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Bauern ließen die Lausitz links liegen

Bauern ließen die Lausitz links liegen

Projektleiterin Jasmin Kaiser bestückt die Nachbildung eines Hügelgrabes mit typischen Beigaben, wie Tongefäßen.

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Museumsleiterin Friederike Koch-Heinrichs bedient einen originalgetreu nachgebauten Ziehbrunnen mit Schöpfgefäß aus Rinde.

Um die Besiedlung der Region ranken sich viele Rätsel. Eines davon: Warum fand Landwirtschaft zuerst auf unfruchtbaren Böden statt? Eine Ausstellung in Kamenz versucht zu erklären.

Kamenz. Die Oberlausitz ist Bauernland. Das gilt heute, das galt auch schon vor 100 Jahren. Vor 4500 Jahren galt dies allerdings noch nicht. Da gab es zwar erste Versuche, auf dem (heutigen) Boden Sachsens Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Dies allerdings vor allem in der Elbaue, auf dem Territorium des heutigen Dresden und seiner Umgebung.

„Warum die ersten sächsischen Bauern, die aus dem Gebiet des heutigen südlichen Russland kamen, die an sich gut geeignete Oberlausitz ignorierten und sich erst an der Elbe niederließen, ist eines der großen Rätsel in Bezug auf die Besiedlung unserer Region“, erklärt Friederike Koch-Heinrichs. Die Archäologin und Leiterin des Museums der Westlausitz (MdW) Kamenz hat maßgeblich die Ausstellung „Das Ende der Steinzeit – Die ersten Bauern in der Oberlausitz“ konzipiert, die zurzeit im Elementarium zu sehen ist.
Auch der nächste große Wanderungszug, der aus Richtung Ungarn kommend Sachsen erreichte, machte um die Lausitz einen Bogen. Lediglich in den Gebieten Uhyst/Schöpsdorf sowie Burg ließen sich bäuerliche Ansiedlungen nachweisen – ausgerechnet. Denn: „Dabei handelt es sich um Gebiete mit sehr geringer Bodenfruchtbarkeit. Ganz anders als zwischen Bautzen und Kamenz, wo es fruchtbare Lößböden gibt.“ Auch dies für Friederike Koch-Heinrichs ein Rätsel – warum fanden die ersten Versuche der bäuerlichen Wirtschaft nicht dort statt, wo die Bedingungen dafür am Günstigsten waren? Erst zur Zeit der Schnurkeramik – also ab circa 2800 vor Christus – setzte eine massive Besiedlung des fruchtbaren Landes nördlich der Oberlausitzer Berge ein, wobei das Gebiet des heutigen Bautzen bereits damals das Zentrum bildete.

„Die Bauern lebten zunächst nicht allein in der Lausitz, sondern neben den traditionellen Jägern und Sammlern sowie Mischformen zwischen den beiden Lebensweisen, die Nomadentum mit Viehhaltung kombinierten“, erklärt sie. Das Vorhandensein der Jäger und Sammler könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass sich das Bauerntum erst so spät durchsetzte: „Vielleicht haben die ansässigen Stämme die Neuankömmlinge vertrieben“, mutmaßt Friederike Koch-Heinrichs. Vertreibung, Migration und Ankommen waren also auch damals schon wichtige Themen, als von Nationen oder gar Staaten noch keine Rede sein konnte. Die frühesten Bauern bauten bereits Getreide an, das wir auch heute noch kennen und auf das sich immer mehr moderne Landwirte besinnen: ursprüngliche Weizenformen wie Emmer und Einkorn, Gerste und Hirse. Sie buken daraus schon Brot und formten Nudeln, aßen die Körner aber auch in Wasser aufgeschlämmt als nahrhaften Brei. Und auch Bier dürfte ihnen nicht mehr unbekannt gewesen sein. Die Viehherden bestanden hauptsächlich aus Schafen und Ziegen, Schweine und Pferde gab es ebenfalls, Rinder kamen erst später dazu. Es handelte sich bereits damals um domestizierte Formen, die die Einwanderer aus ihrer Heimat mitbrachten. Die Bauerngemeinschaften waren wehrhaft, sie tauschten mit ihren Nachbarn, führten aber auch Kriege gegen sie und hatten klare Hierarchien, die besonders in der Bestattungskultur zum Ausdruck kamen. „Eben durch die Gräber und ihre Ausstattung erfahren wir sehr viel über die damaligen Bewohner der Lausitz“, betont Jasmin Kaiser. Dazu trug nicht unwesentlich der Braunkohlebergbau bei, hat er doch im Vorfeld der Tagebaue umfangreiche Aufschlüsse ermöglicht. Das Inventar der aktuellen Ausstellung ist recht kleinteilig, es besteht aus vielen, mühsam von anderen Museen ausgeliehenen Einzelstücken. Einen großen Raum nehmen dabei die „Kumpfe“ ein, typisch geformte, topfartige Tongefäße. Auch Schmuck aus Knochen oder – auch schon – Metall ist reichlich vertreten. Große Unterstützung leistete das archäotechnische Zentrum Welzow, durch dessen Wissen und Können viele nur noch in Fragmenten erhaltene Objekte veranschaulicht werden konnten. Die Ausstellung „Das Ende der Steinzeit. Die ersten Bauern der Oberlausitz“ ist ab sofort bis zum 10. Januar 2021 im Elementarium des Museums der Westlausitz, Pulsnitzer Straße 16, in Kamenz zu sehen.

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Service: Am Sonntag, 23. Februar,14 Uhr, lädt Friederike Koch-Heinrich zu einer Sonderführung durch die Ausstellung ein.

Doch wie lebten die ersten Bauern der Oberlausitz, und wie kann man sich ihr Erscheinungsbild vorstellen? Mit dieser Frage hat sich Jasmin Kaiser, die das EU-Projekt „Wissenschaft als Abenteuer“ am MdW Kamenz leitet, intensiv beschäftigt.

Uwe Menschner / 20.02.2020

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