16.06.2011
BAUTZEN
Bautzener Brüder sanieren mit Liebe zum Detail
MONIKA LENZ

Raum im "Wally", dem ehemaligen Weigang-Haus und späteren Pionierhaus | photoDesign Annett Scholz

An einer Wand ein Kamin, ringsum der Raum bis Hüfthöhe holzverkleidet, jeder Quadratzentimeter mit detaillierten Schnitzereien versehen, ein  edler Holzfußboden - so empfängt einer der Räume im "Wally", dem ehemaligen Weigang-Haus und späteren Pionierhaus, seine Besucher.

Eine Stuckdecke im neobarocken Stil lenkt im anliegenden Raum den Blick auf sich. Seit Oktober vorigen Jahres haben Restauratoren jede Woche an dieser und weiteren Decken des Hauses gearbeitet. Pinselstrich für Pinselstrich haben sie wiederhergestellt. Farbpunkt für Farbpunkt aufgetragen. Das Vorhandene haben sie vorsichtig restauriert, das Fehlende passend hinzugefügt. "Das dürfte man eigentlich gar nicht vermieten, das müsste man der Öffentlichkeit täglich zugänglich machen", bekam Holm Nehrig deshalb auch beim jüngsten Besuch der Mitarbeiter des Denkmalschutzes zu hören. Bei der Erinnerung daran lächelt der Bautzener und gerät ins Schwärmen. "Wir haben versucht, das Haus, so wie es zu Zeiten der Weigang-Brüder war, wiederherzustellen. Wirtschaftlich ist das allerdings ein Desaster."

Eine hohe siebenstellige Summe ist es geworden, die die beiden Bautzener Brüder Holm und Dirk Nehrig hier in den vergangenen 15 Monaten investiert haben. Geplant war eher ein sechs-
stelliger Betrag. "In den ersten Wochen gab es eine Hiobsbotschaft nach der anderen", erinnert sich Holm Nehrig. Salpeter hier, Feuchtigkeit dort, morsche Balken da. Irgendwann seien ihm Zweifel gekommen, ob das Vorhaben solch eine gute Idee war. Doch dann galt nur noch das Motto: "Die leichten Dinge des Lebens kann jeder. Augen zu und durch."

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Bautzener Brüder sanieren mit Liebe zum Detail



Denn das Haus hatte es den Beiden angetan. Als er mit seinem Bruder zusammen nach einer Immobilie gesucht hatte, waren die beiden Brüder auch auf das "Wally" gestoßen. "Im November 2009 habe ich mich mit einem guten Freund hinten im Park auf die alte DDR-Bank gesetzt, die es immer noch gibt, und habe die Ruine betrachtet", erzählt er. Früher hatte er im Pionierhaus manchmal Musik aufgelegt. Sein Bruder war in einer AG, schraubte und bastelte damals an Go-Karts herum. Als er auf der Bank saß, sei der Himmel blau gewesen und die Sonne habe geschienen "und ich konnte mir das plötzlich sehr gut vorstellen", erinnert er sich.

Der Plan stellte sich als Mammutaufgabe heraus. Zumal die beiden Brüder alles so original wie möglich restaurieren wollten. Und es musste richtig gemacht werden. War ein Balken an einer Seite angefault, musste er raus. So erging es vielen kompletten Decken. Auf Stückelungen ließen sie sich nicht ein. Hatte ein Raum irgendwann eine Stuckdecke gehabt, bekam er sie wieder. Fehlende Türen wurden nach dem Vorbild noch erhaltener originaler Türen maßgeschneidert.Der komplette Bestand von Türen, Böden, Steinen usw. wurde sorgfältig geborgen, fachmännisch aufgearbeitet und später wieder eingebaut. Heute kann man Neu von Alt nicht mehr unterscheiden.
Der feuchte Keller mit Tonnengewölbe und Granitmauern wurde trockengelegt. Ein Bodenbelag, der wie Laminat aussieht, verputzte helle Wände. Heute ist das ein Luxuskeller mit Toiletten und Aufenthaltsräumen. Das Erdgeschoss bekam sogar eine Fußbodenheizung.


Die Mauern wurden freigelegt, die Erde aufgegraben, dicke Bleche eingebaut, um das Haus gegen aufsteigende Feuchtigkeit zu schützen. Die Wärmeversorgung läuft nun teilweise über Erdwärme, teilweise über Gas. Wo früher der Wintergarten war, haben die Brüder riesige Fenster mit Blick auf den traumhaften Park einbauen lassen. Einen solchen Ausblick wird man wohl nirgends im Bautzener Zentrum finden", sagt Holm Nehrig. 

Die Brüder haben ihren ganzen Ehrgeiz daran gesetzt, das Haus wieder so aufleben zu lassen, wie es einmal war. Eine Herausforderung auch für die Fachleute. "Hier hingen Farbablösungen von der Decke", erzählt Holm Nehrig und zeigt nach oben auf eine der zahlreichen wunderschönen Stuckdecken.  "Die Restauratoren mussten sie praktisch wieder an dem Deckenuntergrund befestigen, Stückchen für Stückchen. Mit Spritzen wurde der Spezialkleber hinterfüllt, mit einer Art Pflaster jedes einzelne Farbstück an den Deckenuntergrund befestigt." Eine andere Decke war weiß übermalt worden, musste erst freigelegt werden, andere Decken waren bis zur Unkenntlichkeit zerstört.

"Man kann sich kaum vorstellen in welchem Zustand das Haus war", sagt Holm Nehrig. "Hier ist jahrelang nicht geheizt worden, Nässe eingedrungen, zum Teil konnte man bis auf die Balken unterm Dach schauen."

Davon ist heute nichts mehr zu erahnen. Der Fußboden ist nicht nur dicht und schwingt kaum. Er ist auch mit teilweise originalem Parkett belegt. Wo es fehlte wurde es genauso nachgebaut. Unterschiede kann man nicht ansatzweise wahrnehmen. Die Wände im halbrunden Treppenhaus wirken wie aus mächtigem Stein erbaut. Tatsächlich wurde hier hochwertiger Gips aufgetragen und entsprechend optisch behandelt. Unterm Dach befinden sich zwei Wohnungen, die größere hat eine Dachterrasse mit einem unbeschreiblichen Ausblick auf den Park. "Sitzt man hier", so der Bautzener, "ist man weit vom Stadtzentrum entfernt".

Der erste Mieter ist bereits im April ins Erdgeschoss eingezogen - eine Steuerkanzlei. Und auch für die weiteren Räume gibt es Interessenten. Am 1. Juli wird das Haus offiziell eingeweiht. Dann wollen Holm und Dirk Nehrig in einem Zelt im Park auch Bilder aus der Vergangenheit des Hauses zeigen: so, wie es vor mehr als 100 Jahren darin aussah, so, wie es zu DDR-Zeiten aussah und so, wie es heute aussieht. Ein "irrer Aufwand" sei das gewesen, meint der Bautzener, nickt nachdenklich und stellt dann fest: "Aber am Ende zählt das Ergebnis. Und dieses kann sich mehr als sehen lassen."

Sein Fazit: "Wir sind sehr stolz auf das Geschaffte. Aber vor allem darauf, dass das Gebäude durch zwei Bautzener Brüder erbaut wurde und heute, mehr als 100 Jahre später, wieder der Tradition folgend zwei Bautzenern gehört. Unser Dank gilt allen Mitstreitern welche uns bei diesem Projekt hilfreich begleitet und unterstützt haben."





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