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Corona-Politik: Gastronomen müssen ums Ostergeschäft bangen

Corona-Politik: Gastronomen müssen ums Ostergeschäft bangen

Schon im vergangenen Frühjahr waren Gastronomen wie hier in Bautzen auf die Straße gegangen, um mit leeren Stühlen auf ihre brenzlige Situation aufmerksam zu machen. Foto: Archiv

Region. Eine ganze Branche ist stinkesauer, ihre Interessenvertreter suchen das klärende Gespräch. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat den Zorn zahlreicher Geschäftsleute auf sich gezogen. Grund sind seine jüngsten Äußerungen zu einem Osterurlaub im ersten Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Dieser müsse angesichts der Unsicherheiten rund um die Entwicklung der Infektionszahlen und des möglichen Einflusses von Mutationen ausfallen, hatte er mit Blick auf die kommenden Wochen kundgetan.

„Der Kerl gehört hinter Gitter“, ließ ein Gastronom aus Göda verlauten, nachdem der Oberlausitzer Kurier nicht nur ihn mit der Frage konfrontierte, wie er die Aussagen des Ministerpräsidenten bewertet. „Es fehlen einem die Worte“, fügte der Lausitzer hinzu. Seine momentane wirtschaftliche Situation brachte er mit lediglich einem Wort auf den Punkt. Diese sei „Schei…e“. Er hofft, dass auch bei den Entscheidungsträgern in Dresden endlich der „normale Menschenverstand“ einsetzt.

Aus dem in Schirgiswalde ansässigen Landhotel Thürmchen ließ sich in Erfahrung bringen, dass die Lage dort „angespannt und frustrierend“ sei. Zudem fühlen sich die Inhaber von der Politik alleingelassen. Die jüngsten Äußerungen, die aus der Landeshauptstadt zu vernehmen waren, seien „fernab von stichhaltig“. „Die Osterfeiertage und -ferien bedeuten wie für alle Kollegen der Branche auch für uns den Beginn der Saison. Mit Wegfallen dieses wichtigen Zeitraumes brechen auch erhebliche Teile der Einnahmen weg, während die Kosten einfach weiter laufen. Das Tourismusgeschäft bedarf grundlegend einer gewissen Anlaufzeit und Aufwärmphase. Es heißt nicht, wenn Gastronomie und Hotellerie ab morgen wieder öffnen dürfen, dass auch ab morgen sofort wieder Gäste kommen. Der Prozess ist verzögert und das macht es für uns nur schwerer.“

Der Bautzener Gastwirt Frank Haase hält die Aussage von Michael Kretschmer ebenfalls für überstürzt und auch unverhältnismäßig: „Zurückhaltung wie sie andere Ministerpräsidenten gezeigt haben mit einer zukunftsweisenden Aussicht auf eine Wiedereröffnung bei weiter sinkenden Inzidenzzahlen wäre ein Richtungshinweis. Es bedeutet weitere Kurzarbeit für meine Mitarbeiter verbunden mit weiteren Umsatzeinbußen. Außerdem wäre es ein großer Image-Schaden für unsere Stadt.“ Auf eine zeitversetzte Auszahlung von Finanzhilfen des Bundes sei er wiederum vorbereitet. Deren Beantragung würde eines umfangreichen bürokratischen Aufwandes bedürfen. Damit nimmt der Spreestädter ebenso Bezug auf die Überbrückungshilfe III, die der Bund ab März ausreichen will. Und er fügte hinzu: „Die November- und Dezemberhilfen haben wir mit einiger Verzögerung erhalten.“

„Ganz ehrlich: Die Gewerbeabmeldung rückt für mich immer näher“, brachte Burkhard Kämmerer, Chef vom Hotel „Silesia“ in der Görlitzer Südstadt, die persönliche Lage auf den Punkt. Er hatte, um sich selbst ein Ziel zu setzen, eigentlich auf eine schleichende Rückkehr ins Geschäft ab dem ersten März gebaut und die erzwungene Auszeit für die Renovierung mehrerer Zimmer und des Restaurants genutzt. Eigentlich habe die Politik zunächst gut reagiert – nicht so wie etwa bei Freunden in der Gastronomie in Spanien oder Italien, die man bislang staatlicherseits mit „Peanuts“ abgespeist habe. Mittlerweile zeige sich jedoch, wie Deutschland sich selbst im Bürokratismus ein Bein nach dem anderen stelle. Die endlosen Antragsprozeduren auf Überbrückungshilfen über Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwälte würden ihn zermürben. Den Dezember-Kurzarbeiterlohn seiner Angestellten habe er über sechs Wochen vorgestreckt, bis endlich die Zusage kam. „Und da hatte ich mittlerweile schon den Januar bezahlen müssen.“ Der 61-jährige Hotelier ist frustriert, er sieht seine Energie schwinden.

Für Axel Hüpkes, Präsident des DEHOGA Hotel- und Gaststättenverbandes Sachsen, sind die Schicksale betroffener Gastronomen ein deutliches Warnsignal. Daher sei es jetzt an der Zeit, konkrete Schritte für eine Wiedereröffnung des Gastgewerbes festzulegen. Die Politik müsse kommunizieren, was möglich ist und nicht das, was nicht möglich sein wird. „Es gibt Unternehmerinnen und Unternehmer, die hoch verschuldet sind und nicht wissen, wovon sie morgen einkaufen sollen. Gut ein Drittel der Unternehmer im Gastgewerbe wartet noch immer auf die vollständige Auszahlung der Novemberhilfen. Das Verständnis reicht uns nicht, uns fehlt die Empathie.“ Die Äußerungen von Michael Kretschmer seien durch die Branche nicht hinnehmbar. „Wir werden noch in dieser Woche ein klärendes Gespräch mit dem Ministerpräsidenten führen.“ Auch in den Reihen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden kamen die Verlautbarungen des sächsischen Landesvaters nicht gut an.

Marc Arendt, Vorsitzender des IHK-Fachausschusses Tourismus, zeigte sich verärgert. „Derartig pauschale Äußerungen, ohne die Entwicklung der nächsten Wochen vorhersagen zu können, und unabhängig einer konkreten Öffnungsstrategie, stoßen auf absolutes Unverständnis bei uns Unternehmern. Wir befinden uns seit mehr als einhundert Tagen unverschuldet im zweiten Lockdown und kämpfen jeden weiteren geschlossenen Tag ums Überleben.“ Marc Arendt beklagte eine starke Verunsicherung in der Tourismusbranche seit der Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch vergangener Woche. Denn die blieb seinen Angaben zufolge bei den Diskussionen und Beschlüssen außen vor. Die jetzt erfolgte Aussage des Ministerpräsidenten habe inzwischen schon zu Stornierungen bis in den Frühsommer hinein geführt.

Indes bekommt Sachsens Ministerpräsident indirekt Rückendeckung aus dem Kreise der Wissenschaft. Virologe Martin Stürmer, der an der Universität Frankfurt am Main lehrt und ein eigenes Labor leitet, sagte im Gespräch mit dem Nachrichten-sender n-tv: „Insgesamt liegen die Fallzahlen derzeit deutlich günstiger als noch vor Wochen. Auf dieser Grundlage werden Sie nur schwer argumentieren können, dass wir jetzt eine Verschärfung brauchen.“ Allerdings, so fügte er hinzu, übertrage sich das mutierte Virus noch leichter und werde daher noch konsequenter menschliche Nachlässigkeiten ausnutzen. „Da mag es mit der alten Variante noch gerade so gut gehen, dass die Kassiererin vier Stunden ungeschützt hinter ihrer Plexiglasscheibe hockt. Aber mit der neuen Variante geht das dann nicht mehr gut. Wir müssen also die Schutzmaßnahmen noch konsequenter anwenden und uns wappnen, dass es möglicherweise bald mit den Fallzahlen wieder nach oben geht.“

Till Scholtz-Knobloch und Roland Kaiser / 21.02.2021

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Kommentare zum Artikel "Corona-Politik: Gastronomen müssen ums Ostergeschäft bangen"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Micha schrieb am

    Das haben die Gastronomen richtig erkannt! Kretschmer ist nicht mehr tragbar und sollte heimgehen. Aussagen ohne Grundlagen zu äußern ist haltlos und dumm. Für mich gehört er verurteilt und zur Rechenschaft gezogen, genau wie der Rest dieser unfähigen Bande. Ich werde meinen Osterurlaub in der Lausitz verbringen, vielleicht darf ich bei dem ein oder anderen Gasthaus etwas Essbares erwerben und im Gegenzug dort im Wohnmobil übernachten. Bis bald Liebe Lausitzer, haltet durch wir kommen!

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