07.10.2011
ZITTAU
Bei Jörg Gullus schlagen zwei Herzen in der Brust
STEFFEN LINKE

Obwohl Jörg Gullus lächelt, scheint der Vorsitzende der Zittauer Werbegemeinschaft eher skeptisch zu sein, ob das geplante innerstädtische Einkaufscenter im Bereich Neustadt, Albertstraße ein Erfolgsmärchen für die Stadt wird. | Steffen Linke

Die Stadträte haben sich  bei der Stadtratssitzung mit großer Mehrheit für den Bau des  innerstädtischen Einkaufscenters im Bereich Neustadt, Albertstraße entschieden. Unser Redakteur Steffen Linke unterhielt sich dazu mit Jörg Gullus.

Sie haben als CDU-Stadtrat in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Zittauer Werbegemeinschaft auch mit "Ja" gestimmt.  Gibt es für Sie so einen gewissen Fraktionszwang?
Jörg Gullus: Eigentlich kann jeder im Stadtrat selbst frei entscheiden.

Was heißt denn eigentlich?
Jörg Gullus: Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, wie bei dem innerstädtischen Einkaufscenter, hätte ich auch dagegen stimmen können. Deshalb reißt mir niemand den Kopf ab.

Wie lange haben Sie über Ihre  Entscheidung nachgedacht?
Jörg Gullus: Wir hatten uns  im Vorfeld in Gesprächen der Händlergemeinschaft  darauf geeinigt, so heranzugehen.

Jetzt kennen Sie als Vorsitzender der Werbegemeinschaft genau die Befindlichkeiten der vielen kleinen Händler und Gewerbetreibenden in der Stadt. Wie stehen die Geschäftsleute zu diesem geplanten Einkaufscenter?
Jörg Gullus: Auf der einen Seite hoffen wir natürlich, dass ganz viele Kunden nach Zittau im Kaufhaus einkaufen und dann in die Stadt gehen. Ich selbst hoffe das auch ganz sehr.  Was ist aber, wenn es nicht so kommt? Das sollte vorher genau geprüft werden.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Jörg Gullus: Ich möchte zum Beispiel wissen, wie so etwas  in anderen Städten läuft. Es handelt sich doch um ein riesengroßes Gebäude im Zentrum. Wir dürfen keine Existenzen der Händler aufs Spiel stellen. Denn Händler bedeuten auch den Erhalt von Bausubstanz, weil oftmals diese  Häuser von ihnen belegt sind. Wenn der Händler auszieht, fällt das Haus ein. Wir müssen also sicher sein, dass das gesamte Konzept funktioniert. Wir lassen uns wohl zu sehr von unserem Bauchgefühl leiten. Wir können nicht die Stadt riskieren und Experimente machen. Wir müssen darüber eine ganz offene und sachliche Diskussion führen.

In anderen Städten in Deutschland funktioniert es mit solchen großen innerstädtischen Einkaufscentern mal so und mal so. Welche Rückschlüsse versprechen Sie sich da für die Stadt Zittau?
Jörg Gullus: Ich  brauche eine Entscheidungshilfe. Ich will nicht, dass mir in zehn Jahren jemand vorwirft, dass wir lieber mal nach rechts und links hätten schauen müssen. Wir müssen prüfen, ob es die Kaufkraft hergibt. Was ist, wenn hier in  Zukunft ein leerstehendes riesiges Einkaufszentrum, leerstehende Geschäfte und kaputte Häuser stehen? Wir sollten vorher eine Studie in Auftrag geben. Bei so einem Riesenprojekt, das Zittau so entscheidend verändern wird, sollten wir nicht auf 20.000 Euro schauen. Wir beschließen so viel, wo wir Geld hinauspulvern. Zurzeit erarbeiten wir eine Umweltstudie über die Lautstärke. Da messen wir die Geräusche an Kreuzungen und tragen die Werte in Karten ein, weil das die EU so will. Das braucht doch in den nächsten 20 Jahren niemand.

Muss die Stadt Zittau aber nicht froh sein, endlich so einen Investor gefunden zu haben? Denn all die vorherigen Pläne dafür waren doch gescheitert.
Jörg Gullus: Auf jeden Fall. Ich staune, dass jemand diesen Mut hat und so verrückt ist, in dieser Größenordnung in die  Stadt zu investieren (Anmerkung der Redaktion – es handelt sich um circa 20 Millionen Euro). Wenn sich beim Salzhaus niemand vor den Karren gespannt hätte, würde heute dort eine "alte Bude" stehen.

So ein Einkaufscenter in der Innenstadt könnte doch auch das Leben der Menschen im Zentrum lebenswerter machen.
Jörg Gullus: Wie gesagt: Das hoffen wir alle.

Einkaufscenter und Händler in der Stadt stehen sicher in Konkurrenz. Gibt es denn vielleicht Überlegungen, wie beide Seiten gemeinsam die Stadt attraktiver machen und sich gegenseitig befruchten?
Jörg Gullus: Wenn es funktioniert, können sicher beide Seiten davon profitieren. In Bautzen macht aber auch jeder sein Ding. Mir ist da nichts anderes bekannt.

Wie sieht aus heutiger Sicht Ihre Prognose für die Stadt Zittau mit einem innerstädtischen Einkaufscenter aus?
Jörg Gullus: Ich sage es einmal etwas sarkastisch: Die Stadt wird übervölkert von Touristen und Kunden, die zu uns einkaufen kommen. Aber im Ernst: Ich würde mich freuen, wenn das Einkaufscenter zur Belebung der Innenstadt beiträgt.

Und welche Perspektive sehen  Sie für die Stadt Zittau ohne  innerstädtisches Einkaufscenter?
Jörg Gullus: Ich glaube, dass sich die Stadt zurzeit sehr gut entwickelt, wenn ich auf den Rathausplatz und den Marktplatz sehe. Dort sind fast alle Geschäfte belegt. Auch in der Inneren-Weberstraße sehe ich Fortschritte.  In der Bautzner Straße funktioniert es gut. Es sind ganz viele neue Geschäfte entstanden. Wenn wir diesen Weg aus "Blindheit" zerstören, wäre das sehr schade.

Ihre Aussagen für das Für und Wider des innerstädtischen Einkaufscenters widersprechen sich damit aber schon. Ein Risiko kann sicher nicht ausgeschlossen werden.
Jörg Gullus: Ich gebe es zu: Bei mir schlagen wirklich zwei Herzen in der Brust.

Und wie entgegnen Sie dem Argument, dass viele Zittauer ins Bautzner Kornmarktcenter einkaufen fahren und damit in Zittau Kaufkraft verloren geht?
Jörg Gullus: Ich glaube, dass viele Zittauer das Kornmarktcenter als Ausflugsziel nutzen, gehen dort hinein und fahren wieder nach Hause. Sie fahren also nicht nach Bautzen, um die Stadt kennen zu lernen.


Kommentare zu

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

Heiner,
wieso kommst du zu der Annahme, dass die Zeitung den EKZ-Gegnern mehr und den EKZ-Befürwortern weniger Platz zur Verfügung stellt? Jeder erhält
hier doch den gleichen Platz.

Hallo,
ich habe mich heut auch mal durchgerungen meine Meinung zu äußern.
Es ist eigendlich sehr verwunderlich wieviel Platz Sie in Ihrer Zeitung für die Gegner des Ekz bereitstellen.
Ich bin der Meinung, daß Beführworter einfach totgeschwiegen werden. Wenn wir hier in Zittau jeden Investor einen Knüppel zwischen die Beine werfen, wird nie neues Blut in die Stadt fließen.
Man sollte nicht alles schlecht reden, bevor man es nich probiert hat.
Ach, für die Gegner hätte ich noch eine Alternative:
EIN ALTENHEIM. (haben wir ja noch keine)
Das keine Mißverständnisse auftreten, ich bin auch schon über die 50.
Vielleicht noch ein kurzes Statement an die Herren die aus den sogenannten alten Bundesländern zugezogen sind und hier über Denkmalschutz argumentieren. Sie sollten sich doch in den Städten arrangieren wo sie hergekommen sind, da ist bestimmt auch einiges zu tun.

MfG heinermucki


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