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„Pfefferkuchen hat man uns geschenkt“

„Pfefferkuchen hat man uns geschenkt“

Das Lachen kommt noch etwas zurückhaltend: Die Brasilianerinnen von Pulsnitz freuen sich über ihre neue Perspektive, haben aber auch Sehnsucht nach ihrer Heimat. Foto: UM

Seit einiger Zeit leben zehn Brasilianer in Pulsnitz. Sie arbeiten in der Schlossklinik – und sorgen für ein spannendes soziales Experiment in der Westlausitzer Kleinstadt.

Pulsnitz. Gehen zehn Brasilianer durch Pulsnitz … Klingt wie der Beginn eines Kinderwitzes, ist aber ein durchaus realistisches Szenario. Denn: In der ortsansässigen Schlossklinik haben jetzt ebenso viele Pflegekräfte aus dem südamerikanischen Land ihre Tätigkeit aufgenommen. Dabei hätte es für Carsten Tietze eigentlich nahe gelegen, die Finger davon zu lassen: „2015 haben wir bereits ein ähnliches Projekt mit Arbeitskräften aus Vietnam durchgeführt, sind damit jedoch gescheitert“, räumt der Geschäftsführer der Vamed Kliniken in Pulsnitz ein, zu denen neben der Schloss- auch die Schwedensteinklinik gehört. Beide Häuser sind Rehabilitationskliniken, die Klinik am Schwedenstein für psychosomatische Medizin, die im Schloss für Neurologie und Neurochirurgie. Und in letzterer sollen Lara, Amanda, Gizeli, Barbara, Ticiane, Danielle, Eluane, Ederson, Karla und Marjorie künftig „mit ihren Fachkenntnissen, aber auch mit ihrer Herzlichkeit und Lebensfreude den Klinikalltag bereichern.“

Bürokratische Hürden sind niedriger

Einige der Namen, wenn auch nicht alle, klingen für mitteleuropäische Ohren vertraut. Und tatsächlich „trennt Brasilien eine viel geringere kulturelle Kluft von Deutschland als beispielsweise Vietnam“, wie Personalleiterin Heike Rentsch betont. Gemeinsam mit ihrem Chef hat sie in der Mega-Millionenmetropole Sao Paulo Bewerbungsgespräche geführt und einen kleinen Einblick in die brasilianische Lebensart gewonnen. Bei den Aspiranten handelte es sich um hervorragend geschulte Fachkräfte, ist die Pflegeausbildung in Brasilien doch in Form eines Hochschulstudiums organisiert. Und so konnte man sich bei der Fortbildung hauptsächlich auf die deutsche Sprache konzentrieren, die durch das Goethe-Institut vermittelt wurde, wobei auch diese Hürde „wesentlich niedriger ist als mit Vietnam.“

Auch die bürokratischen Hürden – an denen das Vietnam-Projekt laut Carsten Tietze letzten Endes gescheitert ist – scheinen in Bezug auf Brasilien wesentlich niedriger zu liegen. „Brasilien ist aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit ein Land, dessen Regierung die Akquise von Arbeitskräften durch das Ausland unterstützt“, weiß der Pulsnitzer Vamed-Geschäftsführer. Anders als die derzeit von vielen Kliniken praktizierte Anwerbung von Personal im Kosovo, wo selbst Pflegenotstand herrscht, bezeichnet er die Zusammenarbeit mit Brasilien als „nachhaltig.“ Heike Rentsch lobt in hohen Tönen die Zentrale Arbeitsvermittlung der Bundesarbeitsagentur, die das Vorhaben intensiv unterstützte. Und so sind sie nun hier: Lara, Amanda, Gizeli und all die anderen.

Das Heimweh plagt

Ganz so einfach, wie sich das alles bis hierher liest, ist es dann aber doch nicht. Denn die temperamentvollen, lebenslustigen Brasilianerinnen – zwei der zehn sind Männer – haben Heimweh und sehnen sich nach ihren Familien, wie sie im direkten Gespräch freimütig bekennen. Für letzteres Problem könnte es absehbar eine Lösung geben, denn der Nachzug ist in Aussicht gestellt, und dann dürfte auch das Heimweh nicht mehr ganz so schlimm drücken. Nach dem Hauptgrund für ihre Entscheidung, Brasilien zu verlassen, befragt, fällt sofort das Wort „Sicherheit“. Und damit ist weniger die finanzielle Absicherung gemeint, sondern der Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung.

Das Wetter bereitet zumindest in diesen Tagen weniger Probleme, wobei man bedenken muss, dass die Brasilianer im Februar nach Pulsnitz kamen, als es schon für deutsche Verhältnisse ordentlich kalt war. Schließlich hat Corona die Integration, die hauptsächlich über die Pulsnitzer Vereine laufen soll, erheblich erschwert. War doch Vereinsarbeit in den letzten Monaten kaum möglich. Glücklicherweise zählt Pulsnitz zu den Faschingshochburgen der Region – wobei jemand, der mit dem lateinamerikanischen Karneval aufgewachsen ist, wohl eher befremdet auf das ritualisierte und zuweilen recht steife deutsche Treiben schauen wird. Doch hier kann man sich ja auch gegenseitig bereichern.

Das erhofft sich Carsten Tietze ganz generell von seinen neuen Mitarbeitern, die durchaus ein wenig lateinamerikanisches Flair in die Westlausitzer Kleinstadt bringen sollen. Die ersten Begegnungen mit den Pulsnitzern verliefen jedenfalls sehr herzlich: „Wir sind oft angesprochen worden, und man hat uns Pfefferkuchen geschenkt.“ Also dann: Gehen zehn Brasilianer durch Pulsnitz …

Uwe Menschner / 21.07.2021

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