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Erstaunt über die Nähe von Grünen und CDU

Erstaunt über die Nähe von Grünen und CDU

Roberto Kuhnert schaffte am 1. September als Direktkandidat den Einzug in den Landtag. In seinem Wahlkreisbüro in Weißwasser erinnert er an die Revolution vor 30 Jahren. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Roberto Kuhnert (AfD) hatte sich bei der Landtagswahl im Duell gegen Tilman Havenstein (CDU) um das Direktmandat im nördlichen Görlitzer Kreisgebiet durchgesetzt. Während anderenorts viele Wähler taktisch einen AfD-Abgeordneten verhinderten, holte die CDU im Wahlkreis 57 zwar die meisten Zweitstimmen, dennoch ging das Direktmandat an Kuhnert. Liegt das an seiner wenig aufgeregten Art?

 

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Roberto Kuhnert setzt gegen den Trend der Zeit auf ein schlesisches Bekenntnis. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Weißwasser. „Trau Dich Niederschlesische Oberlausitz“, stand auf seinen Wahlplakaten zur Landtagswahl am 1. September. „Das war mir ein wichtiges Anliegen. Für mich hatte in der Wendezeit die Rückbesinnung auf Schlesien eine große Bedeutung und ich bedauere, dass dieser Aspekt im öffentlichen Leben immer weiter zurückgedrängt worden ist. Es ist fast wie bei vielen anderen Politikfeldern, wo man sich zu einstigen Selbstverständlichkeiten heute im Grunde wieder erst trauen muss“, sagt Roberto Kuhnert, der sich in seiner Freizeit gerne mit der Geschichte beschäftigt.
Im Wahlkampf sei er in Weißwasser einfach einmal auf seinen Konkurrenten um den Einzug in den Landtag, Tilman Havenstein, zugegangen und habe sich bei dem im Gegensatz zu Kuhnert erfahrenen Politiker vorgestellt. Dieser sei überrascht gewesen, aber der Anstand müsse auch bei großen Diskrepanzen möglich sein. Die Geste habe auch Nachwirkungen gezeigt, denn nachdem der Sieg Kuhnerts feststand, habe ihm Havenstein zur Wahl gratuliert. „Tilman Havenstein hat nach seiner gescheiterten Wahl sicher an Bedeutung in der Partei verloren, aber dennoch hat mir das gefallen“, sagt Kuhnert.

Auf alle Fälle stünde dies in einem deutlichen Gegensatz zu dem Klüngel, der sich im mittlerweile neu konstituierten Landtag schon abgezeichnet habe. „Da hört man Christdemokraten und Grüne sich eifrig zuklatschen und man ist ganz verwirrt, welche einst völlig naheliegenden und kaum überwindbar erscheinenden Gegensätze nun wie weggeblasen sind“.

Roberto Kuhnert sitzt in seinem Wahlkreisbüro und berichtet, wie er überhaupt in die Politik gefunden habe. Im Grunde sei er immer schon politisch interessiert gewesen. Vieles habe sich nach der Wiedervereinigung jedoch als Trugschluss erwiesen. „Die alte Bundesrepublik erschien den Menschen als erstrebenswert und die meisten wollten ein Teil davon werden“. Die Bundesrepublik selbst habe ihren Charakter jedoch verändert.

Er selbst habe große Stücke von Helmut Schmidt gehalten und auch Schröder gegen Merkel gewählt – „wegen seines Charakters“.
Vor diesem Hintergrund ist er sich sicher, dass ein Großteil seiner Partei – wie auch er – den alten Standpunkt nicht verlassen habe, sondern diesen habe der etablierte Politzirkus selbst verlassen. Diese Entwicklung sei über die Privatisierung einstmals staatlicher Strukturen angelaufen und habe sich mit dem „De-facto-Scheitern“ des Euros und der einen, lancierten Haltung in der Zuwanderungsdebatte besonders nach 2015 verschärft.
„Ich war jahrelang Nichtwähler, weil ich mich im politischen Angebot nicht wiedergefunden habe“, sagt Kuhnert mit eher leiser Stimme. Mit dezentem weißen Spitzbart und im Gespräch ebenso gelassen wie konzentriert wirkt der Brillenträger Kuhnert fast wie Professor Bienlein aus den Tim-und-Struppi-Comics.

Kuhnert überrascht die Einschätzung, dass er gelassen wirke und betont mit nun erhobener Stimme: „Ich kann sehr angriffslustig sein und bei Sitzungen Menschen auch auf ein Thema einschwören“. So klangen seine Worte über eine sich selbst verlassene CDU zum Wahlkampfabschluss in Anwesenheit von Alice Weidel auch in der Sache bissiger: „Die schwarz-rot-grüne Einheitsfront muss verhindert werden. Wer CDU wählt, wählt automatisch Grüne. Deshalb: Keine grüne Kulturrevolution“, sagte er wenige Tage vor der Wahl. Aber auch das unterschied sich durch Sprechpausen und mit wenig sichtbarem Adrenalin von vielen Parteikollegen.

Seit 2013 sei er nun Mitglied der AfD, wobei er – in der Sache oft übereinstimmend – seine Probleme mit dem ehemaligen Vorsitzenden Bernd Lucke gehabt habe. „Er hat die Partei doch sehr narzisstisch geführt und das ist ihm letztlich zum Verhängnis geworden – nicht hingegen eine Abkehr von Positionen.

Als Netzwerker, der mit jedem reden könne, habe Kuhnert sich in der Partei letztlich gut postieren können, denkt er. Gerne hätte sich Roberto Kuhnert von seiner Partei in den Finanzausschuss des Landtages entsenden lassen, weil über Geld letztlich Macht verteilt werde; aber mit den Ausschüssen Arbeit, Wirtschaft und Verkehr sowie Schule und Sport sei er letztlich sehr glücklich. Beide Themenfelder betrachtet Kuhnert als seine politischen Steckenpferde.

Seine eigene wirtschaftliche Tätigkeit als selbstständiger Baudienstleister wird Kuhnert trotz des Mandats nicht aufgeben. Der 56-jährige betont gute Kontakte zu Leuten zu haben, die Aufträge für ihn abarbeiten könnten. Abarbeiten sei überhaupt das Stichwort: „Jetzt stehen wir auf einmal selbst unter Druck. Jetzt im Landtag müssen wir liefern“, ist sich Kuhnert bewusst, dass es genug Konkurrenz gibt, die sich diebisch freuen würde, wenn es bald heißen sollte: „Haben wir doch gleich gesagt, dass alles nur heiße Luft ist“.

Als Instandhaltungsmechaniker hatte Kuhnert im Kraftwerk Boxberg die Montage und später die Demontage von Förderbändern vorgenommen. Der Rückblick auf diese Zeit veranlasst ihn zur Bemerkung: „Die Zeit des Kahlschlags hat die Region verändert. Es hat hier nie einen wirklichen Strukturwandel gegeben und die Menschen sind zurecht skeptisch, wenn nun wieder Luftschlösser angepriesen werden“. Daraus folge, dass man aufrichtig über Strukturwandel statt Strukturschwindel reden müsse. Ebenso gehöre das gesamte Bildungssystem auf den Prüfstand.

Letzteres füge sich in viele Facetten einer Umerziehung der Jugend ein, getragen von den „Vollversorgten“, wie er bemerkt. „Wir müssen eher wieder die Fragen stellen, was überhaupt einträglich für unsere Freiheit ist, denn die Meinungsfreiheit leidet im Strom von Einheitsmeinungen immer öfter“, ist er sich sicher. So mache ihn ärgerlich, dass man heute Menschen, die wie er einst den Fall der DDR ersehnten, oft ihre Meinung streitig machen wolle, dass sie ihre Freiheit 2019 eben nicht mehr vollendet sehen.

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Till Scholtz-Knobloch / 19.10.2019

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