich nicht durchsetzen. Das bringe niemandem etwas. Deshalb fügte der Christdemokrat hinzu: „Unsere Innenstadtakteure müssen wieder fest zusammenstehen, sich helfen, ja auch Mut machen. Die Starken sollten die Schwachen mitnehmen.“ Nicht unerwähnt ließ er in dem Kontext, dass auch klar sein müsse, dass der Handel sich wandelt. „Hier dürfen wir Kunden, Gewerbetreibenden und die Politiker die Zukunft nicht verschlafen.“

Für die SPD offenbarte sich eigenen Angaben zufolge bereits ein Versäumnis. „Angedacht war ursprünglich durch die ehemalige Citymanagerin Gunhild Mimuß eine City-Guthaben-Karte ähnlich der Weimar-Card oder einer Stadt-Guthaben-Karte, wie sie beispielsweise Pirna schon nutzt. Würde man langfristig denken und planen, ist der Ausbau der Pandemiehilfe-Gutscheinaktion in Bautzen zu einem solchen Modell denkbar“, erklärte Fraktionsvorsitzender Roland Fleischer. „Verkauf und Vertrieb sind dann wie in den anderen Städten über die Tourismus-Information und die teilnehmenden Häuser, Partner und Geschäfte zu regeln“, fügte Gunhild Mimuß hinzu, die 2019 über die Liste der Sozialdemokraten in den Stadtrat gewählt wurde. Ihrer Meinung nach hat sich die Rathausmannschaft die Verfahrensweise recht einfach gemacht, indem sie dem IBV die gesamte Organisation übergab. „Der denkt verständlicherweise in erster Linie an die eigenen Mitglieder. Vielmehr wird aber eine zentrale und professionell arbeitende Anlaufstelle benötigt, die sich um die Vermarktung der Gutscheine und den Kommunikationsprozess kümmert. Es gibt in der Verwaltung und bei der BBB fähige Leute. Diese müsste man nur unter dem Dach einer Marketinggesellschaft zusammenziehen. Ansonsten entpuppt sich das Vorhaben im ungünstigsten Fall als Schnellschuss ohne Langzeitwirkung.“ Roland Fleischer dagegen zeigte sich überzeugt davon, dass der Innenstadtverein sicherlich Wege findet, auch „Nicht-Mitglieder“ einzubinden. Gewerbetreibende sollten sich an diesen wenden. Ursprünglich war vorgesehen, dass zu Beginn der Aktion lediglich im IBV und im Tourismusverein organisierte Mitglieder von der Kampagne partizipieren können.

„Es muss kein Geschäft außen vor sein. Der Innenstadtverein ist offen für jeden Händler“, versicherte Christian Polkow. Der Manager des Kornmarktcenters ist selbst in dem Gremium aktiv. Indes stellte er klar, dass der Gutschein auch in den Geschäften des Centers einlösbar sein werde.

Die Bürgervertreter der AfD plädierten vielmehr dafür, die nach ihrer Ansicht unverhältnismäßigen und unlogischen Corona-Maßnahmen, die eine Schließung von kleineren Geschäften, Lokalen und Hotels nach sich ziehen, sofort zu beenden. Die jetzt ins Leben gerufene Gutscheinaktion sei von symbolischem Charakter mit begrenzter Wirkung. Sie trage nicht dazu bei, dass ein Gewerbetreibender langfristig überlebt.

Trotz vereinzelter Kritik, denn die gibt es gefühlt so gut wie bei jeder Angelegenheit, die in Bautzen in Angriff genommen wird, schauen Barbara Nowack und ihre Mitstreiter nach vorn. Für sie gibt es in den kommenden Tagen noch einiges zu tun, damit das Unterfangen nicht schon im Ansatz verpufft, sondern ein durchschlagender Erfolg wird. So sind beispielsweise Aufkleber an die teilnehmenden Ladenbesitzer und Gastronomen zu verteilen. Mit diesen sollen die Kunden da-rauf hingewiesen werden, wo sie ihren Stadtgutschein nach dem scharfen Start einlösen können. „Wir haben die Negativschlagzeilen satt“, betonte sie, um gleich darauf hinterherzuschieben: „Wir brauchen endlich wieder positive Nachrichten.“

Roland Kaiser / 01.05.2021

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