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Vorfahren geben ihre Geheimnisse preis

Vorfahren geben ihre Geheimnisse preis

Andrea Pulik und Monika Oschika vom Sorbischen Museum betrachten die Nachbildung des Burgwalls Schönfeld bei Calau. Foto: UM

Im Sorbischen Museum Bautzen hat eine Sonderausstellung über die slawische Besiedlung der Lausitz geöffnet. Sie stellt bisherige Erkenntnisse in Frage.

Bautzen. Der Helm ist verdammt schwer. Man sollte beide Hände nehmen, um ihn zu halten. Kaum vorstellbar, so etwas auf dem Kopf zu tragen. Doch für den slawischen Krieger, der vor etwa 1.500 Jahren in die Lausitz zog, gehörte er zu den Alltäglichkeiten. Und er schützte ihn gut: „Wer mit dem Finger hier darüberstreicht, fühlt eine Scharte. Das war ein Volltreffer mit dem Schwert.“ Peter-Cornelius Kusch weiß, wovon er spricht. Der Museumspädagoge aus Dissen hat den Helm selbst schon getragen. Nun gehört die originalgetreue Nachbildung aus der Zeit der Lusizer und Milzener zu den Exponaten der neuen Sonderausstellung „Geheimnisvolle Vorfahren“, die derzeit im Sorbischen Museum Bautzen zu sehen ist. Die Arbeitsgemeinschaft „Stary Lud“ (altes Volk) war maßgeblich an der Ausgestaltung der Schau beteiligt. Lässt sie doch in ihrem Freiluftmuseum in Dissen die Zeit der Milzener und Lusizer, die etwa um 700 nach Christus in die heute als Lausitz bezeichnete Region einwanderten, lebendig werden. „Folglich gestalten unsere Freunde aus Dissen den ‚lebendigen’ Teil der Ausstellung“, erklärt Andrea Paulik, Pädagogin am Sorbischen Museum. „Wir selbst zeichnen für den archäologischen Teil verantwortlich.“ Dementsprechend präsentiert sich die Exposition als Mischung aus archäologischen Funden und rekonstruierten Alltagsszenen. Zu ersteren zählen unter anderem der Hacksilberfund von Meschwitz, Keramiken und weitere Grabbeigaben. Für den interessierten Besucher alles faszinierende Dinge, doch das Herz der Ausstellung schlägt woanders: „Wir wollen den Besuchern ein authentisches Bild von jener Zeit vermitteln, in der die ersten Slawen in unserer Region heimisch wurden“, betont Peter-Cornelius Kusch. Und so zeigen er und seine Mitstreiter(innen) in Dioramen, was sie auch in Dissen erlebbar machen: Wie lebten, arbeiteten, jagten, ernteten und speisten die Menschen im frühen Lausitzer Mittelalter? Eine mit unzähligen Tierfellen und Wolldecken ausstaffierte Schlafstatt zählt zu den Schauplätzen, eine Werkbank, an der ein geschickter Handwerker (in dem Fall Peter-Cornelius Kusch selbst) an Hirschgeweihen oder Pfeilspitzen schnitzt, und ein Rennofen, in dem die frühen Slawen aus dem weit verbreiteten Raseneisenerz hochwertiges Eisen für ihre Schmiede gewannen.

Die machten daraus – nicht nur, aber auch – Waffen, denn: Wirklich friedlich lebten die frühen Lausitzer nicht. „Sie kleideten sich in Kettenhemden, führten Schwerter und setzten massive Metallhelme auf“, weiß der Dissener Museumsmann. Und die Lusizer und Milzener hatten auch durchaus schon einen Sinn für das Schöne: So verstanden sie es, Glasperlen in verschiedenen Farben herzustellen, aus denen sie Halsketten fertigten, wie man sie heutzutage in teuren Boutiquen findet. Gelebt haben sie in kleinen, locker mit Holzhäusern bebauten Dörfern, die oft von Schutzwällen umgeben waren.

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Peter-Cornelius Kusch kann den Besuchern auch zeigen, wie die ersten Slawen ihre Pfeile herstellten. Foto: UM

Für das Sorbische Museum Bautzen stellt die neue Sonderausstellung eine willkommene Gelegenheit dar, die überlieferten Lehrmeinungen über die Frühgeschichte der Lausitz und damit auch die eigene Ausstellung auf den Prüfstand zu stellen. „Der Forschungsstand verändert sich, woran auch neue Untersuchungsmethoden einen Anteil haben“, erklärt Andrea Paulik. So kann man heute mithilfe von dendrologischen Analysen, also Untersuchungen an Baumresten, viel genauer das Alter von geologischen Schichten bestimmen als noch vor ein paar Jahrzehnten. Und so verwundert es kaum, dass die Geschichte der Lausitz immer wieder zumindest in Teilen umgeschrieben werden muss. „So galt noch vor ein paar Jahren die Lehrmeinung, dass die erste Besiedlung durch slawische Völker bereits im 6. Jahrhundert nach Christus stattfand“, so die Museumspädagogin. „Heute geht man davon aus, dass dies erst Ende des 7., Anfang des 8. Jahrhunderts erfolgte.“ Und auch die Rolle, welche die stets als Kern der Besiedlung angesehene Bautzener Ortenburg tatsächlich dafür spielte, ist noch keinesfalls vollständig geklärt: „Dafür existieren viel zu wenige slawische Funde in der Umgebung.“ Relativ viele Funde hingegen gibt es in der Niederlausitz, wo sich der Braunkohlebergbau auch in dieser Hinsicht als Fluch und Segen zugleich erweist: „Im Zuge von Notgrabungen ist vieles ans Tageslicht gekommen, was sonst wahrscheinlich für immer verborgen geblieben wäre“, weiß Peter-Cornelius Kusch. Und so arbeiten Ober- und Niederlausitzer Hand in Hand, um ein möglichst authentisches Bild zu zeigen, zu dem auch der schwere Metallhelm gehört. Ob das gelungen ist, davon können sich Besucher bis zum 3. März 2019 im Sorbischen Museum Bautzen überzeugen. Einen Überblick über das Begleitprogramm gibt es unter www.sorbisches-museum.de/ausstellungen.

Uwe Menschner / 25.11.2018

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