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Wolkenbruch schweißt zusammen

Wolkenbruch schweißt zusammen

Ein Unwetter wie zuletzt das in Bautzen hat durchaus auch seine guten Seiten: Es verbindet Menschen unterschiedlicher Couleur. Foto: RK

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Auch am Oberweg in der Seidau hatte der Wolkenbruch deutliche Spuren hinterlassen. Foto: RK

Auch die Menschen in Bautzen und im Umland der Spreestadt haben nach einer längeren Trockenphase darauf gehofft, dass endlich ein paar Tropfen vom Himmel fallen. Was am Mittwochabend vergangener Woche auf die Erde niederging, das überstieg einmal mehr alle Erwartungen.

Bautzen. Es handelte sich um eines der schlimmsten Unwetter der jüngeren Vergangenheit, ist gleich darauf von vielen Seiten zu hören. Kurz nachdem sich die Himmelsschleusen wieder geschlossen hatten, begann auch schon das große Aufräumen. Vor allem in der Seidau traf der gewaltige Wolkenbruch diesmal zahlreiche Menschen unverhofft. Die ließen sich jedoch nicht entmutigen. Sie krempelten die Ärmel hoch und packten gemeinsam an. In Zeiten, in denen viele lediglich auf ihr eigenes Wohl bedacht sind, war mit einem Mal ein Hauch von Solidarität zu spüren. Das Wasser, das an manchen Stellen bis zu einem Meter hoch in den Kellern stand, richtete nicht nur Schäden an. Es schweißte zusammen. 

Bei uns waren es 40 bis 50 Zentimeter, erklärte eine Anwohnerin der Seidauer Straße vor ihrem in Mitleidenschaft gezogenen Wohnhaus. Gemeinsam mit Freunden und über Nacht aus Pforzheim angereisten Familienangehörigen ging es ans Saubermachen. „Ich dachte, es reißt mir gleich den Balkon unter den Füßen weg“, erinnerte sich Jane Weigert an den Moment, als die reißenden Wassermassen vom Fichteschulweg und von der Salzenforster Straße auf das Grundstück strömten. Wie gewaltig sie waren, beweist ein großes Loch neben der Treppe zum Hinterhof. „So etwas habe ich die letzten acht Jahre nicht erlebt“, fügte sie hinzu. Damit spielt sie auf die Hochwasserereignisse von 2010 und 2013 an. Die hätten zwar auch hier und da Schäden angerichtet, allerdings stelle das jüngste Unwetter alles Dagewesene in dieser Ortslage in den Schatten. 
Vor dem Hintergrund, dass der Deutsche Wetterdienst weitere Schauer prognostiziert hatte, bangte auch Paul Fuchs: „Wir können nur die Daumen drücken, dass nicht gleich wieder solch ein Unwetter über uns hereinbricht. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm wird.“

In kurzer Zeit sollen bis zu 138 Liter Regenwasser auf den Quadratmeter gefallen sein. Das geht aus verschiedenen Medienberichten hervor. Die Felder mit ihren ausgedörrten Böden oberhalb der Talsenke konnten das viele Nass nicht aufnehmen, sodass sich dieses zusätzlich in die Seidau ergoss. Zudem trat der Jordanbach über seine Ufer.

Nur ein Stück entfernt im Oberweg ein ähnliches Bild. Die Bewohner eines Wohnkomplexes packten allesamt mit an, um sich der braunen Brühe, die innerhalb weniger Augenblicke mit brachialer Gewalt in mehrere Gebäude strömte, und des in Mitleidenschaft gezogenen Mobiliars zu entledigen. Ein überdimensionaler Berg mit Haus- und Sperrmüll stapelte sich an der Zufahrt zu dem Grundstück. In Sichtweite mitten auf dem Weg ein Auto. „Der Wagen parkt dort nicht“, erzählte eine junge Frau, deren Kleidung sichtliche Spuren der Aufräumaktion aufwies. „Er wurde angespült. Nach 2010 handelte es sich dabei um die dritte Überschwemmung in Folge. Allerdings war es diesmal besonders schlimm. Im Keller stand das Wasser etwa einen Meter hoch.“
Ortswechsel. Im Schmoler Weg hatten die Wassermassen die Bewohner und das Personal eines Pflegeheimes kurzzeitig eingeschlossen. 15 Personen mussten nach Angaben der Stadtverwaltung hausintern in Sicherheit gebracht werden. Mitarbeiter der Einrichtung versuchten indes zu retten, was zu retten war. Laut Augenzeugenberichten wurden deren auf dem Parkplatz abgestellten Fahrzeuge geflutet. Doch auch das brachte der Starkregen mit sich: Dutzende Schnecken befielen die Autos. 

Neben den Kameraden von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk, die bis in den Donnerstag hinein mit dem Auspumpen von zahlreichen Kellern und dem Wegspülen von Schlamm beschäftigt waren, griffen auch rund 20 junge Leute vom Verein „Bautzen rollt“ und vom Berufsbildungswerk den von den Überschwemmungen betroffenen Bewohnern der Seidau tatkräftig unter die Arme. Straßen im ältesten Stadtviertel von Bautzen, zu denen die Einsatzkräfte nicht gleich vordrangen, mussten von Verunreinigungen befreit werden, noch bevor diese aushärten. Berge aus Abfall türmten sich zudem an und auf den teilweise noch verschmutzten Fahrbahnen. 
„Wir hoffen jetzt auf schnelle und unbürokratische Hilfe“, meinte ein Bewohner des Viertels. Container für die Entsorgung des Sperrmülls gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Vielmehr wurden die Menschen, wie sie selbst erzählten, zunächst dazu aufgefordert, eine Sperrmüllkarte auszufüllen. 
Eine Anfrage bei der Stadt und beim Landratsamt ergab schließlich, dass im Laufe des Freitags zwei Container allein in der Seidau aufgestellt werden sollten. Unklar blieb in diesem Zusammenhang, wie der mitunter recht sperrige Müll dorthin gelangt. Auch in Nieder- und Oberuhna wollte der Landkreis entsprechende Entsorgungsmöglichkeiten schaffen. Dort waren ebenfalls mehrere Häuser und Gehöfte wie schon in den Vorjahren von Überschwemmungen heimgesucht worden. 

„Zum Glück wurden keine Personen verletzt“, resümierte ein Stadtsprecher nach der Wetterkapriole. Er teilte mit, dass im Rathaus über weitere Schritte zur Schadensbeseitigung beraten werde. Oberbürgermeister Alexander Ahrens sei noch am Mittwochabend vor Ort gewesen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. 
Unterdessen kündigte FDP-Mann Mike Hauschild an, das Krisenmanagement der Verwaltung in einer der nächsten Stadtratssitzungen hinterfragen zu wollen. In diesem Zusammenhang möchte der Bürgervertreter unter anderem in Erfahrung bringen, welche Projekte in punkto Hochwasserschutz bereits abgearbeitet wurden. Hintergrund: Nach den Überschwemmungen in Nieder- und Oberuhna im August vergangenen Jahres hatte die Stadt diverse Maßnahmen in Aussicht gestellt, um die Menschen künftig besser vor solchen Ereignissen zu bewahren. Wie der Leiter des Hoch- und Tiefbauamtes, Falko Wendler, zum damaligen Zeitpunkt erklärte, ließe sich beispielsweise in Niederuhna die Situation dadurch verbessern, indem Wallungen vor dem Bach errichtet werden. Darüber hinaus war die Rede von einem naturnahen Ausbau des Flussbettes. Gleichzeitig hoffte er, dass die nötigen Baumaßnahmen im Laufe dieses Jahres eingeleitet werden können. Allerdings sei das Ganze mit Grundstücksverhandlungen und dem Anfertigen eines artenschutzrechtlichen Gutachtens verbunden, um auch grünes Licht für das Vorhaben zu bekommen. „Leider müssen wir uns aber eingestehen“, so Falko Wendler, „dass wir die Naturgewalten nie vollständig kontrollieren können. Alle getroffenen Maßnahmen können zwar helfen, die Probleme und Schäden zu mindern, komplett absichern können wir uns gegen die Folgen des punktuell auftretenden Starkregens jedoch nicht. Unsere Gewässer und Durchlässe sind auch nicht dafür ausgelegt, die vom wild abfließenden Oberflächenwasser mitgespülten Erdmassen von den angrenzenden Feldern aufzunehmen. Ohne die Mitwirkung der landwirtschaftlichen Betriebe, von deren Flächen diese Gewässereinträge ausgehen, werden wird das Problem auch langfristig nicht lösen.“ Der Amtsleiter versprach, risikobehaftete Gewässer zu kontrollieren und von losen Materialien zu beräumen, die sich bei starken Regenfällen vor die Öffnungen der Durchlässe legen können.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Marko Schiemann kritisierte, dass es wiederholt zu solch einer Situation kam. Für Freitag lud er daher Vertreter verschiedener Behörden zu einem Rundgang durch die vom jüngsten Unwetter heimgesuchten Ortsteile ein.  

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Roland Kaiser / 09.06.2018

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