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Die verrückte Idee mit einem alten Bahnhof

Die verrückte Idee mit  einem alten Bahnhof

Marika Barber hat vor fast drei Monaten das Bahnhofsgebäude in Neukirch (Lausitz) gekauft. Zum Tag des offenen Denkmals am 11. September sind Interessierte von 10.00 bis 18.00 Uhr zu Rundgängen eingeladen. | Foto: kk

Neukirch/Lausitz. Eine junge Demitzerin verliebt sich in das Bahnhofsgebäude Neukirch (Lausitz) West. Kurz entschlossen kauft sie das sanierungsbedürftige Haus, will es erhalten und künftig selbst nutzten.
 
Wild wächst nicht nur das Gras, auch einige junge Bäume haben nah am Haus schon vor Jahren ihr Plätzchen gefunden. Inmitten dieses Grüns ruht durchaus imposant das alte Bahnhofsgebäude. Gebaut nach Plänen aus dem Jahr 1875 als Empfangsgebäude an der Strecke zwischen Bautzen und Bad Schandau, steht es heute unter Denkmalschutz.

Im Frühjahr war auch Marika Barber zum ersten Mal am Bahnhof Neukirch-West. Seit einigen Monaten suchte sie schon nach einem Lager für ihre Trödelsammlung, denn im Haus in Demitz-Thumitz, wo die 32-Jährige mit ihrer Mutter lebt, war kein Platz mehr. „Ich habe mich in den Bahnhof verliebt“, sagt sie. Dieses geschichtsträchtige Gebäude dürfe nicht weiter verfallen, sondern es muss jemand retten, dachte sie. Die studierte Dipl.-Sozialpädagogin recherchierte bei der Bahn, fand den aktuellen Besitzer in Frankfurt/Oder und erkundete mit seiner Erlaubnis das Haus, die Taschenlampe in der Hand.

Die frühere Schönheit des Bahnhofs lässt sich 140 Jahre nach der Errichtung nur noch erahnen. Die Fenster der unteren Etage sind mit Holzplatten geschützt, kein Licht dringt in die Räume. Putz bröckelt. Unschöne Graffiti „zieren“ fast jede erreichbare Fläche des Hauses. Stockfinster ist es im Haus. Dafür steigt einem der leicht muffige Geruch, wie er typisch ist für alte Häuser, in die Nase. Ein altes Sofa steht in der früheren Empfangshalle, die Fußböden sind schmutzig, die Treppe in die obere Etage ist ausgetreten. Dicke Metallstützen fangen an einer Stelle im Treppenhaus die Decke ab. Darüber ist das Dach seit Jahren undicht, berichtet die neue Eigentümerin. Die Deutsche Bahn, die in dem ehemaligen Bahnhofsgebäude immer noch Technikräume nutzt und eine Zugfunkantenne auf dem Dach betreibt, hat diese Sicherung vorgenommen.

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Die drei Vorbesitzer – darunter zwei Immobiliengesellschaften – haben sich nicht wirklich um das Haus gekümmert. Das soll nun anders werden. Marika Barber sitzt gemeinsam mit ihrer „Mutti, die mich immer unterstützt,“ im Wohnzimmer einer der sieben ehemaligen Wohnungen. Hier hält die geblümte Tapete noch an der Wand, dafür ist der Kachelofen kaputt.

In anderen Zimmern im Obergeschoss sieht es verheerender aus: schwarze Stockflecken in den Zimmerecken, uralte Badeinbauten, Tapeten, die sich von den Wänden schälen, und Fußbodendielen, die unter dem Schritt nachgeben. Doch die 32-Jährige ist zuversichtlich.

Sie hat sich vor dem Kauf mit dem Bausachverständigen Hilmar Köhler beraten. Er hat auch die Baupläne für das Gebäude gefunden. Der Diplom-Ingenieur spricht von einer soliden Bauweise aus Ziegeln und Sandstein. Nach der ersten Besichtigung im Frühjahr schätzte er die Kosten für die Sanierung des Hauses auf eine Million Euro. „Ich habe Marika empfohlen alles zu überschlafen“, sagt Hilmar Köhler. Doch die junge Frau blieb bei ihrem Entschluss. Nun freut er sich, dass sie das Projekt angehen will. „Ein bisschen verrückt muss man eben sein.“
Marika Barber ist sich ihrer Sache sicher: „Ich möchte dem Haus neues Leben einhauchen.“ Sie selbst will den Ostflügel nutzen. Hier soll ihre Trödelsammlung eine Heimstatt finden. „Ich sammle, wie schon mein Großvater, Alltagsgegenstände – Teller, alte Stühle, Vasen – die andere sonst auf den Müll werfen würden“, erklärt sie. Diese säubert oder restauriert sie und schreibt die Geschichten der ehemaligen Besitzer auf. Manche finden anschließend ein neues Zuhause, andere wird Marika Barber in der noch zu bauenden Werkstatt künstlerisch bearbeiten. Auch für den Mitteltrakt und den Westflügel hat die junge Frau Ideen. Besonders wichtig ist noch in diesem Jahr die Reparatur des Dachstuhls und des Daches. Weiterhin muss das Gebäude austrocknen. Später könnte sie sich vorstellen, die ehemalige Gaststätte zum Mulifunktionsraum herzurichten. Schulungsräume oder einfache Übernachtungsmöglichkeiten wären ebenfalls denkbar.

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Bürgermeister Jens Zeiler freut sich über das echte Interesse am Bahnhof Neukirch-West. „Ich bin froh, dass eine junge Frau aus der Region mit einer so enthusiastischen Mutter den Bahnhof gekauft hat“, sagt er.  Der Standort sei interessant, möglicherweise könnten in dem Haus aus Wohnungen entstehen, so Zeiler und sichert die Unterstützung der Gemeinde zu, wo es nötig ist. Hilmar Köhler hört dies gern, denn für alle Bauarbeiten im Haus sind Baugenehmigungen nötig. Erfreut über die neue Eigentümerin ist auch Cornelia Barth, bei der Deutschen Bahn Station und Service unter anderem für die Bahnhöfe in Neukirch verantwortlich. Sie hofft, mit Marika Barber einen verlässlichen Ansprechpartner vor Ort zu haben.

Nur eine Antwort ist die aus Bischofswerda stammende und jetzt im Kinder- und Jugendhaus in Heidenau arbeitende Marika Barber schuldig geblieben. Wie kann man sich in einen Bahnhof verlieben? „Es sind Kindheitserinnerungen“, erklärt sie. Ihre Großeltern haben auf dem Bahnhof in Bischofswerda gewohnt. Der Opa war Reichsbahnrat und sammelte Trödel, den die kleine Marika mit großer Ehrfurcht und Begeisterung putzte und sortierte. Und vorbeifahrende Züge gehören zu dieser schönen Erinnerung.

Katrin Kunipatz / 27.08.2016

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Kommentare zum Artikel "Die verrückte Idee mit einem alten Bahnhof"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Peter Beckert schrieb am

    Hallo Marika.

    Es beschafft mir Gänsehaut wenn ich solche Artikel lese. Aber das ist positiv gemeint. Es ist als würde man ein "Urtier" aus dem Schlaf wecken und neues Leben einhauchen.

    Ich finde es sehr beeindruckend und mutig von dir soviel Kraft und Energie in diesen Bahnhof zu stecken.

    Und wenn ich sehe, weil ich vor Ort sein durfte und deine Möbelstücke tragen durfte, was du schon alles geleistet hast in Eigeninitiative. Da kann ich nur den Hut ziehen. Es ist auch nicht alltäglich, dass eine junge Frau auf einer Rüstung steht und die Außenfassade eines Bahnhofes mit Farbe neu auffrischt.

    Und es ist eine Selbstverständlichkeit meinerseits dass auch ich am 11. September gern zum Tag des offenen Denkmals anwesend bin.

    Bis dahin wünsche ich Dir noch sehr viel spaß.

    Liebe grüße.

  2. Horst Dvorak schrieb am

    Hallo Marika,

    hast Du Dir einen beglaubigten Auszug aus dem Katasteramt geholt??
    In diesem Jahr werden sämtliche Grundbücher ersatzlos gelöscht.
    Ist auch für Deine Mutter sehr wichtig.

    Gruß Horst

  3. Horst Dvorak schrieb am

    Ich muss sagen die Marika hat ehrlich großen mut den alten Bahnhof zu sanieren.
    Der Rundgang findet am 11.09.17 im Bahnhof statt??
    Werde ihn mir gern nach der Sanierung ansehen.

    LG Horst

  4. Marcel Opitz schrieb am

    Vielleicht passt es ja.
    Frau Barber schrieb uns vor zwei drei Monaten an weil sie auf unsere Facebookseite gestoßen war und diese Seite einiger Zeit verfolgt.
    Auf dieser gehen ich und meine Fotopartnerin unsere geheimen Leidenschaft nach und halten alte und verfallene Gebäude in Fotos fest.
    Wir haben darauf hin den Bahnhof in unserem Licht seinen Charme spielen lassen.
    Die Fotos sieht man auf Facebook unter "die vergessenen Orte".
    Vielleicht passt es ja.

    Mfg elMarc

  5. Marika Barber schrieb am

    Vielen Dank für den schönen Artikel. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

    Nur zwei kleine Korrekturen:

    - der Vorbesitzer des Empfangsgebäudes wohnt in der Nähe von Frankfurt/Main
    - einer meiner Opas war leidenschaftlicher Trödler, der andere Reichsbahnrat.

    viele Grüße

    Marika Barber

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