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Nazi-Beutekunst gibt es auch in Görlitz

Nazi-Beutekunst gibt es auch in Görlitz

Kai Wenzel und Dr. Karzyna Zinnow vor einem Schrank im Barockhaus Neißstraße, in dem ein Glas aus der Sammlung Pinkus stammt und als Nazi-Beutekunst ausgemacht werden konnte. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Die Görlitzer Sammlungen haben einen Teil ihrer Vergangenheit aufgearbeitet und Herkunftsrecherche zu NS-Raubkunst betrieben. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit sind in einer Ausstellung innerhalb der Galerie der Moderne im Kaisertrutz ab dem 17. Februar zu sehen. Der Niederschlesische Kurier hat die Verbindung zu einem Vertrauten eines Erben hergestellt, der in der Nazizeit um seine Kunstsammlung gebracht wurde.

Görlitz. In den Jahren 1933 bis 1945 wurden die Bestände der damaligen Städtischen Kunstsammlungen Görlitz, der heutigen Görlitzer Sammlungen, um rund 1.500 Objekte erweitert. Bereits seit den 90er Jahren gab es Kenntnis darüber, dass sie während der Zeit des Nationalsozialismus zum Teil unter unrechtmäßigen Umständen erworben worden sind. Sie stammten aus jüdischen Privatsammlungen in Breslau, Garmisch-Partenkirchen und Neustadt/Oberschlesien, deren Eigentümer von den Nationalsozialisten enteignet, aus dem Land getrieben oder umgebracht worden waren.

Mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen konnte in den Jahren 2016 und 2017 eine systematische Erforschung der Provenienzen (Besitzherkunft) jener Neuerwerbungen erfolgen. Die Recherchen führten die Kunsthistorikerin Dr. Katarzyna Zinnow und die Kulturwissenschaftlerin Silke Maria Hampel durch. Zentrale Quellen bildeten die lückenlos überlieferten Inventarbücher des Museums.

Katarzyna Zinnow bestätigt: „Es geht hier vor allem um Kunstwerke aus schlesischen Privatsammlungen jüdischer Sammler, die als Unternehmer entsprechendes Kapital besaßen um solche Sammlungen aufzubauen und oftmals sehr bedeutende Kunstsammlungen zusammengetragen haben wie Carl Sachs und Leo Smoschewer in Breslau oder – für uns vom Ausmaß am bedeutendsten – Max Pinkus aus Neustadt in Oberschlesien (Prudnik).

Diese Sammlungen sind von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden und anschließend oftmals auf Museen in Schlesien verteilt worden. Es gab unter den Museumsdirektoren in Schlesien regelrecht einen Arbeitskreis, in dem man diese Sammlungen untereinander auf Breslau, Neisse, Görlitz, Neustadt oder Beuthen verteilt hat.“
Im Ergebnis konnten 150 eindeutige Funde und fünf Verdachtsfälle festgestellt werden. Bei Letzteren ist die exakte Provenienz der Stücke anhand der Museumsunterlagen sowie weiterer Archivalien nicht mehr nachvollziehbar. Entsprechend der Transparenzrichtlinien der Washingtoner Prinzipien werden sie im Portal Lost Art (www.lostart.de) als Fundmeldungen eingestellt. Von den 150 Kunstgegenständen befinden sich noch neun Objekte in der Museumssammlung. Sie werden zusammen mit Reproduktionen der bereits restituierten bzw. seit 1945 verschollenen Kunstwerke und Informationen zu den früheren Eigentümern in der Galerie der Moderne gezeigt.

„Die Stadt Görlitz als Trägerin des Museums und Eigentümerin der Sammlungsgüter sieht sich der Washingtoner Erklärung von 1998 verpflichtet. Darin hatten sich 44 Unterzeichnerstaaten verständigt, von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kunstwerke zu identifizieren, Alteigentümer und Erben ausfindig zu machen und mit diesen eine gerechte Lösung zu finden. Die daraufhin formulierte Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände sieht die Auffindung und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern vor“, betont Kai Wenzel vom Kulturhistorischen Museum Görlitz. Mit einem Beschluss bestätigte der Görlitzer Stadtrat diese Verfahrensweise jüngst in seiner Sitzung am 25. Januar. Entsprechend der freiwilligen Selbstverpflichtung wird das Museum also versuchen, die rechtmäßigen Erben der nunmehr zweifelsfrei als NS-Raubkunst identifizierten Stücke ausfindig zu machen und ihnen eine Rückgabe anzubieten. Der Niederschlesische Kurier hat sich hierzu eingeschaltet und Kontakt zu Robert Horning-Wistuba aus New York vermittelt. Der 60-jährige hat für das in jüdischen Fragen tätige Leo-Baeck-Institut New York vielfältige Forschungen unternommen und ist in dieser Eigenschaft so auch zum Vertrauten und „Beauftragten“ des 96-jährigen John Peters aus der Schweiz geworden, der Nachkomme und Erbe der Textilindustriellenfamilie Pinkus/ Fränkel aus Neustadt/Oberschlesien (Prudnik) ist. Als sogenanntes „9/11-Opfer“ lebt Horning-Wistuba nach den Angriffen auf das World-Trade-Center 2001 mit einer Staublunge heute neben seiner wissenschaftlichen Teilzeittätigkeit von einer kleinen Rente und pendelt aus Kostengründen zwischen zeitweiligen Wohnsitzen in Mexiko, New York und Oberschlesien. Hier verbringt er im Sommer oft mehrere Monate, um sein Einkommen mit Englischunterricht aufzubessern. Der New Yorker sagt mit breiter amerikanischer Aussprache: „Ich habe aufgrund meiner eigenen schlesischen Herkunft deutsch gelernt, habe die Familiengeschichte erforscht und bin darüber auch zur Forschung um die Neustädter Industriemagnaten Fränkel, später Pinkus gestoßen.“ Immer wenn es um neue Fährten in Sachen deren Geschichte geht, „entsendet“ Pinkus-Nachkomme John Peters ihn in die Heimat der Ahnen. Und so steht im Angesicht der Görlitzer Provenienzenforschungen auch ein Besuch Horning-Wistubas an der Neiße an. „Ich schaue mir die Ausstellung unbedingt an“, ist er bereits unabhängig wohl anstehender Folgegespräche zur Restitution elektrisiert. Gelegenheit zum Ausstellungsbesuch besteht immerhin bis zum 18. November.

„Von den 150 zweifelsfrei identifizierten Objekten stammten allen 65 allein aus der Sammlung von Max Pinkus in Neustadt“, betont Kai Wenzel vom Museum und ergänzt: „Das waren Gläser, Silberschmiedearbeiten, Porzellanarbeiten und andere Objekte. Allerdings sind von diesen 65 ganze drei Stücke heute noch bei uns erhalten: zwei Gläser und eine kleine Figur aus Proskauer Fajance – das ist das wenige, was wir heute besitzen. Bei den übrigen Stücken können wir nachvollziehen, wohin sie 1943 ausgelagert wurden. Danach verlieren sich jedoch ihre Spuren.“ Für weitere Provenienzenforschungen – gerade über die Neiße hinweg – bleibt also noch viel Raum. „Man hat ab 1943 aus Angst vor Luftangriffen die Objekte auf Schlösser der Umgebung und so auch auf mehrere Schlösser östlich der Neiße verteilt. Museumsgüter von dort konnten dann nach der neuen Grenzziehung nicht wieder nach Görlitz zurückkehren und gelten heute als verschollen“, so Wenzel. Dr. Katarzyna Zinnow formuliert die Frage angesichts politischer Brisanz auch jedoch sehr vorsichtig: „Nach 1955 wurde das Kulturgut, das nach 1945 innerhalb der neuen polnischen Grenzen verblieb, als Äquivalent für polnische museale Kriegsverluste betrachtet und das ist von Außen wie von Innen ein sehr heikles Thema, vor allem in der heutigen Situation.“

Till Scholtz-Knobloch / 12.02.2018

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