„Kaum ein anderes Tier polarisiert so sehr wie der Wolf“

Noch immer scheiden sich am Wolf die Geister, wie mit ihm umzugehen ist. Foto: LUPUS
Der graue Beutegreifer ist in unserer Region sehr präsent. Wie gehen wir damit um? Hier beschreiben zwei Personen ihre Sichtweise, die unmittelbar vom Thema Wolf betroffen sind.
Region. „Ich heiße Carolin Stern und arbeite in der Umweltbildungsstelle Wolf in Rietschen. Als Teil des Sächsischen Wolfsmanagements bieten wir Umweltbildungsveranstaltungen an. Dabei vermitteln wir das Wissen objektiv und wertungsfrei. Im Jahr 2000 wurde das erste Rudel in Deutschland dokumentiert. Die Wölfe hatten aufgrund der Unterschutzstellung 1990 im Rahmen der Berner Konvention von selbst den Weg von Polen nach Deutschland gefunden und wurden nicht durch menschliches Zutun hier angesiedelt. Seitdem verbreiteten sich die Tiere rasch. Denn es gab in Deutschland einfach sehr viele wolfsfreie Flächen. So konnten auch Jungwölfe problemlos neue Rudel etablieren. Außerdem existierte ein reichhaltiges Nahrungsangebot, weil große Beutegreifer jahrzehntelang gefehlt hatten. Seit dem Monitoringjahr 2021/22 scheint sich der Bestand in Sachsen zu stabilisieren. Er könnte sich hier bei 40 bis 50 Territorien einpegeln, jährliche Schwankungen inbegriffen. Ein Territorium ist ein von einem sesshaften Einzeltier, einem Paar oder einem Rudel besetztes Gebiet. Damit ist die Oberlausitz voll besetzt, wobei die Territorien hier eng beieinander und ungewöhnlich klein sind – auch, weil die Tiere in den großen Waldbeständen viel Beute finden. Wölfe bemerken in der Regel durch ihren Geruchssinn oder durch ihre Sicht, wo sich Beute befindet. Sie greifen meist nicht wahllos oder kopflos an, sondern wägen ab, ob sich die Jagd lohnt, auch um sich nicht selbst zu verletzen. Daher jagen sie vorzugsweise altes, krankes, verletztes Wild oder Jungtiere. So tragen sie dazu bei, die Beutetierpopulationen zu regulieren und gesund zu erhalten. Begegnet der Wolf dem Menschen, bleibt er häufig stehen, schaut, nimmt Witterung auf, wägt ab, ob er weitergeht, und setzt dann seinen Weg fort. Es gibt natürlich auch Individuen, die neugieriger sind, oft Welpen. Diese verfolgen dann gerne mal Spaziergänger, Radfahrer oder Reiter.
Auch wenn sie dabei nicht jagen wollen, sollten Menschen hier eine klare Grenze ziehen und den Wolf aktiv verscheuchen, damit er dieses Verhalten nicht häufiger zeigt. Negative Konsequenzen muss es für ihn auch geben, wenn er auf Nutztiere trifft. Fehlen diese, etwa durch mangelhaften Herdenschutz, kann es dazu führen, dass der Wolf sich diese neue Beute erschließt. Erfährt er dagegen schon beim ersten Versuch einen Schmerzreiz, wie durch Strom, wird er sich künftig vermutlich von den Nutztieren fernhalten.
Das Vorkommen der Wölfe bringt für uns Menschen – beziehungsweise für einzelne Berufsgruppen – Herausforderungen mit sich. Fachlich gesehen, ergibt eine reguläre Bejagung, um den Bestand zu regulieren, nur dann Sinn, wenn man ausschließlich Jungtiere schießt. Diese kann man aber schon mit sieben oder acht Monaten kaum von den Elterntieren unterscheiden. Allerdings gehören Handlungsoptionen bei unerwünschtem Verhalten der Wölfe definitiv zum Anpassungsprozess an diese Situation, zum Beispiel ein Abschuss oder zumindest die aktive Vergrämung, wenn ein Tier sich auf Nutztiere spezialisiert hat. Wir als Umweltbildungsstelle Wolf möchten das Thema generell auch relativieren und normalisieren. Denn kaum ein anderes Tier polarisiert so sehr wie der Wolf. Extreme Sichtweisen sind jedoch nicht zielführend – weder für den grauen Beutegreifer noch für uns Menschen: Der Wolf ist kein Bösewicht, der uns absichtlich schaden will, und er muss auch nicht reguliert werden, weil das die Natur selbst erledigt. Er ist aber auch kein armes Kuscheltier, welches es auf Biegen und Brechen zu schützen gilt. Betritt er unser Territorium, dürfen wir es verteidigen, und zwar auch präventiv.“
„Mein Name ist Mathias Kappler. Ich bin 58 Jahre alt und gehe seit über 50 Jahren auf die Jagd. Denn mein Vater war ebenfalls Jäger. Gleichzeitig bin ich Vorsitzender des Jagdverbands Oberlausitz. Wir Jäger haben grundsätzlich nichts gegen den Wolf einzuwenden. Aber die Anzahl an Wölfen, die sich in unserer Region verbreitet hat, ist mittlerweile viel zu hoch und der Erhaltungszustand des Wolfes ist schon seit Jahren erreicht. Der Wolfsbestand hat sich in unserer Region sehr stark vermehrt. Ein Grund dafür ist das sehr hohe Nahrungsangebot. Zudem hat das Tier weniger Scheu vor dem Menschen und wurde in verschiedenen Fällen in Wohnnähe gesichtet. In aller Regel lebt der Wolf im Rudel, paarweise oder als Einzelgänger. Aufgrund der verminderten Scheu erleben es Jäger, dass kurz nach dem Schuss vereinzelte Wölfe auftauchen. Selbst Fallwildstücke werden innerhalb weniger Stunden vom Unfallort verschleppt. Fallwild ist Wild, das ohne direkte Gewalteinwirkung des Jägers zu Tode kommt, zum Beispiel durch Kälte oder bei einem Unfall. Kurz: Die derzeitige Wolfssituation ist gegenüber Weidetierhaltern, Bauern und der Bevölkerung nicht mehr tragbar. Es hat auch naturschutztechnisch keinen Sinn, wenn Wolfswelpen von sechs Monaten, die vom Rudel verstoßen wurden, besendert werden und die Bevölkerung aufgerufen wird, das Tier mit Steinen zu bewerfen, sollte es zu nahe kommen. Hier erziehen wir uns die Problemwölfe der Zukunft.Meiner Meinung nach muss der Wolf aus dem Naturschutzgesetz genommen und eine Bejagung von September bis Januar ermöglicht werden, um die Bestände auf ein Normales zu reduzieren. Ich persönlich engagiere mich über die Arbeitsgemeinschaft Wolf bis hin zum deutschen Jagdverband, um die nötige Legalisierung des Wolfsabschusses voranzubringen.“