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Zeitzeugnisse: „Kein Volk kann nur Krieg geführt haben“

Zeitzeugnisse: „Kein Volk  kann nur Krieg geführt haben“

Peter Knüvener zeigt auf die Ausstellungstafel, die auf das Thema „Zittau und der Sechsstädtebund“ hinweist.

Die 1000-jährige Geschichte der Oberlausitz ist bei weitem noch nicht vollständig erforscht. Ein deutsch-polnisches Projekt will jetzt einige der Lücken schließen.

Zittau. Wer glaubt, dass die Geschichte der Oberlausitz weitgehend erforscht ist, der irrt. Auf die zahlreichen Lücken, die es in der Geschichtsschreibung der so bezeichneten Region gibt, will ein vom Sächsischen Landesamt für Archäologie initiiertes Projekt unter der Bezeichnung „1000 Jahre Oberlausitz – Menschen, Burgen, Städte“ hinweisen. Das beginnt schon beim Titel des Projektes, denn natürlich sind die 1000 Jahre eine sehr willkürlich gewählte Zeitangabe.
Die Stadt Bautzen, ihres Zeichens ja Teil und inoffizielle Hauptstadt der Oberlausitz, feierte schon im Jahr 2002 ihr 1000-jähriges Bestehen. Wann der Begriff „Oberlausitz“ zum ersten Mal in einem offiziellen Dokument auftauchte, lässt sich zumindest auf die Schnelle im Internet nicht recherchieren.

Rätsel um den Sechsstädtebund

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Viele offene Fragen gibt es zum Beispiel um den Oberlausitzer Sechsstädtebund, dem neben Zittau und Löbau auch Bautzen, Kamenz, Görlitz und Lauban (heute Luban in Polen) angehörten. „Außer der Hanse gibt es in Deutschland kein weiteres Bündnis, das sich so nachhaltig im regionalen Bewusstsein erhalten hat“, erklärt der Leiter der Städtischen Museen Zittau, Peter Knüvener. Auch die reale Lebensdauer des Sechsstädtebundes von 1346 bis 1815 – also fast 500 Jahre – ist sehr ungewöhnlich und gibt Anlass zu Fragestellungen. „Uns interessiert vor allem, warum der Sechsstädtebund – anders als fast alle anderen mittelalterlichen Städtebündnisse – so lange gehalten hat? Vielleicht kann man ja daraus auch etwas für die heutige Zeit lernen“, so der Zittauer Museumsdirektor. Die „jüngsten“ Forschungen zu diesem Thema sind nicht mehr so ganz taufrisch, sie datieren aus vergangenen Jahrhunderten. Aufschlüsse erhoffen sich Peter Knüvener und seine Kollegen auch von den Ergebnissen unlängst durchgeführter Grabungen im Stadtgebiet von Zittau, beispielsweise auf dem Markt oder im Umfeld des Rathauses. Auch die Weberstraße, an der zurzeit umfangreiche Bauarbeiten stattfinden, bietet Anlass zu großen Erwartungen.

Slawische Besiedlung als weiterer Schwerpunkt

„Einen weiteren Schwerpunkt unseres Projektes bildet die slawische Besiedlung der Oberlausitz, zu der es noch viele offene Fragen gibt“, erklärt Susanne Schöne vom Landesamt für Archäologie, die als stellvertretende Projektleiterin fungiert. Bislang stützt sich die Geschichtsschreibung dieser Periode, die etwa im 7. Jahrhundert begann, auf die zahlreichen gut erhaltenen Burgwallanlagen. Dieses Thema wird zumeist mit den noch heute sorbisch besiedelten Orten im Landkreis Bautzen in Verbindung gebracht. Doch auch im Landkreis Görlitz, insbesondere rund um Löbau sowie im Neißetal, hat die slawische Besiedlungsgeschichte ihre Spuren hinterlassen. So gelten die Burgen auf dem Rotstein und in der Georgewitzer Skala als wichtige Zeugnisse aus dieser Zeit. Erstere befindet sich auf dem südlichen Gipfel in etwa 450 Metern Höhe und bestand aus einem Doppelringwall mit Vor- und Hauptburg. Die Skalenburg in der Nähe von Bellwitz – auch als Bielplatz bezeichnet – nutzte den schroff abfallenden Steilhang zum Löbauer Wasser für ihre Verteidigungswirkung.

„Bei all diesen Zeugnissen handelt es sich um Befestigungsanlagen, die vorwiegend in kriegerischen Zeiten Bedeutung hatten. Kein Volk kann nur Krieg geführt haben. Wir verfügen kaum über Fundstellen, die das Alltagsleben oder auch die Bestattungskultur der slawischen Besiedler dokumentieren“, wie Susanne Schöne erläutert. Warum das so ist? „Die Wallanlagen wurden zumeist auf Felsen errichtet, die fest und kompakt in der Landschaft stehen und sich so bis heute als markante Punkte erhalten haben. Die Dörfer und Grabanlagen hingegen sind im Laufe der Zeit verfallen und kaum noch auffindbar.“ Anders als beispielsweise in Polen darf in Sachsen nicht „aufs Geratewohl“ gegraben werden, auch nicht vonseiten der offiziellen Archäologie. Grabungen erfolgen in der Regel nur im Vorfeld von Baumaßnahmen. Das so gewonnene Bild enthält zwar viele interessante Einzelstücke, ist aber sehr lückenhaft. Doch wie lässt sich dieses Dilemma auflösen?

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Bodenerkundung aus der Luft

Ein Ansatz besteht in der Erkundung aus der Luft. „Die im Zuge der Besiedlung oder ihrer Aufgabe erfolgten Bodenbewegungen führen bis in die heutige Zeit zu Veränderungen in der Bodenstruktur und nachfolgend zu Veränderungen im Bewuchs“, so Susanne Schöne. Diese lassen sich von der Erde aus in der Regel nicht feststellen, wohl aber aus der Luft – schließlich hat Maria Reiche die Linien von Nazca auch erst durch Befliegungen entdecken können. Genau solche führt auch das Landesamt durch und hat dadurch bereits interessante Befunde erhalten: „An einigen Stellen zeichnen sich sogar deutliche Gebäudegrundrisse ab.“ Diese Stellen genauer unter die Lupe zu nehmen, dürfte einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der slawischen Besiedlung leisten.
Nach Projektabschluss sollen die Ergebnisse in drei Ausstellungen in Bautzen, Bunzlau (Boleslawiec) und Zittau präsentiert werden. Bereits jetzt macht eine Tafelausstellung in der Christian-Weise-Bibliothek neugierig. Das Projekt „1000 Jahre Oberlausitz – Menschen, Burgen, Städte“ wird von der Europäischen Union aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung im Rahmen des Kooperationsprogramms „IINTERREG Polen-Sachsen 2014-2020“ finanziert.

Uwe Menschner / 27.07.2020

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