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Wer spaltet Pulsnitz tatsächlich?

Wer spaltet Pulsnitz tatsächlich?

Die Pulsnitzer Bürgermeisterin Barbara Lüke setzt sich offensiv mit Anfeindungen und Beleidigungen auseinander. Foto: Archiv

Die Pulsnitzer Bürgermeisterin Barbara Lüke ist in der überregionalen Presse präsenter als die meisten ihrer Amtskollegen. Das hat Gründe, gefällt aber nicht jedem.

Pulsnitz. Es begann mit Linda. Als die damals 16-Jährige Pulsnitzerin im Sommer 2017 als mutmaßliche IS-Kämpferin im Irak festgenommen wurde, entdeckten die überregionalen Medien die ostsächsische Kleinstadt. Was die Pfefferkuchen in den Jahrzehnten zuvor nur bedingt vermocht hatten, „gelang“ der Jugendlichen quasi nebenbei: Den Fokus der deutschlandweiten Aufmerksamkeit auf Pulsnitz zu richten. Und wen ruft man an, wenn man etwas über einen Ort erfahren möchte, von dem man nie zuvor gehört hat? Natürlich den Bürgermeister. Und so prasselten die Anfragen im Minutentakt auf Barbara Lüke ein, die zu diesem Zeitpunkt seit knapp 15 Monaten im Amt war.

„Ich sollte erklären, was das für ein Ort ist, in dem IS-Terroristen heranwachsen, und ob es noch mehr davon gebe“, berichtet sie und findet drastische Worte für den medialen „Belagerungszustand“ dieser Tage und Wochen. Doch immerhin: Die Medien fragten, bevor sie berichteten. Es gelang, die Berichterstattung so zu kanalisieren, dass Pulsnitz in der bundesweiten Öffentlichkeit nicht als „Terroristennest“ in Erinnerung blieb. Und auch die Kontaktdaten von Barbara Lüke, der taffen Bürgermeisterin, die sich ohne Scheu den teils grenzwertigen Fragen gestellt hatte, blieben – nämlich in den Notizbüchern der Journalisten. Und auch im Bundespräsidialamt wurde man auf sie aufmerksam: Es geschah sicher nicht zufällig, dass Frank-Walter Steinmeier ausgerechnet Barbara Lüke im Juli 2019 zusammen mit zwölf anderen Bürgermeistern ins Schloss Bellevue einlud, um über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen. Dabei kam – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – zur Sprache, welchen Bedrohungen und Beleidigungen die Stadt- und Gemeindeoberhäupter oftmals ausgesetzt sind. Nicht erst seit einem oder zwei Jahren, seit dieser Zeit aber wesentlich massiver als zuvor.

Barbara Lüke scheute sich auch in der Folgezeit nicht, über entsprechende Vorkommnisse zu berichten. So auch wieder vor wenigen Tagen auf ihrem monatlichen Stammtisch, der unter dem Motto „Offen sein?!“ stand. 

Zur Erläuterung hieß es in der Einladung: „Es wird um die Frage gehen, ob das Ansprechen von Eiern (gemeint sind Eierwürfe auf das Wohnhaus der Bürgermeisterin, Anm. d. Red.), Beleidigungen etc. die Stadt schädigt/spaltet oder nicht.“ Genau das sei ihr nämlich vorgeworfen worden: Mit dem Öffentlichmachen derartiger Attacken den Ruf der Stadt Pulsnitz zu beschädigen und einen Keil zwischen die Bürger zu treiben. 

Doch wer treibt diesen Keil tatsächlich? In den letzten Wochen gingen die Anfeindungen verstärkt in die Richtung, Barbara Lüke solle „dahin zurückkehren, wo sie hergekommen ist – nämlich in den Westen.“ Sie „gehöre hier nicht her.“ Und die Beleidigungen machen hinter der Bürgermeisterin nicht halt, sondern treffen auch nachgeordnete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung: „Und nicht jeder kann so damit umgehen, wie ich es versuche – und das kann man auch nicht erwarten.“ 

Die Folge bestehe in zunehmender Demotivation. Im städtischen Ordnungsamt befindet sich derzeit nur einer von regulär fünf Mitarbeitern im Dienst; drei sind krank geschrieben, einer hat wegen Arbeitsüberlastung gekündigt, einer befindet sich im schon mehrfach verschobenen Urlaub. 
Für Barbara Lüke, aber auch für viele andere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister stellt sich die Frage, wie das Zusammenleben in ihren Kommunen künftig aussehen soll. Denn es zeichnet sich ab, dass es für zahlreiche in den kommenden Jahren aus dem Amt scheidende Bürgermeister keine freiwilligen Nachfolger geben wird. „Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der, dessen Name am Häufigsten in den leeren Stimmzettel eingetragen wurde, ist Bürgermeister. Oder die Gemeinde wird fusioniert“, zeigt Barbara Lüke die Szenarien auf. Und letzteres sei immer die schlechteste Option, weil die Nähe zwischen Bürgern und Verwaltung verloren gehe.
Unter den Teilnehmern des Stammtisches ist der Tenor klar: Barbara Lüke soll sich nicht „unterkriegen“ lassen. Als repräsentativ kann man dieses Stimmungsbild freilich nicht bezeichnen, kommen doch zu solchen Veranstaltungen zumeist die ohnehin bereits wohl Gesinnten. 

Auch die Aussage, durch Informationen zu einer Korrektur der eigenen Ansicht gelangt zu sein, war zu vernehmen. Doch gerade dieses Eingeständnis ist ja in der heutigen Zeit die absolute Ausnahme. Und so wird die Pulsnitzer Bürgermeisterin wohl auch künftig ein dickes Fell benötigen. 

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Uwe Menschner / 23.03.2020

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Kommentare zum Artikel "Wer spaltet Pulsnitz tatsächlich?"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Erhard Jakob schrieb am

    Nicht nur die Pulsnitzer Bürgermeisterin Frau Barbara Lüke brauch ein dickes Fell sondern alle Politiker und auch alle Journalisten. Insbesondere dann, wenn die vorgenannten aus Sicht vielen Menschen Fehler begangen haben. Hier denke ich auch an den Begriff "Lügen-Presse".

    Jetzt bemüht sich unsere Bürgermeisterin auf die nationale, wenn nicht sogar internationale, Bühne zu kommen, um ihr Leid zu klagen. Das gefällt nicht vielen aus Pulsnitz. Schließlich wir dadurch die Pfeffer-Kuchen-Stadt in ein schlechtes Licht gerückt.

    "WIR müssen reden!" ist die Losung der SPD bzw. Martin Dulig. Doch dieses Reden vermissen die meisten Bürger bzw. Wähler. Die besorgten Wähler haben den Eindruck, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten allein gelassen werden und die Politiker sich nur auf ihre Karriere konzentrieren!

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