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Dumpingdruck im Friseurhandwerk?

Dumpingdruck im Friseurhandwerk?

Irena Wegrzyn bei der Arbeit. In Pink im Hintergrund bedient Joanna Skokun-Opychal einen Kunden, während Dorota Zybrowska stehend im Spiegel zu erkennen ist. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Auch so etwas gibt es dank polnischer Handschrift: Im Friseursalon Ida hat Joanna Dewelk hinter einer Grünpflanze unaufdringlich eine Bibelecke eingerichtet. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Mit dem Frisörhandwerk an sich kann kaum jemand Reichtümer erwerben, doch polnisch geführte Friseursalons erhöhen dicht an der Grenze in Görlitz zunehmend den Kostendruck. Aber wie kann man beispielsweise bei einem Damenhaarschnitt ab 10 Euro über die Runden kommen?

Görlitz. Gar nicht weit voneinander entfernt haben an der Hospitalstraße und an der Ecke Dresdener Straße/Salomonstraße mehrere Polinnen den Preiskampf eröffnet.

Seit neun Jahren lebt Malgo-rzata Joanna Dewelk bereits in Deutschland, Ihr Ex-Mann war ihr einst gar ans Ostufer der Neiße gefolgt. „Er hat kurzzeitig als Gastarbeiter in Polen sein Geld verdient, aber eine soziale Absicherung dort gibt es faktisch nicht“, sagt sie in Ehrfurcht vor den deutschen Sozialleistungen. „Wir sind daher einfach in das erste Haus auf deutscher Seite 50 Meter hinter der Grenze in Bad Muskau gezogen“. Doch ein eigenes Auskommen in Deutschland zu finden blieb ihre Hauptsorge. „Im Dezember 2016 habe ich mich dann mit 100 Euro in der eigenen Tasche in Görlitz selbstständig gemacht“, sagt sie und zeigt dabei stolz auf die Wandverkleidung. Denn die sparsame Einrichtung mit gediegenen alten Möbeln hat sie selbst vorgenommen.
Von der Einrichtung eine Spur eleganter aufgemacht, aber noch immer deutlich unter dem üblichen Preisniveau bietet auch Irena Wegrzyn ihre Künste an. Eine Dauerwelle kann man hier, je nach Haarlänge, für 25 bis 45 Euro bekommen. Irena Wegrzyn hat jedoch das Manko, dass sie bei Kundenbesuchen auf die Übersetzung von Dorota Zybrowska angewiesen ist, die auch für die dritte im Bunde, Joanna Skokun-Opychal dolmetscht. Ein wichtiger Kostenfaktor für die drei ist, dass sie alle ihr eigener Chef sind, denn Pani Irena, die Namenspatronin des Salons „Style und Beauty bei Irene“ ist, ist die Friseurin, Pani Dorota die Kosmetikerin und Pani Joanna hat sich auf das Nageldesign eingestellt.

Die drei jungen Damen teilen sich die Miete und ermöglichen den Kunden so einen mehrteiligen Service. Und sie brauchen anderen keinen deutschen Mindestlohn zu zahlen.

Irena ist voll des Lobes, dass die Anerkennung ihres Meisterbriefes in Deutschland so unkompliziert gewesen sei und sieht die notwendigen Übersetzungen nicht als wirklichen Nachteil. Ohnehin ist der Anteil von in der Westhälfte der Stadt lebenden Polen unter der Kundschaft noch anteilig hoch, da man erst im Oktober eröffnet hat. Dass sie ihren Traum von der Selbstständigkeit in Deutschland wahrmacht, hat also auch insgesamt mit den einfacheren Lebensverhältnissen in Deutschland zu tun. Dieser Einschätzung stimmen ihre beiden Freundinnen und zugleich Kolleginnen zu.

Freundin Dorota stammt aus Krakau und kam vor 20 Jahren als Aussiedlerin nach Deutschland. „Da mein Opa aus Kattowitz kam, fließt in meinen Adern auch etwas deutsches Blut, das hat mir den Zugang zu Deutschland mental erleichtert“, denkt sie. Mit dem Umzug von Düsseldorf, wo sie als Krankenschwester und im Seniorenheim gearbeitet hat, nach Görlitz ist sie nun wieder dichter an der Familie in Polen. Zudem schwärmt sie, dass eine mittelgroße deutsche Stadt wie Görlitz ihr viel mehr Sicherheit biete. In Köln hätte sie nach drei Überfällen auf ihren Sohn Angst vor den vielen Zuwanderern aus dem Orient gehabt, die ihrer Ansicht nach auch zu viel klauen. Ihr 17-jähriger Sohn Kevin möchte sich nun als deutscher Polizist für die Sicherheit in Deutschland einsetzen. „In Görlitz leben Leute wie wir. Wir haben alle nicht so viel Geld, da hat man auch ein Gefühl dafür, dass man einfach günstig sein muss“, ergänzt sie auf die Frage, wie die Stadt ihre Arbeit beeinflusst. Die günstigen Preise könne man übrigens auch anbieten, da Pflegeprodukte polnischer Anbieter zum Einsatz kommen.
Joanna Dewelk, die in der Hospitalstraße den nach ihrer Tochter Ida benannten Friseursalon betreibt, nennt als Hauptgrund für ihre günstigen Preise hingegen die eigene Genügsamkeit. „Ich fahre nicht in Urlaub, gehe mittags nicht essen oder gebe sonst das Geld für die vielen Dinge des Alltags aus, die in der Masse dann viel kosten. In Deutschland ist das alles ja scheinbar Standard“, beobachtet sie. Dennoch gibt es natürlich auch andere Kostenfaktoren. Sie kann sich die Miete ihres reinen Friseursalons zwar mit niemand teilen, aber zwei ihrer geringfügig beschäftigten Friseurinnen leben auf der polnischen Seite und sind dort auch versichert. Zudem ist eine helfende Hand ihr Sohn, der bei der Mama gerade seine Ausbildung macht.

Die Genügsamkeit belaste sie nicht. Vielmehr ist Joanna Dewelk wahnsinnig stolz darauf, dass sie allein aus Hartz 4 herausgefunden habe. Ihr falle es auch daher nicht schwer mit einen Herrenhaarschnitt für 7 Euro zu werben.

Die polnischen Friseurinnen wissen zudem, dass sie auch in Konkurrenz zu einem Herrenhaarschnitt für 18 Zloty oder etwa 4,25 Euro in Zgorzelec stehen. Doch wie sehen die bisherigen Mitbewerber in Görlitz den Preisdruck nach unten? Unweit der beiden polnischen Salons betreibt Alfonso Lepore in der Theaterpassage sein Geschäft. Er bleibt gelassen und sieht bislang keine Abwanderung von Kunden. „Einen Haarschnitt für sieben Euro, solche Preise habe ich auch schon in Berlin und anderen Großstädten bei türkischen Salons gesehen“ sagt er. Damit sei Görlitz dann doch kein Einzelfall. Doch der Anspruch bei ihm ist in bester Lage auch sehr hoch. Auf dem Stuhl sitzt gerade Yves Suogenet aus München. „Wieso sollte ich mich neu umschauen? Ich bin Stammkunde und zufrieden“, sagt der smarte Münchner, der für Siemens ausgerechnet im Bereich Finanzen und Controlling tätig ist und galant schmunzelnd die Frage abwehrt, ob er denn gerade in Sachen Abwicklung des Standortes Görlitz an der Neiße weilt. Für die breite Kundschaft stellt sich die Frage des Preises indes sicherlich ganz anders.
Joanna Dewelk betont, dass sie angesichts der mangelnden Kaufkraft in Görlitz im Grunde nur über den Preis Werbung für ihr Geschäft machen kann. Dabei habe sie sich bereits eine zu etwa 90 Prozent deutsche Kundschaft aufgebaut. „Ich lebe in Deutschland und daher habe ich mich auch voll und ganz auf die Wünsche der deutschen Kundschaft eingestellt“, betont sie. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal hat die gläubige Polin zudem: Auf der einen Seite ihres Ladens stapeln sich auf einem Tisch mehrere historische Bibeln. „Viele Kunden wissen von meiner Sammlung und schenken mir alte Ausgaben. Für mich ist wichtig, dass bei mir jeder zu jeder Zeit in Gottes Wort lesen kann“, sagt sie.

Till Scholtz-Knobloch / 13.11.2017

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