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Unfallopfer bedankt sich bei Ersthelfern

Unfallopfer bedankt sich bei Ersthelfern

Brunhilde Fischer zurück am Unfallort: An der Spreebrücke in Höhe der Hammermühle stürzte sie auf regennassem Pflaster mit ihrem Fahrrad schwer, weil sie einem Auto Platz machen wollte. Foto: RK

Immer wieder machen Menschen die Erfahrung, dass sich gerade in schwierigen Situationen Bekannte, aber auch Unbekannte als kleine Engel in der Not erweisen. Den Helden des Alltags darf jetzt im Oberlausitzer Kurier Danke gesagt werden.

Region.  Den 27. September 2019 wird diese Bautzenerin so schnell nicht wieder vergessen. In der Seidau unglücklich mit dem Fahrrad gestürzt, bekommt sie umgehend Hilfe von einem Autofahrer.

Ein Regenband liegt an diesem Tag quer über Deutschland. Auch an der Spree fallen Tropfen. Brunhilde Fischer schwingt sich dennoch auf ihren Drahtesel, um auf schnellem Wege das Pflegeheim in der Seidau zu erreichen. In der Einrichtung schenkte die 66-Jährige Heimbewohnern bis dahin Gehör – ehrenamtlich und aus der Überzeugung heraus, den betagten Menschen so ein Stück weit die anderswo fehlende Aufmerksamkeit zu geben. Wenn sie die Hand „ihrer Damen“, wie Brunhilde Fischer die zu betreuenden Pflegepersonen nennt, streichelt, bekommt sie dafür im Gegenzug deren Lebensgeschichte präsentiert. Dabei erfuhr die Spreestädterin, die selbst bereits das Rentenalter überschritten hat und trotzdem zeitweise des Nachts dem Job als Altenpflegerin nachging, so manch spannende oder auch kuriose Begebenheit. Seit besagtem Septembertag ist jedoch nichts mehr wie zuvor. „In Höhe der schmalen Spreebrücke an der Hammermühle wollte ich einem entgegenkommenden Auto die Vorfahrt lassen und bremste deshalb“, erinnert sich Brunhilde Fischer. Womit sie in dem Augenblick nicht rechnete: Aufgrund des feuchten Pflasters geriet ihr Rad ins Rutschen. Ohne sich irgendwo festhalten zu können, krachte die Bautzenerin mit vollem Karacho auf den harten Boden. „Ich weiß noch, wie plötzlich Blut auf die Straße tropfte und ich in meiner Jacke nach einem Taschentuch kramte.“ Doch mit der Kopfverletzung war es nicht getan. Wie sich später im Krankenhaus herausstellen sollte, hatte sich die Rentnerin bei dem Unfall drei Rippen gebrochen. Um allerdings erst einmal in medizinische Behandlung zu gelangen, musste Hilfe her. Brunhilde Fischer fühlte sich selbst nicht in der Lage, den Rettungsdienst zu rufen. Zum Glück, und diesem Umstand ist sie noch heute von ganzem Herzen dankbar, war der Autofahrer, dem die gebürtige Meißenerin soeben noch Platz machen wollte, ohne zu zögern aus dem Wagen gestiegen, um sich um die lädierte Radlerin zu kümmern. „Wie ich im Nachhinein in der Notaufnahme von einer Ärztin gesagt bekam, sei das in heutigen Zeiten nicht mehr unbedingt zu erwarten. Das hat mich doch sehr erschreckt und zum Nachdenken bewogen“, sagt sie.

Der für Brunhilde Fischer nach wie vor unbekannte Mann richtete sie auf und alarmierte die Einsatzkräfte. Bis diese vor Ort eintrafen, hatte ein Anwohner seine Garage geöffnet und darin einen Stuhl bereitgestellt. Auch der in Mitleidenschaft gezogene Drahtesel kam dort vorerst unter, bis ihn ein Familienangehöriger abholte. „Es ging alles so schnell, ich konnte nicht einmal nach den Namen meiner Helfer fragen“, erzählt sie heute. Daheim ahnte indes niemand etwas von dem fatalen Sturz, der erst Tage später seine ganze Wirkung entfalten sollte. „Im Krankenhaus konnte ich meinen jüngsten Sohn benachrichtigen. Zusammen mit meinem Mann besuchte er mich am Abend auf der Station und brachte mir ein paar Sachen“, berichtet sie.

Brunhilde Fischers Ehepartner zeigte sich ihren Worten zufolge bei dem so nicht gedachten Wiedersehen alles andere als begeistert. Schon oft habe er ihr nahegelegt, einen Helm aufzusetzen. Wie viele andere Radler verzichtete die 66-Jährige bislang darauf. Inzwischen trägt sie den Kopfschutz. Ihre Kinder überreichten der Bautzenerin diesen – sozusagen als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Lange jedoch währte die Freude darüber nicht. Mitte Oktober musste sich die Seniorin abermals in ärztliche Behandlung begeben. „Mit einem Mal schoss es wie eine Rakete durch meinen Kopf und das Herz raste mit“, versucht sie diesen Zustand zu beschreiben, der ihr große Angst einflößte. Im Gegensatz zu dem Unfall im September musste sich die Rentnerin diesmal selbst um Rettung kümmern, obgleich die Diagnose mit Abstand weit schwerwiegender war. Die Mediziner attestierten ihr eine Lungenembolie.
Von dieser erholt sich Brunhilde Fischer noch immer. Den Job als Altenpflegerin musste sie notgedrungen an den Nagel hängen. Schwer heben darf sie nicht mehr. Auch „ihre Damen“ im Pflegeheim in der Seidau müssen auf sie verzichten. Inwieweit das auf Dauer der Fall ist, vermag die Bautzenerin, die mit ihrem zweiten Ehemann 1981 wegen einer in Aussicht gestellten Wohnung ans Spreeufer zog, indes nicht zu sagen. Fakt ist, die Arbeit wird ihr fehlen. Fest steht auch: Wenn sich ihre Helfer bei ihr melden würden, wäre sie sehr froh darüber. Denn Brunhilde Fischer weiß zu schätzen, welches Entgegenkommen ihr an jenem Septembertag im ältesten Bautzener Stadtviertel widerfahren ist. Menschen haben ein Herz für einen anderen gezeigt. Keine Selbstverständlichkeit in einer Welt wie dieser. „Mir schwebt vor, meinem Retter und dessen Partnerin einen Essensgutschein zu spendieren“, erklärt sie und fügt sichtlich ernüchtert hinzu: „Mein Rentnerdasein habe ich mir anders vorgestellt. Ich muss schauen, wohin mich mein Weg führt.“
Vielleicht kann sich gerade vor diesem Hintergrund ihr unbekannter Helfer zu erkennen geben und auf diese Weise einen Beitrag leisten, damit Brunhilde Fischer zumindest mental in der Lage ist, wieder Kraft zu tanken.

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Roland Kaiser / 26.01.2020

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