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Denkmalschutz in Görlitz weichgespült?

Denkmalschutz in Görlitz weichgespült?

Was tun, wenn Fehlentwicklungen in der Bevölkerungsstruktur behoben und durch die attraktivere Gestaltung von Wohngebieten wie im Gründerzeitviertel ins Gegenteil verwandelt werden sollen. | Foto: Archiv

Görlitz. Am 11. April gab es die erste öffentliche Vorstellung des fortgeschriebenen Stadtentwicklungskonzeptes. Offenbar erkannten nur wenige Bürger die Wichtigkeit des Termins für die Zukunft ihrer Heimatstadt, vielleicht ein Dutzend Interessenten verloren sich neben Baubürgermeister Dr. Michael Wieler, dem Leiter der Stadtentwicklung Hartmut Wilke und dessen Mitarbeiter Wieland Menzel in dem Raum. Thomas Göttsberger, der sich sehr für den Erhalt historischer Bausubstanz engagiert und mit dem Stadtforum Zittau um den Erhalt des einstigen Vorzeigekinos „Schauburg“ sowie der stadtbildprägenden Mandaukaserne verdient gemacht und mit dem Stadtforum Görlitz auch um die Sanierung der hiesigen Stadthalle bemüht hat, bekommt Kopfschmerzen, wenn er an die Umsetzung des von der Stadt fortgeschriebenen Entwicklungskonzeptes denkt. „Man hat hier offenbar zwei Jahre lang hinter verschlossenen Türen an einer Matrix gebastelt, mit der die Gebäude klassifiziert werden sollen – mit Empfehlungen, was daran gemacht werden soll. Die Spanne reicht von 1 für ‚keine Eingriffe in die historische Bausubstanz‘ bis 11 für ‚Totalabriss‘.“

Göttsberger und seine Mitstreiter fürchten mit dem Inkrafttreten des Papiers, das voraussichtlich im Juni im Stadtrat besprochen werden soll, dass der Denkmalschutz in der Neißestadt weichgespült wird. Einerseits sei es verständlich, dass die Kommune auf die auseinandergehende Schere von prosperierenden und weniger prosperierenden Stadtteilen reagiere, andererseits dürfe sie das nicht mit Abstrichen bis zur Komplettaufgabe des Denkmalschutzes tun. „Es bringt nichts, ihn aus freien Stücken aufzugeben und die eigene Verhandlungsposition gegenüber Bauherren und Investoren in den betroffenen Gebieten damit zu schwächen.“ Göttsberger und das Stadtforum Görlitz halten nichts von der Ungleichbehandlung von Denkmalen in der Neißestadt.

Denn: „Man kann die Fehlentwicklung in der Bevölkerungsstruktur zum Beispiel im Gründerzeitviertel nicht durch die Aufweichung des Denkmalschutzes dort beheben. Wenn sich durch die neuen städtischen Festlegungen dort günstigere Sanierungsbedingungen ergeben, dann ziehen die Leute aus anderen Stadtteilen hin. Dann fehlen die Leute aber wieder an anderer Stelle.“

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Das Stadtforum Görlitz ist vielmehr dafür, dass Görlitz seinen guten Ruf als Stadt der Denkmale weiter festigt. „Wenn jetzt der Denkmalschutz in bestimmten Stadtgebieten aufgeweicht wird, nur noch Fassaden stehen bleiben und dahinter Neubauten hochgezogen werden, dann sehen wir diesen Ruf durchaus in Gefahr.“ Vielmehr müsse man den Mut haben, den Charakter der Quartiere zu erhalten. „Das heißt aber nicht untätig zu sein, sondern Gebäude mal nur zu sichern und dann zu warten, bis es wieder bessere Bedingungen gibt.

Es bringt nichts, die Grundsätze der vergangenen 25 Jahre über Bord zu werfen.“ Dies sei auch gegenüber bisherigen Bauherren ungerecht. „Wer in den vergangenen Jahren aufwändig in der Augustastraße saniert hat, hat das Nachsehen gegenüber jemandem, der das vielleicht noch in der Löbauer Straße tun wird – dort aber mit geringeren Auflagen für den Denkmalschutz“, kritisiert Göttsberger.

Allerdings hatte KommWohnen-Chef Arne Myckert bereits im August vergangenen Jahres im „Niederschlesischer Kurier“ in manchen Stadtgebieten den Erhalt der Fassaden und einen völligen Neubau der dahinter liegenden Wohngebäude ins Gespräch gebracht. Schwierige Lagen seien so besser vermietbar. Gleichzeitig könne man neue Zielgruppen erschließen. Zumal Neubau in der Regel preisgünstiger sei als das aufwändige Sanieren in der vorhandenen Bausubstanz. Zugleich erklärte Myckert damals aber auch, die Gründerzeit-Bebauung sei eine Görlitzer Besonderheit, die man nicht so ohne Weiteres aufgeben dürfe. Thomas Göttsberger und das Stadtforum Görlitz wollen jedenfalls dafür werben, dass die Fortführung des Stadtentwicklungskonzeptes nicht in der vorliegenden Form beschlossen, sondern stattdessen auch künftig mehr Wert auf den Denkmalschutz gelegt wird.

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Frank-Uwe Michel / 27.04.2016

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