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Naturschutz an der Neiße mit Kratzern?

Naturschutz an der Neiße mit Kratzern?

Um ihn geht es bei der jüngsten Kontroverse – den Eisvogel. Nahe seines Nestes wurden Ansitz-Äste abgesägt, sehr zum Ärger von Naturfotograf René Schleichardt. Foto: Archiv/Schleichardt

Schon seit Jahren erfreut sich die Tier- und Pflanzenwelt in und an der Neiße einer zunehmenden Besserung ihrer Lebensumstände. Was nicht zuletzt auf die Tatkraft engagierter Menschen zurückzuführen ist. Doch gerade die Sorge um den Fortbestand der Eisvogelpopulation lässt jetzt zwei Seiten aufeinander prallen.

 

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René Schleichardt ist mit seiner Kamera ständig auf Fotopirsch und entdeckt dabei manchen naturschutzrechtlichen Missstand. Foto: Archiv/Schleichardt

Rothenburg. René Schleichardt ist bekannt für seine brillanten Naturfotografien. Vor allem mit Aufnahmen von heranwachsenden Füchsen und Eisvögeln bei der Balz, beim Brutgeschehen und der Jungenaufzucht hat sich der Rothenburger einen Namen gemacht. Doch immer wieder betonte er schon in der Vergangenheit, dass Müll in der Neiße, aber auch zu laute und wenig bedachtsame Mitmenschen das Leben der fliegenden „Edelsteine“ erschweren würden. Erst kürzlich schrieb Schleichardt auf seiner Facebook-Seite über die Anstrengungen eines Eisvogel-Papas: „Drei Bruten mit circa 15 hungrigen Schnäbeln hat er seit März großgezogen und ist dabei an seine Grenzen gegangen. Tagtäglich hat er fast stündlich die Kleinen mit Nahrung versorgt, dem Stress der grölenden Idioten auf den Booten, grillenden Campern, nackten unbelehrbaren Badenixen und den schweren Regenfällen mit dem aufgewühlten Wasser getrotzt.“

Am 26. August meldete sich der Naturfotograf dann unter der Überschrift „Fassungslos!“. Mitten in der bis Ende September dauernden Brutsaison der Eisvögel seien die nur wenige Meter von der Brutwand entfernt befindlichen Ansitze weggesägt worden. Und er macht dafür ein in Rothenburg ansässiges Unternehmen verantwortlich, ohne dessen Namen zu nennen. „Ich bin zutiefst enttäuscht, dass nach dem anfänglichen Hoffnungsschimmer des Dialogversuchs vor einigen Wochen mein Vertrauen wieder so eingerissen wurde“, schreibt Schleichardt auf Facebook. Zumal es keinen Sinn gemacht habe, „denn die Ansitze haben den gesamten Sommer über kein einziges Boot am Passieren der Stromschnellen behindert.“

Der Naturfreund vermutet, dass man den Bootsweg auf der Neiße ,,besoffenengerecht“ habe machen wollen – ohne Rücksicht auf eine streng geschützte Tierart.

„Ganz abgesehen davon, dass die Lautstärke und die Anzahl der betrunkenen Paddler wieder zugenommen hat.“ Schleichardt wertet das „rücksichtlose und egoistische Verhalten“ nun als Verstoß gegen Paragraf 44 des Naturschutzgesetzes. Darin heißt es unter anderem: „Es ist verboten, wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören. Eine erhebliche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert.“

Das von René Schleichardt nicht namentlich erwähnte Rothenburger Unternehmen ist die Firma NeißeTours. die ihrerseits auf Facebook bereits reagiert hat: „Es gibt Leute, die nennen sich ’Naturschützer’ und schützen die Natur, indem sie stundenlang einen Eisvogel fotografieren, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu fragen“, heißt es auf der Seite des Tourismusdienstleisters. Dann aber gebe es welche, „die schützen die Natur still und heimlich Woche für Woche. Denn diese Personen räumen mit ihren Booten jede Woche den polnischen Müll aus der Neiße.“ Allein in diesem Jahr seien es bis jetzt über 60 Kubikmeter Müll und 30 Kühlschränke gewesen. Dieser Müll werde dann vorwiegend privat entsorgt, was zu nicht unerheblichen Kosten führe. Von den dabei anfallenden rund 100 Arbeitsstunden pro Jahr ganz zu schweigen. Einen Dank dafür habe man bis heute nie erhalten. Dagegen eine Anzeige, „weil wir – um einen Müllberg zu beseitigen – einen Ast abgesägt haben.“ Naturschützer sollten darüber nachdenken, dass ohne die Beseitigung von 750 Kubikmetern Müll in 15 Jahren – die dann noch in der Neiße liegen würden – „der Eisvogel schon lange ausgestorben wäre.“ Unbestritten sei jedoch, so NeißeTours, „dass einige, sehr wenige, unserer Kunden sich trotz intensiver Belehrung manchmal daneben benehmen.“ Dies ärgere das Unternehmen – wahrscheinlich mehr als den Fotografen.

Auf Nachfrage verdeutlicht René Schleichardt, dass er trotz seines Eintrages bei Facebook weiter dialogbereit sei und auf ein Miteinander von Naturschutz und Tourismus setze. Ihm sei bewusst, dass das Unternehmen mit der Müllbeseitigung einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz in und an der Neiße leiste. Und er vermutet, dass das Absägen der besagten Äste im Abschnitt zwischen Deschka und Rothenburg durch Unwissenheit geschehen ist. „Jede Seite sollte versuchen, die andere zu verstehen. Ich bin dazu bereit, die Mitarbeiter der Firma noch einmal auf die Besonderheiten des Brutgebietes aufmerksam zu machen, um sie so für den Schutz dieser Tiere zu sensibilisieren.“

Kritik übt der Naturschützer allerdings an der aktuellen Praxis des Bootstourismus: „Es sollte doch möglich sein, Boote in einem Schub kurz hintereinander in die Neiße zu lassen und dann wieder eine längere Pause zu machen, um den Vögeln die Chance zur Nahrungssuche zu geben.“ Ansonsten würden sich ihre Fütterungsintervalle verändern, die Wahrscheinlichkeit des Hungertods bei den Jungen steige. Ebenso kritisch merkt der Naturfotograf an, dass man Bootstouristen nicht angetrunken einsteigen lassen dürfe, es während der Fahrt ein Alkoholverbot und wegen der sensiblen Natur ein Ruhegebot geben müsse. „Ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Auffassungen zueinander finden können. Auf Stress und Streit habe ich keinen Bock!“, stellt René Schleichardt klar.

Das liegt auch im Interesse von Tino Kittner. Der Inhaber von NeißeTours sagt jedoch, dass es nicht nur Unwissenheit seiner Mitarbeiter gewesen sei, die zum Absägen der Äste führte. „An dieser Stelle hatte sich ein Teppich von rund zehn Quadratmetern Müll gebildet, den wir wegräumen mussten. Dass der Eisvogel die Äste als Ansitz nutzt, haben wir natürlich nicht gewusst.“ Die Kritik von René Schleichardt, grölende Bootsinsassen würden für Unruhe sorgen, lässt er nur bedingt gelten: „Mir sind zwei Fälle bekannt, bei denen die Lautstärke sicherlich zu hoch war. Wir tun aber alles dafür, dass dies nicht geschieht.“ So habe man in dem besonders sensiblen Gebiet von den Booten aus gut sichtbare Schilder mit der Aufschrift „Eisvögel – Bitte Ruhe!“ aufgestellt. Außerdem lasse man sich schriftlich bestätigen, dass Alkoholgenuss während der Fahrt verboten sei. „Was die Leute dann tatsächlich machen, darauf haben wir keinen Einfluss mehr. Manche holen ihre Flaschen während der Fahrt raus. Wir haben aber kein Recht, ihre Taschen zu kontrollieren“, stellt Tino Kittner klar.

Auch das von Schleichardt vorgeschlagene schubweise Einlassen der Boote sieht er kritisch: „Wer einmal mitgefahren ist, der weiß, dass das nicht machbar ist. Da gibt es Stromschnellen und wieder langsamere Abschnitte. Außerdem greifen die Leute mal stärker und mal schwächer ins Paddel, sodass man den Abstand nie genau einhalten kann.“ Den Eisvogel scheine das aber nicht zu stören, denn vor allem an der am meisten befahrenen Strecke habe er sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt.

Wie dem auch sei – sich mit dem Rothenburger Naturschützer noch einmal an einen Tisch setzen, kann sich Tino Kittner gut vorstellen. „Dann sollte es aber nicht um gegenseitige Befindlichkeiten gehen, sondern darum, wie man auf einen gemeinsamen Nenner kommen kann.“

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Frank-Uwe Michel / 06.09.2017

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