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Psychohygiene: Wege aus der Stressfalle

Psychohygiene: Wege aus der Stressfalle

Beschäftigte in den medizinischen Berufen gehören zu jenen, die besonders anfällig gegenüber Stress sind. Ein hilfreicher Weg entgegenzuwirken, ist Psychohygiene. Foto: Archiv/ADAC

Görlitz. Wer kennt das nicht: Der Job ist so furchtbar stressig, zu Hause abschalten geht fast gar nicht mehr. Doch für die Gesundheit ist das alles andere als gut. Vielmehr ist in solchen Fällen Psychohygiene gefragt – ein Beitrag zur Selbsterhaltung, der besonders Beschäftigten in geistig fordernden Berufen helfen kann.

Sandro Hänseroth bezeichnet es als eine Art „Brandschutz für die Seele“. Es geht darum, auf die sprichwörtliche Bremse zu treten, Dinge zu unternehmen, die geeignet sind, die eigene Psyche gesund zu halten. „Es ist vergleichbar mit der Körperhygiene, nur geht es hierbei um das Innere des Körpers. Ziel muss es sein, die Belastungen des Alltags gut wegstecken zu können“, erklärt der Görlitzer Sozialpädagoge, der an der Hochschule Studenten in schwierigen Lebenslagen berät und auch als Dozent für sozialpädagogische Themen in der Erwachsenenbildung wirkt.

Bei der Psychohygiene geht es darum, die richtige Balance zwischen Alltag, Beruf und Privatleben zu finden. Durch Stress zu überdrehen sei ein schleichender Prozess, meint Hänseroth, der besonders Beschäftigte in geistig fordernden und sozialen Berufen treffe. Vor allem Lehrer, Pflegekräfte, Ärzte, aber auch Polizisten und Sozialarbeiter seien gefährdet. Sie müssten sich permanent mit zwischenmenschlichen Extremsituationen auseinandersetzen. Aber auch auf Manager und Mitarbeiter in Leitungsfunktionen treffe die besondere Stressanfälligkeit zu. „Sie haben eine große Verantwortung, betreiben oft einen enormen Arbeitsaufwand und stehen zudem unter Erfolgsdruck“, begründet Hänseroth.

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In zunehmendem Maße seien auch Mütter stressempfindlich. Sie müssten sich mit der Mehrfachbelastung von Familie, Haushalt und Beruf auseinandersetzen. Überdies seien auch Berufseinsteiger gefährdet, an den ungewohnten Belastungen kaputt zu gehen. „Nach zwei, drei Jahren zeigen viele erste Stresssymptome.“ Abgesehen von den Müttern seien Männer und Frauen gleichermaßen betroffen – besonders in der Altersgruppe 35 bis 45 Jahre. „Wer darüber ist, steckt die hohen Anforderungen wahrscheinlich mit wachsender Routine besser weg“, vermutet der Experte. Denn belastbare Erhebungen gibt es dazu nicht.

Sandro Hänseroth hält Psychohygiene deshalb für außerordentlich wichtig. Doch wie merkt man überhaupt, dass man gefährdet ist? Entscheidend seien die hohe Arbeitsdichte und das fehlende Energiemanagement. „Entgegen seinem Biorhythmus arbeiten und seinen Energiehaushalt falsch einteilen sind die größten Problemfelder.“ Stressverstärkend seien soziale Faktoren wie Ärger bei der Teamarbeit, mangelnde Anerkennung durch den Chef, aber auch zunehmender Zeitdruck und die Unsicherheit des Arbeitsplatzes. Nicht zu vergessen die in den Augen des Betroffenen zu geringe Entlohnung.

„Trifft das alles oder auch nur ein Teil davon zu, dann meldet sich der Körper mit Schlafstörungen, Kopf- oder Bauchschmerzen. Diese Warnzeichen sollte man durchaus ernst nehmen“, empfiehlt der Experte. Oft gehe dies auch mit einem sozialen Rückzug einher. „Man unternimmt weniger mit Freunden, grenzt sich ab. Man zwingt sich, ungeliebte Arbeiten zu erledigen, ist über seine Energiereserven hinaus aktiv.“ Selbst merke man dies meist gar nicht, bekomme entsprechende Hinweise vielmehr von außen. „Wenn man von Familie, Chef oder Freundeskreis darauf angesprochen wird, ist es dringend erforderlich, über Änderungen nachzudenken.“

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Hierzu sollte man an verschiedenen Stellschrauben drehen. Hilfreich zu wissen ist, ob man ein Morgen- oder Abendtyp ist, ob und gegebenenfalls wie sich dies mit dem Arbeitsplatz vereinbaren lässt. Ein unterstützender Faktor zum Stressabbau kann laut Sandro Hänseroth auch eine kreative Freizeitgestaltung sein, in der man sich Entspannungsphasen gönnt und auch solche Momente einbaut, in denen man sich erlaubt, „einfach mal gar nichts zu tun und zu denken“, sagt der Fachmann.

Hilfreich seien zudem Sport, Bewegung in der Natur und gesunde Ernährung, auch Treffen mit Menschen, die einem am Herzen liegen. Suchtmittel, zu denen der Sozialpädagoge auch Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke zählt, sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Denn nach einem kurzen Hoch hat der Körper mit dem Abbau des Koffeins zu tun. „Man sollte sich überdies klar darüber werden, was einem wichtig ist, welche Ziele man verfolgen will. Hinzu kommt ein gesunder Optimismus – nicht blauäugig oder naiv sein, sondern die Dinge anders bewerten, ohne sie schön zu reden.“ Entscheidend sei die innere Einstellung zu Belastungen, zur Arbeit, zum Leben ganz allgemein. „Wer es schafft, eine innere Ausgeglichenheit herzustellen, der hat vieles richtig gemacht.“

Doch wie kommt man zu diesem Wohlfühlzustand? Es sei wichtig, tägliche Rituale einzuführen, meint Sandro Hänseroth. Dazu kann gehören, statt einer großen über den Tag verteilt viele kleine Pausen einzulegen oder Elemente zu schaffen, die Entspannung bringen. „Jeder muss das individuell für sich herausfinden – egal ob das Yoga ist, das Hobby, die Familie, ein angenehmes Wohnumfeld, sich selbst mal belohnen oder ausreichend Schlaf. Alle diese Faktoren in einem gesunden Miteinander helfen, den Stresspegel abzubauen.“ Auch Kurztrips, die so genannte „Ich-Zeit“, sich an kleinen Dingen freuen und erfolgreiche Schritte der Psychohygiene würdigen, können auf dem Weg zur inneren Ausgeglichenheit sehr hilfreich sein. Nicht zu vergessen ein Ehrenamt. „Anderen etwas Gutes tun, ohne sich selbst ausgebeutet zu fühlen, kann ein echter Energiebringer sein“, erläutert Hänseroth.

In den Kursen „Zeit- und Stressmanagement – gelassen und effektiv durch den Arbeitstag“ sowie „Stressbewältigung und Psychohygiene im beruflichen Kontext“ erläutert er das Thema Anfang des nächsten Jahres an der Volkshochschule Görlitz.

Frank-Uwe Michel / 07.12.2016

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