Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

Uralte Rotbuche in Lebensgefahr – Linde ohne jede Chance

Uralte Rotbuche in Lebensgefahr – Linde ohne jede Chance

Diese Rotbuche soll schon bald aus dem Stadtbild verschwinden. Laut Landratsamt genießt der Baum keinen besonderen Schutzstatus im Sinne eines Naturdenkmales.

Alternativer Text Infobild

Von einer Linde am Bombardier-Parkplatz, die auch geschützten Tierarten eine Zufluchtsstätte bot, künden mittlerweile nur noch diese Überreste. Fotos: privat

Bautzen. Zahlreiche Menschen rund um die Maria-und-Martha-Kirche bewegt derzeit ein Schicksal. Eine offenbar jahrhundertealte Rotbuche auf einem am August-Bebel-Platz gelegenen Privatgrundstück soll einem geplanten Hausbau weichen. Dagegen regt sich seit geraumer Zeit Widerstand. „Der Baum ist so groß, dass er Unmengen an Kohlendioxid umwandelt“, meinen Anwohner. „Er ist eine schutzwürdige Schönheit.“ Würde die Buche aus dem Stadtbild verschwinden, so befürchten sie, sei das ein nicht wieder gut zu machender Verlust. Dass der schattenspendende Riese womöglich krank sei, wird bezweifelt. Rein äußerlich sehe man ihm nichts an. Inzwischen wurde Kontakt mit dem Landratsamt und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) aufgenommen. „Wir bitten um Hilfe, dass das Vorhaben in den Fokus gerückt und vielleicht doch noch gestoppt werden kann“, heißt es in einem von den Anwohnern verfassten Schreiben. Angeblich soll die Rotbuche einst Bestandteil des Bautzener Stadtparks gewesen sein. „Über die genaue Herkunft ist uns nichts bekannt“, teilte hingegen Rathaussprecherin Laura Ziegler auf Anfrage mit. Sie bestätigte dem Oberlausitzer Kurier, dass für den auf dem besagten Grundstück existierenden Baum die Fällung beantragt wurde. Allerdings bedürfe die laut der Gehölzschutzsatzung einer Ausnahmegenehmigung. „Das beabsichtigte Bauvorhaben wurde als zulässig beurteilt“, fügte die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung hinzu. „Nach Einschätzung des hinzugezogenen Baumsachverständigen ist es leider nicht möglich, die Rotbuche zu erhalten. Einerseits besteht eine stark eingeschränkte Bebaubarkeit, da sich die Rotbuche unmittelbar im Baufeld befinde. Andererseits ist zur Erschließung und Bebauung mit einer unausweichlichen Schädigung des Wurzelsystems zu rechnen. Ein Kronenrückschnitt wäre ebenfalls sehr schadhaft und würde zum Vergehen des Baumes führen.“ Kurzum: Wann der Riese gefällt wird, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Allerdings lag Rathausangaben zufolge am Dienstag noch keine Baugenehmigung vor. Wie weiterhin zu erfahren war, ist auf jeden Fall eine Ersatzpflanzung zu leisten. Diese werde auf Grundlage der Gehölzschutzsatzung festgelegt. Denkmalschutz- und naturschutzrechtliche Belange würden der Fällung nicht entgegenstehen. 

Das sieht der NABU ganz anders. Er will beim Bautzener Landratsamt klären lassen, inwieweit der Baum eventuell doch unter Denkmalschutz steht. Sprecherin Juliane Dölitzsch: „Der NABU vertritt die Auffassung, dass Bäume generell zu schützen sind und dies insbesondere in unseren Städten. Ein ausgewachsener Laubbaum verdunstet an einem heißen Sommertag immerhin bis zu 400 Liter Wasser. Er spendet Schatten, bindet Staub und ist oft von ästhetischem Reiz. Leider ist seit Änderung des Sächsischen Naturschutzgesetzes auf Betreiben der FDP der kommunale Baumschutz stark eingeschränkt worden.“

Die Anwohner haben indes einen Vorschlag unterbreitet, wie sich die uralte Rotbuche am Ende doch noch retten ließe. Sie schreiben: „Für die Hauseigentümerin beziehungsweise Miteigentümerin ist die Bearbeitung des Gartens aufgrund des Alters inzwischen zu schwer. Die ebenfalls im Haus lebende Tochter hat angeblich kein Interesse am Garten. Von daher wäre für uns die beste Lösung, dass das Anwesen verkauft wird. Denn es lassen sich sicher Menschen finden, die es betreiben und bewirtschaften wollen. Die Alternative, den Garten zu vernichten, um dort ein Haus zu bauen und vor allem dieses Baumdenkmal radikal zu eliminieren, erscheint unter den ganzen Maßnahmen, die hier propagiert werden – von wegen ‚grüne Stadt’ – geradezu abstrus.“ Unabhängig davon herrscht Skepsis darüber, ob die für die Buche alternativ zu pflanzenden Bäume ebenfalls so alt werden. „Wenn sie es überhaupt schaffen, hoch zu kommen. Denn es ist ja durchaus möglich, dass die kleinen Bäume wieder gefällt werden. Sie sind ja erst ab einer bestimmten Dicke eines Stammes schutzwürdig.“ 

Linde am Bombardier-Parkplatz abgeholzt

Unabhängig davon genießen in der Stadt Bautzen lediglich zwei Bäume den Schutzstatus eines Naturdenkmales, wie Dunja Reichelt vom Landratsamt mitteilte. Dabei handele es sich um eine Esche am linken Spreeufer hinter der Heilige-Geist-Brücke und um eine Winterlinde im Humboldthain. Genau dort herrscht derzeit bei manch einem Kopfschütteln und Unverständnis. Grund ist der Umgang mit einer anderen Linde, die bis vor Kurzem nicht nur Waldkäuzen einen Zufluchtsort bot. Auch ein Bienenvolk hatte sich in deren Stamm eingenistet. Nun ist der Baum in Einzelteile zerlegt. Von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, wurde er vor einigen Tagen abgeholzt. Zur Begründung hieß es von Behördenseite, dass die Linde nicht stand- und damit verkehrssicher sei. Für die Zeit einer genaueren Untersuchung hatten Absperrbänder und Bauzäune dafür gesorgt, dass Passanten und Fahrzeuge ihr nicht zu nahe kamen. Der Baum säumte in der Vergangenheit den Bombardier-Parkplatz am Humboldthain. Genau dort soll künftig die neue Werkszufahrt entlangführen. Einige Bautzener beschleicht das Gefühl, dass die Linde einfach im Wege stand. Das allerdings haben sowohl das Unternehmen als auch Stadt und Landratsamt stets bestritten. 

„Die Untere Naturschutzbehörde hat die Fällung gegenüber der Bombardier Transportstation GmbH unter Einhaltung zahlreicher artenschutzrechtlicher Auflagen mit Bescheid vom 16. Juli 2019 genehmigt“, ließ eine Sprecherin der Kreisverwaltung auf Anfrage wissen. „Dazu gehören eine ökologische Fällbegleitung, eine Regelung zur Bergung vorhandener Abschnitte mit Höhlen und deren Anbringung an anderer geeigneter Stelle in der Nähe. Dies betrifft auch den bekannten Tageseinstand des Waldkauzes und den durch das Bienenvolk bewohnten Stammbereich. Vorschläge für entsprechende Bereiche lagen bei der Naturschutzbehörde auf dem Tisch. Weiterhin wurde die Übergabe eines Berichtes über alle Maßnahmen, welche den Artenschutz betreffen, gefordert. Dieser liegt noch nicht vor. Daher kann keine abschließende Aussage zu den Ausgleichsmaßnahmen getroffen werden.“ Im Bautzener Landratsamt wird indes davon ausgegangen, dass die Käuze sich weiterhin im Humboldthain aufhalten. „Die Jungen sollten inzwischen die Nestlingszeit abgeschlossen haben und selbstständig sein.“ 

Beim Schienenfahrzeugbauer Bombardier und in den Reihen der Stadtverwaltung wird indes nach vorn geschaut. Die Baumaßnahme liege im Plan, hieß es aus dem Rathaus. Damit kann voraussichtlich im September mit dem Bau des Asphaltbandes und einer neuen Spreequerung begonnen werden. Die Gesamtkosten dafür liegen bei 2,2 Millionen Euro. Sachsens Wirtschaftsministerium hatte im Vorfeld angekündigt, „die Aufwertung des Standortes“ mit 1,7 Millionen Euro unterstützen zu wollen. „Das Unternehmen Bombardier wird sich zwar nicht an den Baukosten selbst beteiligen können“, betonte ein Stadtsprecher. „Es möchte sich aber an den geplanten Ersatzpflanzungen beteiligen.“

Anzeige

Roland Kaiser / 25.08.2019

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Die Mail-Adresse wird nur für Rückfragen verwendet und spätestens nach 14 Tagen gelöscht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Weitere aktuelle Artikel