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Das geheime Wissen über die Atomraketen

Das geheime Wissen über die Atomraketen

Die drei Hobbyhistoriker (v.l.n.r.) Matthias Karthe, Thomas Petzold und Christof Schuster – hier vor einem der Bunker im Taucherwald – haben zehn Jahre für das Buch über die Atomraketen in der Oberlausitz recherchiert und geschrieben. | Foto: privat

Königsbrück/Bischofswerda. Ein Buch über die Raketenstellungen im Taucherwald und auf dem Truppenübungsplatz Königsbrück ist jetzt erschienen. Der Geschichtsverein Königsbrück hat hier in jahrelanger Arbeit unzählige Details rund um die Technik und den Alltag auf den beiden sowjetischen Militärstützpunkten zusammengetragen.

Die Atomraketen kamen heimlich und im Dunkeln. Als sie die Oberlausitz nach fast vier Jahren wieder verließen, wurden Fahnen geschwenkt, Reden gehalten und alles in Bild und Ton dokumentiert.
Über die Zeit dazwischen ist bisher wenig bekannt. Offiziell erfuhren die Menschen in Bischofswerda, Burkau oder Königsbrück nichts über die sowjetischen Militärstützpunkte oder gar die Waffensysteme, die dort untergebracht waren. Hinter vorgehaltener Hand sprach man über die Beobachtungen, denn auch wenn die Fahrzeuge im Schutz der Dunkelheit unterwegs waren, geräuschlos ging es nicht vonstatten.

Vor allem nach der Wende begannen die Leute Fragen zu stellen. In Königsbrück gründete sich der Geschichtsverein Truppenübungsplatz Königsbrück. Er befasst sich mit der Geschichte des vor 120 Jahren eingerichteten Truppenübungsplatzes. Wobei sich die gerademal 13 Vereinsmitglieder mit verschiedenen Zeitabschnitten beschäftigen.

Matthias Karthe, Thomas Petzold und Christof Schuster recherchieren seit zehn Jahren vor allem zur Nutzung durch die Rote Armee und in diesem Zusammenhang auch zu den in der Oberlausitz stationierten Atomraketen. Nach Besuchen im Taucherwald Ende 1990 und den dürftigen Informationen, die es in der Schulzeit über die Raketen gab, wollte der heute 40-jährige Christof Schuster mehr wissen. Thomas Petzold hat sich bereits seit vielen Jahren in das Thema eingearbeitet. Über das Bischofswerdaer ZeitzeugenForum kam der Kontakt zum Geschichtsverein und dem Filmteam um Peter Simank zu stande, das 2012 einen Film für den MDR produzierte.
Die drei Hobbyhistoriker forschten intensiv ab 2006 im Bundesmilitärarchiv, sahen Akten ein bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in Dresden.

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Das in Schwarz gehaltene Cover mit dem martialisch wirkenden Militärfahrzeug lässt ein wenig die bedrohliche Stimmung aufleben, die von den Atomraketen in der Oberlausitz ausging. | Foto: kk

Vor allem Thomas Petzold hatte persönliche Kontakte zu Angehörigen der Raketenbrigaden, die interne Informationen, heimlich aufgenommene Fotos oder Berichte über das Leben auf den sowjetischen Militärstützpunkten lieferten. In russischen Archiven konnte kaum geforscht werden, hier gilt eine Sperrfrist von mindestens 30 Jahren. Unterlagen zu den Nuklearwaffen sind noch länger unter Verschluss. Trotzdem kam sehr viel Material zusammen.
Den Anstoß die Bilder, Fakten und Zeitzeugen-Berichte in einem Buch zusammenzufassen, gab schließlich 2010 der damalige Chef des Naturschutzgebietes Königsbrücker Heide. Seitdem arbeiten die drei Geschichtsinteressierten vor allem in den Abend- und Nachtstunden an dem Buch. „Wir wollen der Nachwelt etwas hinterlassen“, erklärt Christof Schuster.
Nachdem das Konzept stand, füllten sich nach und nach die Seiten mit einem für Laien verständlichen Text, der durch Fotos, Skizzen und Infokästen mit zusätzlichen Informationen aufgelockert wird. „Und selbst militärhistorische Experten können hier Detailwissen nachlesen“, sagt der Autor.

Ergebnis der sechsjährigen Arbeit ist ein schwarz eingebundenes Buch. Das Schwarz stehe für die Nacht, in der die Militärfahrzeuge bewegt wurden, erklärt Christof Schuster. Der rote Titel und die mobile Raketenbasis lassen die bedrohliche Stimmung aufleben, welche die Oberlausitzer beim Gedanken an die Atomraketen in den 80er Jahren beschlichen haben dürfte.
Inhaltlich wird über das in der Oberlausitz stationierte Waffensystem SS-12, die Errichtung der Kasernen für die Raketenbrigade und die bewegliche Raketenbasis mit den verschiedenen Bunkeranlagen berichtet. Fotos dokumentieren den heutigen Zustand oder den Abriss. Zur Sprache kommen auch der Gefechtsdienst und ein gefährlicher Zwischenfall im Herbst 1987. Weitere Kapitel widmen sich den von der Nato aufgestellten Pershing II-Raketen, den Folgen, die ein mit Nuklearwaffen geführter Angriff für die Oberlausitz gehabt hätte, und schließlich auch den Verträgen, die letztlich den Abzug der Raketen möglich machten.

Beim Buchprojekt hatte der Geschichtsverein Unterstützung vor Ort. Karina Klotsche von Medien & Natur kümmerte sich um Layout und Satz. Mit Heiko Berthold von Mediadesign aus Königsbrück fand der Verein eine Druckerei, die den Druck der 1.200 Stück großen Auflage bewerkstelligte. Um den Vertrieb kümmert sich der Verein nun selbst. In einigen Buchläden der Oberlausitz kann man das Buch bereits kaufen. „Noch vor dem Verkaufsstart erreichten uns sogar Anfragen aus Berlin“, freut sich Christof Schuster.

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Katrin Kunipatz / 18.09.2016

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