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Das Landkino schweißt 13 Fremde zusammen

Das Landkino schweißt  13 Fremde zusammen

13 Jugendliche aus aller Welt engagieren sich dieser Tage unter anderem für die Kinoscheune am Arnsdorfer Pfarrhof. Ganz links Pfarrer Andreas Fünfstück, ganz rechts Andrea Gloger. Im schwarzen T-Shirt Charlotte Filbry Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Die jungen Leute – hier bei einem selbstgemachten Dessert – werden als Botschafter über die Oberlausitz in ihre Heimatländer zurückkehren. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Immer wieder erläutert Pfarrer Andreas Fünfstück Pilgern wie dieser Wanderin aus Mainz, wie unkompliziert es in Arnsdorf abläuft. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Ein internationales Workcamp unterstützt das Arnsdorfer Landkino im 20. Jubiläumsjahr. 13 junge Leute aus aller Welt haben sich ihr Bild von Deutschland hier gemacht und der Dorfgemeinschaft einiges zurückgegeben.

Arnsdorf. In der Kinoscheune auf dem Arnsdorfer Pfarrhof flimmern seit dem 27. Juli bereits wieder Filme über die Leinwand – 2018 bereits im 20. Jahr. Ein Jahr älter ist der Verein für Kirchenbau und Dorfgeschichte. 1998 entstand er auf eine Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde Arnsdorf. Seitdem veranstalten beide das ehrenamtliche Projekt Landkino.

Doch nicht nur für Filmfreunde ist der Pfarrhof ein beliebter Anlaufpunkt. Hier finden Pilger auf dem Ökumenischen Jakobsweg nach einer oft kräftezehrenden ersten Etappe von Görlitz kommend Quartier.
In all den Jahren ist zudem zu beobachten, dass die Pilger in Arnsdorf nicht nur einen schönen Platz zum Ausruhen und gefüllte Kühlschränke zur Stärkung vorfinden, sondern dass viele von ihnen die „frohe Botschaft“ des Begegnungsortes Pfarrhof Arnsdorf mitnehmen und ins Land hinaus tragen.

Und genau das tun – völlig unabhängig ihrer eigenen religiösen, agnostischen oder atheistischen Überzeugungen – derzeit auch 13 junge Menschen aus aller Welt, die am Kinoprojekt in der Pfarrhofscheue und anderen Aufgaben für die Dorfgemeinschaft teilhaben.

Isaiah aus dem chinesischen Hongkong war vor seiner Reise um die halbe Welt überzeugt: „Die Deutschen, das sind alles Christen“. Dass nun ausgerechnet auf dem Pfarrhof eine ungezwungene weltanschauliche Offenheit herrscht und im Osten Deutschlands überhaupt die Kirchen eher eine Randerscheinung sind, hat ihn dann doch überrascht.„Im vorletzten Jahr war in Arnsdorf eine Mitarbeiterin des Service Civil International (SCI) als Pilgerin zu Gast und entdeckte den Pfarrhof und die damit verbundenen Aktivitäten als idealen Einsatzort für ein internationales Workcamp des SCI“, betont Andrea Gloger, die die jungen Menschen seitens des Vereins für Kirchenbau und Dorfgeschichte betreut.

Der durchführende SCI ist eine gemeinnützige, internationale Organisation, die sich durch Freiwilligenarbeit für Frieden, gewaltfreie Konfliktlösung, soziale Gerechtigkeit, nachhaltige Entwicklung und interkulturellen Austausch einsetzt. Der wichtigste Arbeitsschwerpunkt des in 45 Ländern vertretenen SCI sind eben sogenannte Workcamps, Freiwilligeneinsätze in internationalen Gruppen. In der Regel kommen 10 bis 20 Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen und unterstützen mit ihrer Arbeit z. B. soziale Projekte. Workcamps bedeuten aber nicht nur arbeiten und lernen, sondern auch zusammen leben, Kontakte knüpfen und Spaß haben. Koordiniert von Charlotte Filbry (SCI), Studentin der Ethnologie, deutschen Sprache und Literatur in Köln, erlebten eben diese Mischung bis zum 4. August junge Menschen aus China, Portugal, Russland, Slowenien, der Ukraine, Spanien und Großbritannien auf dem Arnsdorfer Pfarrhof. Obwohl hier untereinander auf Englisch kommuniziert wurde, gab es natürlich reichlich Kontakt mit den deutschen Gastgebern im Ort oder Kinogästen.

Und die zeigten den Gästen, dass man hierzulande durchaus entspannt genießen kann. Denn letztlich betonen die Teilnehmer fast unisono, dass der Ruf der Deutschen, einen hohen Arbeitsethos und Planungsgenauigkeit zu haben, stimme. Am deutlichsten wird dabei Dodgi (28) aus Togos Hauptstadt Lomé. Der Soziologe kommt immerhin aus einer einstigen deutschen Kolonie: „Viele Alte sprechen trotz der heutigen Staatssprache Französisch noch Deutsch“, betont er und lobt eine überlegte Entwicklungsarbeit der Bundesrepublik in Afrika. Er habe französische Freunde, aber das die Region bestimmende Land Frankreich möge in Westafrika niemand wirklich, das habe man auch bei der Fußball-WM gespürt. Ähnlich zwischen Deutschland und Togo seien die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Nicht nur Dodgi, was auf Deutsch „der Mutige“ bedeutet, hat auf einer Fahrt nach Dresden zwar einerseits die Großstadt genossen, aber auch deutlich abweisende Unhöflichkeit erlebt.
Ob nun aus Freundlichkeit oder ehrlich – letztlich ist man sich am Tisch einig: „Das kennen wir von Zuhause vom Vergleich Stadt und Land doch ebenso.“ Und so ist Francisco (20) aus dem portugiesischen Porto sehr überrascht. „Die Dorfgemeinschaft in Arnsdorf wirkt auf mich viel geschlossener als in meinem Heimatdorf am Stadtrand von Porto.“

Den Arnsdorfer Organsiatoren war es besonders wichtig, die jungen Leute zunächst einmal durch eine große Runde durchs Dorf im Ort einzuführen. „Fremde haben uns gegrüßt, bei mir in Portugal hätte sich keiner interessiert“, lobt Francisco die Atmosphäre. Was im Dorf eine Rolle spielt wurde besucht. Der Sportverein, wo man gemeinsam kegelte, ein Milchviehstall oder eine Gärtnerei. Und da am Pfarrhof nicht nur das Kinoprojekt betreut wird, konnte man sich auch selbst anderweitig für die Gemeinschaft einbringen. So wurden die Buden für den bekannten Nieder Seifersdorfer Weihnachtsmarkt bereits in gemeinsamer Arbeit gestrichen und ausgebessert.

Pfarrer Andreas Fünfstück verdeutlichte den Weltenbummlern aber auch soziale Herausforderungen. Als Vorsitzender des Kinderkreises Vierkirchen e.V. mit seinen Häusern in Arnsdorf und Melaune stellte er in Gesprächen die Veränderung im sozialen Bereich dar. Letztlich fehlt es dort trotz funktionierender Strukturen und einer intakten Dorfgemeinschaft seit kurzem an gleich zwei Erziehern.
Neben dem Besuch von Dresden durfte natürlich auch ein Ausflug nach Görlitz nicht fehlen, der zugleich auch einen kleinen Einblick nach Polen gewährte. Mit einer Fahrt nach Bautzen wurde zudem zur Überraschung vieler gezeigt, dass mit den Sorben eine alteingesessene Minderheit mit eigenständiger Sprache existiert.
Allein kulinarisch hat die Zeit in Arnsdorf Langzeitfolgen. Etwas irritiert von der vermuteten „Nationalspeise“ Nudeln mit (süßer) Tomatensoße, wurde reihum gekocht. Dadurch haben sich die Fähigkeiten am eigenen Herd schon einmal deutlich durch neue Anregungen erweitert. Die Lust auf Mehr hat Luka (23) aus Laibach (Ljubiljana) animiert, noch ein paar Tage in Berlin anzuhängen, ehe er nach Slowenien zurückkehrt.
Das weitere Programm des Landkinos Arnsdorf

Soweit nicht anders angegeben ist der Beginn jeweils um 20.00 Uhr und der Einlass um 19.00 Uhr

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Montag, 6. August: „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“, Drama USA 2017, P 12
Freitag, 10. August: „Der Fischer und seine Frau“ Tragikomödie/Romanze D 2005, P 6
Samstag, 11. August: 16.00 Uhr, Kindervorstellung „Lauras Stern“
Montag 13. August: „La La Land“ Musikfilm/Romanze USA 2016, P 6. Zuvor: Vorstellung des Nepal-Projektes des Görlitzer Annen-Augustum-Gymnasiums
Montag, 20. August: „Sieben Sommersprossen“ DEFA-Spielfilm 1978, P 12
Freitag, 24. August: „Liebe zwischen den Meeren“ Drama USA 2016, P 12
Montag, 27. August: Themenabend Hospizdienst „Heute bin ich blond“ Spielfilm D/B 2013, P 6
Freitag, 31. August: „Einmal bitte alles“ Komödie D 2017, P 12
Samstag, 1. September: 16.00 Uhr – Kindervorstellung „Rapunzel – neu verföhnt“
Samstag, 1. September: „Der Zug des Lebens“ Tragikomödie USA 2016, P 12
Sonntag, 2. September: „Frantz“ Drama F/D 2016, P 12
Montag, 3. September: „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ Drama/Romanze, GB/IRL/CDN 2015, P 6
Freitag, 7. September: „Gloomy Sunday“ Drama/Romanze D/H 1999, P 16
Montag, 10. September: „weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“ Die erfolgreichste deutsche Filmdoku 2017
Freitag, 14. September: „Monsieur Pierre geht online“ Komödie F/D/B 2016, P 12

Till Scholtz-Knobloch / 05.08.2018

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