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Hereingerollt statt draußen geblieben!

Hereingerollt statt draußen geblieben!

Rollstuhlfahrer wie Katharina Kohne können jetzt die Geschäfte problemlos erreichen.

Studenten der Heilpädagogik tragen mit einer simplen Idee zur Barrierefreiheit in Görlitz bei. Davon profitieren nicht nur Rollstuhlfahrer.

Görlitz. Ein kleiner Schritt für Katharina – aber ein großer Sprung für die Inklusion in Görlitz. So könnte man die Möglichkeit charakterisieren, die es seit einiger Zeit in der Kreisstadt an der Neiße gibt – nämlich über eine mobile Rampe in ausgewählte Geschäfte zu gelangen. Die Voraussetzung dafür schuf eine Initiative von Studenten aus dem Studiengang Heilpädagogik an der Hochschule Zittau/Görlitz.
Der kleine Schritt – er blieb Katharina Kohne am 4. Advent des Jahres 2015 versagt. Nach einem Bummel über den Christkindelmarkt wollten sie und ihr Freund André Neutag sich noch etwas aufwärmen und daher eines der Geschäfte in der Görlitzer Altstadt aufsuchen. Für André kein Problem – für Katharina ein unüberwindliches Hindernis. Denn: Die Rollstuhlfahrerin konnte nirgends hineingelangen. „Wütend und frustriert sind wir nach Hause gegangen“, erinnert sie sich.

Andrés Wut blieb nicht ohne Folgen: „Für mich war das ein Unding, dass meine Freundin als Rollstuhlfahrerin vor der Tür bleiben muss. Ich versprach ihr: Das wird sich ändern.“ Eineinhalb Jahre später hat André Neutag sein Versprechen eingelöst. Gemeinsam mit seinen Kommilitoninnen Paula Dathe und Anne Kotzam und mit Unterstützung des Martinshofes Rothenburg sorgte er im Rahmen eines Studentenprojektes dafür, dass zumindest fünf Görlitzer Geschäfte nunmehr auch für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Dazu zählen unter anderem die Comenius-Buchhandlung, das Kartoffelhaus und das Antiquariat Art Goreliz.

Und nicht nur Rollstuhlfahrer – auch Mütter mit Kinderwagen und ältere Menschen haben oftmals Probleme, die steilen Eingangsstufen zu überwinden. „Über die Aktion ’Wheelramp’ ist es uns gelungen, fünf mobile Rampen zu beschaffen. Sie können mit wenigen Handgriffen an jedem Ladeneingang aufgebaut werden“, freut sich André Neutag.

Und bei den fünf muss es eigentlich nicht bleiben, denn: Mit 179 Euro stellt eine solche Rampe keine Anschaffung dar, die einen Geschäftsinhaber in den Ruin treibt. Zumal auch Menschen mit Behinderung zum Umsatz beitragen.

„Doch dafür muss das Bewusstsein entstehen. Solche Aktionen wie die der drei Studenten tragen dazu bei“, meint der (unter anderem) für Bau und Soziales zuständige Görlitzer Bürgermeister Dr. Michael Wieler (parteilos).

Er ist sich der Probleme seiner Stadt hinsichtlich der Behindertenfreundlichkeit bewusst: „Aufgrund ihrer Struktur und Bausubstanz wird es nie gelingen, eine historische Stadt wie Görlitz komplett barrierefrei zu gestalten. Doch mit dieser einfachen und intelligenten Lösung gelingt uns ein Quantensprung“, freut sich Wieler. Und Katharina Kohne bestätigt: „Wenn ich André in Görlitz besuche, dann müssen wir gut planen. In Görlitz ist für mich als Rollstuhlfahrer die Fortbewegung wesentlich schwieriger als beispielsweise in meiner Heimatstadt Dresden.“

Allein beim Aufstellen der Rampen bleibt es aber nicht. Denn die Aufgabe einer Hochschule besteht nunmal in erster Linie aus Lehre und Forschung.

Und so soll auch das Projekt der drei engagierten Heilpädagogik-Studenten zum Forschungsobjekt werden: „Es kann als Modell für soziale Innovationen auch in anderen Städten dienen. Doch dazu müssen wir untersuchen, wie es von den Görlitzern angenommen wird und welche Verbesserungen noch möglich sind“, erklärt Professor Matthias Schmidt, Prodekan der Fakultät Sozialwissenschaften. Und der Bundestagsabgeordnete Michael Kretschmer (CDU) freut sich darüber, „dass Studenten der Hochschule mit einem ganz konkreten Projekt auf das Leben in ihrer ’Heimatstadt auf Zeit’ positiv Einfluss nehmen.“

Uwe Menschner / 11.07.2017

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