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Tja, wenn ich immer alles hören wollte...

Tja, wenn ich immer alles hören wollte...

Pit Hildebrand (Schiedsrichter) und Wolfgang Pallmann (rechts) sowie Louis Wohlfarth (links) an den Linien leiteten die Partie SV Aufbau Kodersdorf – SV 90 Jänkendorf in Anwesenheit des Schiedsrichterbeobachters Bernhard Donke (nicht im Bild). Foto: Till

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Der persönliche Gruß zwischen Schiedsrichterkollektiv und den Spielern beider Mannschaften schafft vor dem Anpfiff einen menschlichen Draht. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Der mit dem Landkreis Görlitz deckungsgleiche Fußballverband Oberlausitz hat am Freitag langjährige Schiedsrichter geehrt. Anlass für den Niederschlesischen Kurier einmal ein Spiel der Kreisliga unter Beobachtung eines Schiedsrichterbeobachters zu besuchen und ebenso den Einsatz der Görlitzer Herren in Schwarz zu würdigen.

Region.
Das Schiedsrichterkollektiv könnte von der Altersstruktur kaum gegensätzlicher sein. Wolfgang Pallmann (66) vom Görlitzer FC Rauschwalde hat selbst im vergangenen Jahr seine Ehrung zum 50. Jubiläum als Schiedsrichter erlebt, an der gegenüberliegenden Linie steht auf dem Platz in Wiesa zur Partie von Aufbau Kodersdorf gegen den SV Jänkendorf der erst 14-jährige Louis Wohlfarth vom SV Ludwigsdorf. Schiedsrichterbeobachter Bernhard Donke (SV Gebelzig) ist hingegen dabei, um dessen Vereinskollegen Pit Hildebrand (24) in Augenschein zu nehmen, der sein Interesse angemeldet hat, auch einmal in höheren Klassen zu pfeifen.

„Wenn ein junger Schiedsrichter Ambitionen äußert, ist das ist immer der Maßstab, ob der Kreisfußballverband mich oder einen meiner etwa 10 Beobachterkollegen zu einem Spiel schickt“, betont Bernard Donke, der nach der Begegnung in der Kabine mit dem Schiedsrichterkollektiv zusammensitzt und zunächst Pit Hildebrand bittet eine Einschätzung zum Spiel abzugeben. „Hm, Not gegen Elend haben heute gespielt, das war eigentlich nicht schwierig, obwohl die die Jänkendorfer als Außenseiter auch überraschend starke Momente hatten“, sagt er.

Bernhard Donke sieht es ähnlich, auch wenn Louis Wohlfarth einwirft, in einer Situation sei Abseits vielleicht strittig gewesen. Aber genau diese für ihn verdeckte Situation konnte Donke nicht einschätzen. Er lobt Pit Hildebrand: „Als gelb gefordert wurde, hast Du unaufgeregt abgeblockt. Die Zusammenarbeit von Euch war gut, von Pit habe ich im Grunde keine Fehler gesehen. Du hast in einer schnellen Szene Vorteil laufen lassen – das sah gut aus! Als eventuell verbesserungswürdig sehe ich, dass Du bei schnellem Konterspiel über den Mittelkreis hinaus mehr Laufbereitschaft zeigen könntest. Sieht doof aus, wenn Du aus der Entfernung pfeifst. Aber der Umgang mit Offiziellen und Spielern – alles OK. Du hattest allerdings auch Glück, dass Du nicht laut werden brauchtest.

Das war heute ein Spiel ohne Brisanz“, fasst Donke den Verlauf der Partie vom 12. Spieltag zusammen, in der es keine einzige gelbe oder rote Karte gab und keines der Tore zum 3:0-Heimsieg der Kodersdorfer Diskussionen auslöste.

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Bernhard Donke ist als Schiedsrichterbeobachter für den Fußballverband Oberlausitz tätig. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Donke ist in seiner Freizeit auch Übungsleiter der Bambini in Gebelzig und bereitet den Platz für die Jugend vor. Der gelernte Bäcker hat lange auf dem Bau gearbeitet und ist auch als freier Redakteur tätig. Der 68-jährige erklärt, dass er in seinem Beobachterbericht nur noch Einschätzungen zu sieben Fragen abgeben müsse, während der bürokratische Aufwand früher größer gewesen sei. Die Fragen bezögen sich auf Regelsicherheit, die Regelauslegung und die Laufbereitschaft. Man gehe von 8,4 Gesamtpunkten aus, die man meist nur um 0-Komma-Werte verändere. „Man bleibt eher mit kleinen Abzügen darunter“.
Insgesamt ist vieles moderner geworden. „Etwa 1 ½ Wochen vor der Austragung eines Spiels schließen wir für ein Spiel angesetzten Schiedsrichter uns erstmals telefonisch kurz, später tauschen wir dann E-Mails aus, z.B. um zu besprechen, wer von uns Dreien fährt und unterwegs nach Möglichkeit die Kollegen mitnimmt“, erklärt Wolfgang Pallmann. Letztlich sind die drei Herren in Schwarz kein festes Ensemble, zu jedem Spiel kann sich die Zusammensetzung ändern, wobei der Verband aus ökonomischen Gründen bestrebt ist, gemeinsame Anreisen möglich zu machen. 

Pit Hildebrand, der im Waggonbau arbeitet, packt seine Tasche zum Spieltag einen Abend vor dem Spiel. „Ich fühle mich dabei sicherer. Am Platz angekommen müssen wir natürlich die Platzmarkierungen und die Netze überprüfen und wir suchen das Gespräch mit Mannschaftsverantwortlichen“. Nach dem Spiel müssen online die wichtigsten Daten zum Spiel per Laptop übermittelt werden. Der Verband und mit ihm viele Fans warten letztlich im Internet auch auf einen schnellen Ergebnisdienst.
Die 25 Euro Aufwandsentschädigung für den Schieds- und 20 Euro für die beiden Linienrichter plus Fahrtkostenerstattung sind für die Beteiligten kein Anreiz so viel Zeit an den Wochenenden zu opfern. Wolfgang Pallmann meint: „Ich war als Spieler keine Leuchte, eine Knieverletzung kam hinzu, so kam ich dazu Schiedsrichter zu werden.“ Pit Hildebrand hat andere Motivationen: „Das Reisen ist reizvoll, immer woanders zu sein. Mit dem Schiedsrichterpass komme ich bei anderen Spielen kostenlos auf den Platz. Schön war heute auch, dass sich ein Verlier heute nach dem Spiel für die Spielführung bedankt hat“, sagt er.

„Man muss als Schiedsrichter alles nicht so persönlich nehmen können, man wird über die Jahre entspannter“, erklärt Wolfgang Pallmann, wie er über 50 Jahre durchgehalten hat. „Ich merke jedoch, dass der Frust aus dem täglichen Leben immer mehr durchschlägt. Ganz deutlich konnte man das die letzten fünf bis zehn Jahre erleben. Tja, wenn ich alles hören wollte“, gibt sich Pallmann gelassener als sein Gegenüber, der 14-jährige Louis Wohlfarth, der auf die Frage nach „extremen Erlebnissen“ im ersten Jahr anführt schon „Arschloch“ genannt worden zu sein.

Auch Bernhard Donke weiß aus seinem Erfahrungsschatz schon ganz anderes zu berichten. „1990/91 habe ich mal die Bezirksklasse-Dresden-Partie Lauta – Großdubrau gepfiffen. Eigentlich war beim 0:4 alles klar und dennoch sind die Zuschauer ausgerastet. Ich musste damals von der Polizei vom Platz zum Auto geführt werden. Mein Dank gilt vor allem unseren Frauen, die uns jedes Wochenende ziehen lassen“.

Folgende Schiedsrichter und Offizielle aus dem Bereich des Niederschlesischen Kuriers wurden am 23. November für ihren langjährigen ehrenamtlichen Einsatz an der Pfeife oder als Funktionäre geehrt:
Bernd Gundel (Blau-Weiß Deutsch Ossig) 45 Jahre
Joachim Rodig (SV Klitten/Boxberg) 45 Jahre
Uwe Rüdiger (SV Grün-Weiß Gersdorf) 35 Jahre
Uwe Ulmer (SV Ludwigsdorf 48) 35 Jahre
Bernd Kroschwald (FV Eintracht Niesky) 35 Jahre
Wolfgang Döring (Industrie-SG Hagenwerder) 30 Jahre
Thomas Hayn (SV Energie Görlitz) 25 Jahre
Jens-Uwe Fest (Blau-Weiß Deutsch Ossig) 20 Jahre
Klaus Jürgen Wende (SV Ludwigsdorf 48) 20 Jahre

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Till Scholtz-Knobloch / 25.11.2018

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