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Neuer Bieter für Stationsgebäude gesucht

Neuer Bieter für Stationsgebäude gesucht

Dieses verheerende Bild zeigt sich im Ostflügel des Wilthener Bahnhofsgebäudes: Dort sind im Laufe der Zeit die Zwischendecken eingestürzt. Heizkörper hängen in der Luft. Foto: privat

Wilthen. Eingestürzte Zwischendecken, in der Luft schwebende Heizkörper, Bauschutt in einzelnen Räumen, kaputtes Dach: Der Zustand im Inneren des Wilthener Bahnhofsgebäudes macht Bürgermeister Michael Herfort einfach nur noch fassungslos. Vor 18 Jahren hatte die Deutsche Bahn die Immobilie an der Strecke Dresden – Zittau aus ihrem Bestand aussortiert und in private Hand übergeben. Am 1. Juni soll sie in Dresden einmal mehr bei einer Auktion unter den Hammer kommen. Dann will sich ein Bauunternehmer aus Berlin von ihr wieder trennen. Das Mindestgebot liegt bei 19.000 Euro. Erst vor einem Jahr hatte er das Bahnhofsgebäude ersteigert.

„Über die Ursachen des immer desolateren Zustands unseres Bahnhofes und die Verantwortung der Deutschen Bahn müsste man sich dringend unterhalten“, sagte das Stadtoberhaupt auf Anfrage. „Es ist ein Trauerspiel. Mittlerweile hatte das Gebäude bis zu fünf private Eigentümer – und das ohne sichtbaren Fortschritt, Fantasie und Visionen. Wie auch ohne Grundstück drum herum.“ Michael Herfort kritisierte vor dem Hintergrund die jahrelange Verfahrensweise des Verkehrsunternehmens scharf: „Um Schäden von den Bahnanlagen abzuwenden, hätte die Deutsche Bahn nicht die Politik machen dürfen, sich von den Bahnhöfen auf Teufel komm raus zu trennen ohne jegliche Unterstützung für neue Eigentümer. Hauptsache, man hatte die Objekte los.“ Nun räche sich diese Strategie. Was die Bahn den Anliegerkommunen angetan habe, sei unerträglich.

In Leipzig, wo das für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständige Regionalbüro seinen Sitz hat, wird das damalige Vorgehen verteidigt. „Die Bedeutung und Funktion der Bahnhöfe haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten geändert. Die Zeit stuckverzierter, großer Wartesäle ist vorbei. Dafür zählen Sicherheit, Sauberkeit und Service für eine hohe Mobilität. Reisegewohnheiten, Verkehrs- und Taktfrequenz haben sich gewandelt, sodass heute an die Verkehrsstationen ganz andere Ansprüche gestellt werden als zur Gründerzeit der Eisenbahn, in der die meisten Bahnhofsgebäude errichtet worden sind“, erklärte ein Bahnsprecher. In dem Kontext führte er weitere Entwicklungen auf, die die Bahn offenbar dazu bewogen haben, sich von Immobilien zu trennen: „Fahrkartenausgabe, Gepäck- und Stückgutaufgabe oder Expressgutabfertigung sind durch moderne Dienstleistungssysteme abgelöst. Große Bahnhofsgaststätten, ausladende Wartesäle erster oder zweiter Klasse prägten viele Gebäude, werden heute aber nicht mehr in dieser Dimension oder gar nicht mehr benötigt. Die meisten der Gebäude sind daher aus heutiger Sicht überdimensioniert und oft nicht wirtschaftlich zu betreiben.“

Doch wie im Fall Wilthen über die Jahre zu beobachten war, haben selbst andere Inhaber Schwierigkeiten damit, ein solches Gebäude am Leben zu erhalten oder diesem wieder welches einzuhauchen. „Der jetzige Besitzer hat sich bisher nicht einmal bei uns gemeldet. Ich gehe davon aus, dass er den Bahnhof noch nie live gesehen hat“, meinte der Bürgermeister. „Sein Vorgänger aus der Nähe von Stuttgart war wenigstens ab und zu vor Ort, leider auch nur, um dem Verfall zuzusehen.“ Von den jeweiligen Eigentümern werde zwar die Miete kassiert, die die Bahn für die Technikräume im Objekt entrichte. „Jedoch investiert wurde noch nie von denen“, ärgert sich Michael Herfort. Für ihn gibt es nur einen Ausweg aus dem ganzen Dilemma: „Die Immobilie gehört teilabgerissen und wieder als Stationsgebäude geöffnet – und zwar durch die Bahn und nicht durch dubiose private Eigentümer.“ 

P+R-Parkplätze und bessere Anbindung an den Bahnhof in Planung

Inwieweit das allerdings einmal Realität wird, bleibt abzuwarten. Gleiches gilt für die angedachte Verbindung zwischen dem Bahnhof und dem Einkaufszentrum HZO. „Ein ebenerdiger Personenübergang wäre die Vorzugsvariante“, legte das Stadtoberhaupt dar. „Im Bereich HZO soll es eine Bushaltestelle und P+R-Parkplätze geben.“ Der Verkehrsverbund ZVON arbeite mit der Kommune an einem entsprechenden Konzept. Dabei sei die Insellage des Bahnhofes das größte Problem. Die Gleise müssten überquert werden, um beispielsweise als Pendler vom eigenen Fahrzeug zum Zug zu gelangen und wieder zurück. Ebenso scheint die Kostenfrage zu einer Herausforderung zu werden. Michael Herfort: „Derzeit liegen noch keine belastbaren Zahlen vor. Meine Absicht ist es, Fördermittel aus dem Kohleausstieg für unser Projekt zu akquirieren.“

„Die Machbarkeitsstudie zur Querung ist weiterhin in der Bearbeitung“, ließ indes ZVON-Sprecherin Sandra Trebesius wissen. „Wir sind mit DB Netz und den Planern im Gespräch für eine langfristige Lösung. Weiterhin noch offen ist, ob es einen Bahnübergang oder eine Unterführung geben wird. Es ist eine recht große Investition, deren Umsetzung voraussetzt, dass Fördermittel für dieses Projekt zur Verfügung stehen. Die Beantragung dieser ist noch nicht erfolgt, da der Planungsstand noch nicht abgeschlossen ist.“ Unabhängig davon soll es aber Erleichterungen an der Bahnhofstraße geben. „Für das nächste Jahr, wenn das neue Busnetz des Landkreises Bautzen startet, werden dort neue Haltestellen eingerichtet“, versprach sie. „Dazu sind wir mit der Stadt Wilthen im Gespräch. Derzeit prüfen wir noch die Wendemöglichkeit für Busse.“ 

Dass ein gewisser Handlungsbedarf besteht, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Angaben des Verkehrsverbundes zufolge wurden vor Beginn der Corona-Pandemie täglich bis zu 170 Bahnreisende gezählt, die in Wilthen ein- und ausstiegen. Im letzten Jahr seien es jeweils etwa 100 pro Tag gewesen. 

Roland Kaiser / 09.05.2021

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