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Schlesiens letzte „Pauer-Frau“ ist gestorben

Schlesiens letzte „Pauer-Frau“ ist gestorben

Steffi Wróbel vor zehn Jahren Foto: Till Scholtz-Knobloch

Zobten am Berge. „Mei aller, treuer Zutaberg / Du bist kee Riese, aber o kee Zwerg / miet denner wundersomma Kroft / hust Du doch asu viel geschofft / Wie uft hat man dich schon besunga / Die Ruhm ies ei die Welt gedrunga / (…) / Ei denner Nähe fielt ma sich geburga / Du hilfst vergessa monche Surga / aber Diech ploagt woas, genau asu wie miech / ins fahln die Schlesier ganz ferchterlich“, dichtete Steffi Wróbel über den heiligen Berg der Schlesier, den Zobten, an dessen Fuß sie nach 1945 in ihrer Heimat verblieb.

Sie wuchs im Forsthaus von Klein Silsterwitz (Sulistrowiczki) auf. Als die Polen 1945 einzogen, arbeitete ihr Vater nun unter dem jungen polnischen Förster Eugeniusz Wróbel, der sofort ein Auge auf die 16-jährige warf. „Er verscheuchte jegliche Konkurrenz. Da sagte ich eines Tages zu ihm: Entweder du lässt mich in Ruhe oder du heiratest mich! Kapiert?“, berichtete sie mir vor zehn Jahren.

Als bald einzige Deutsche habe sie schon gedacht ihre Muttersprache und speziell ihren ausgeprägt schlesischen Dialekt zu vergessen. Doch im weiteren Umkreis fand sie über die Jahre die verschwindend wenigen verbliebenen Schlesier, mit denen sie „pauern“ konnte, wie der Schlesier sein Sprechen nennt. In ihrem eigenen Heimatort fand sie jedoch als Deutsche erst Akzeptanz, als sie anfing die Kirchenorgel zu spielen. 1991 entdeckte sie in der polnischen Tageszeitung eine kleine Ankündigung in gebrochenem Deutsch, in dem sich der kleine Verband verbliebener Deutscher aus Breslau vorstellte. Die Expertin für gutes Schriftdeutsch und den Dialekt fehlte nun bei keiner Zusammenkunft mehr – doch überall war sie im Grunde die letzte, die ohne Mühe und völlig unkünstlich im Dialekt sprach, so dass auch die Sprachwissenschaft auf sie aufmerksam wurde. Die wohl letzte echte „Pauer-Frau“ verstummte am 14. September im Alter von 94 Jahren in Zobten (Sobótka). Mit ihr hat der schlesische Dialekt östlich der Lausitzer Neiße für immer Abschied genommen. Schlesien fehlt Steffi Wróbel „ganz ferchterlich“.

Till Scholtz-Knobloch / 01.10.2023

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