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Die Flammenhölle an der Löbauer Straße

Die Flammenhölle an der Löbauer Straße

Die Brandnacht vom 21. September 1977: Fotos dokumentieren das Feuerdrama im Bautzener Getreidespeicher. Vier Kameraden überlebten es nicht. Foto: RK

Vor Monaten hat der Landkreis damit begonnen, am Rande des Allende-Viertels einen einstigen Getreidespeicher für einige seiner in der Stadt Bautzen ansässigen Einrichtungen umbauen zu lassen. Unter anderem sollen einmal die Werkstatt, der Kulissenbau und das Lager des Theaters vor Ort zu finden sein. Was viele nicht wissen: Um das Gebäude rankt sich eine verhängnisvolle Geschichte.

Bautzen. Sobald Tino Irmsch sein Fotoalbum aus dem Schrank nimmt, holen ihn die Erinnerungen an damals ein Stück weit wieder ein. Der heute 56-Jährige betrachtet wehmütig eines der Bilder. Es dokumentiert den Moment, kurz bevor der lichterloh brennende, südliche Teil des Getreidespeichers in sich zusammenstürzt. Ein Anwohner hatte das Feuerdrama mit seiner Kamera festgehalten, erzählt der Lausitzer. Was Tino Irmsch zu dem Zeitpunkt nicht ahnen konnte: Sein Vater Günter befand sich mitten in der Flammenhölle. 

Es ist Montag, der 19. September 1977. Die Woche startet ungemütlich mit vielen dicken Wolken und etwas Regen. Das Thermometer zeigt um die 10 Grad Celsius. Der damals 15-jährige Tino besucht seit Monatsbeginn die Erweiterte Oberschule (EOS). Mit seinen Eltern teilt er die Freude über den Škoda 1000 MB, den sich die Familie erst wenige Wochen zuvor angeschafft hatte. Vater Günter, 36 Jahre alt, ist zu dieser Zeit beim so genannten Kommando Feuerwehr in Bautzen angestellt, vergleichbar mit der heutigen Berufsfeuerwehr. Er macht sich langsam bereit für die nächste 24-Stunden-Schicht. Laut Dienstplan beginnt diese für ihn tags darauf. Am Abend verabschiedet sich Tino von seinem Papa wie so oft und geht zu Bett. 

20. September 1977: Günter Irmsch muss recht früh zur Arbeit. In Bautzen angekommen, verläuft der Dienst ohne nennenswerte Ereignisse. Diesen verrichtet er an jenem Tag unter anderem mit den beiden Oberlöschmeistern Günter Sch. und Gert W. sowie Löschmeister Günther R. Plötzlich schrillt in der Wache an der Steinstraße das Telefon. Der 21. September 1977 hatte soeben begonnen. Die aufgeregte Stimme im Hörer bittet um ein schnelles Eingreifen. Es 1.10 Uhr. Unweit der Löbauer Straße schlagen Flammen in den nächtlichen wolkenverhangenen Himmel. Das Kommando Feuerwehr rückt mit einem Tanklösch- sowie einem weiteren Löschfahrzeug aus. 

Nur vier Minuten später sind die ausgebildeten Florianjünger am Einsatzort. Über das Treppenhaus des viergeschossigen Speichergebäudes versucht ein Spähtrupp sich von der Lage innerhalb des Hauses ein Bild zu machen. Durch im Gebäude vorhandene Deckendurchbrüche beobachten die Kameraden einen regelrechten Glutregen. Zusätzliche Löschtrupps aus dem näheren Umland werden heranbeordert.

Der 1905 errichtete und 510 Quadratmeter große Massivbau mit seinem abgetrennten Treppenaufgang und den Holzdecken auf den einzelnen Etagen war vom VEB Getreidewirtschaft Kamenz dazu genutzt worden, um einen Teil der alljährlichen Ernte, die in der Region anfiel, an der Löbauer Straße unterzubringen. Dessen Lagerkapazität betrug maximal zwei Millionen Kilogramm. Wärmeenergie zum Trocknen des Lagerbestandes bezog der Betrieb aus einem Heizhaus gleich hinter dem Teil des Speichers, dessen obere Etagen am frühen Morgen des 21. Septembers nunmehr komplett in Flammen stehen. 

Es ist 1.16 Uhr. Der Einsatzleiter schickt den ersten Löschtrupp ins brennende Gebäude. Die mit Druckluftatmern ausgestatteten Feuerwehrmänner sollen vom Treppenhaus aus ins erste Obergeschoss vorstoßen. Gegen 1.18 Uhr wird die Order herausgegeben, im Erdgeschoss den Kampf gegen das Feuer aufzunehmen. 

Dass sich die Flammen nicht schon ins Treppenhaus ausgebreitet hatten, war den eingebauten Brandschutztüren zu verdanken. Wie eine im Nachhinein durchgeführte Untersuchung ergab, war das nicht immer so. Im Kontrollzeitraum 1974 bis 1977 wurden laut der Auswertung der Abteilung Feuerwehr des damaligen Volkspolizei-Kreisamtes Bautzen ständig Rechtsverletzungen und Mängel im Brandschutz festgestellt, zu deren Beseitigung Ordnungsstrafmaßnahmen, Auflagen und Empfehlungen nötig waren. Eine von insgesamt sechs Forderungen bezog sich auf die Brandschutztüren, die knapp drei Jahre vor dem verheerenden Brand, in dessen Folge die Ermittler einen Gesamtschaden von rund 1,5 Millionen Ostmark beklagten, durch „unvorschriftsmäßige Lagerung des Getreides und technologische Maßnahmen“ offenbar nicht die ihnen übertragenen Funktionen erfüllten. Diese und weitere Defizite seien allerdings bis zum Tag des Unglücks schrittweise abgestellt worden. Dennoch klingt das im Untersuchungsbericht aufgeführte Fazit zum Brandschutz ernüchternd: „Es kann eingeschätzt werden, dass durch den Betrieb immer dann Reaktionen zu verzeichnen waren, wenn Auflagen und Empfehlungen erfolgten. Eine kontinuierliche Einbeziehung des Brandschutzes in die Führungs- und Leistungstätigkeit bestand nicht.“

Während die mutigen und zu allem entschlossenen Kameraden vom Kommando Feuerwehr mit ihren Schläuchen dem Brandherd näher rücken, treffen immer mehr Florianjünger am Unglücksspeicher ein. Es ist 1.19 Uhr, als ein Schlauchplatzer aufschrecken lässt. Für etwa eine Minute ist die Löschwasserzufuhr ins erste Obergeschoss unterbrochen. Derweil breitet sich das Feuer weiter aus, die Hitze im Speicher nimmt zu. 1.23 Uhr trifft eine Abordnungen der Freiwilligen Ortswehr mit ihrem Löschfahrzeug ein. Sie soll die Männer im ersten Obergeschoss beim Löschangriff unterstützen. Wie sich kurz darauf zeigen sollte, hatten diese Kameraden einen besonders wachsamen Schutzengel. Weil sich einer von ihnen den Knöchel verstauchte, kam dieser Trupp nicht zum Einsatz. Vielmehr sollte nun mit Hilfe von Steckleitern von außen die Flammenhölle eingedämmt werden. 1.26 Uhr fährt die Ortswehr Kubschütz vor und unterstützt dabei.

Während Vater Günter gemeinsam mit den zahlreichen anderen Kameraden versucht, in Bautzen einen Teil der Getreideernte, die 1977 aufgrund der vielen Regentage recht feucht ausfiel, zu retten, schlafen Tino Irmsch und seine Mutter daheim tief und fest. Auch als der Junge am Mittwochmorgen zur Schule fährt, ahnt er nicht, welches Schicksal seinem Papa in der zurückliegenden Nacht widerfahren ist.

Die Uhr rückt auf 1.31 Uhr. Mit einem Mal und völlig unverhofft kommt es zu einer starken Verpuffung im Speicher. Der Einsatzleiter will seine Kräfte aus dem nach wie vor brennenden Gebäude zurückziehen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Mehrere Wände des südlichen Teils des Massivbaus stürzen ein. Die Kubschützer Kameraden müssen sich in Sicherheit bringen, um nicht von herabstürzenden Trümmern getroffen zu werden. Nur vier Minuten später fehlt von vier Kameraden des Kommandos Feuerwehr zunächst jede Spur.

Der Unterricht ist aus, Tino Irmsch freut sich bereits auf den Nachmittag mit seinen Eltern. Zu diesem Zeitpunkt wäre die Schicht seines Vaters bereits beendet, denkt sich der 15-Jährige. Als er die Wohnung betritt, schallt ihm anstatt eines Lachens seiner Mutter ein Schluchzen entgegen. Die Familie war mittlerweile über das Feuerdrama von Bautzen in Kenntnis gesetzt worden. Von Vater Günter fehlte jedoch weiterhin jedes Lebenszeichen.

Derweil hatten die Rettungskräfte drei ihrer vier vermissten Kameraden in den Trümmern gefunden. Während das Gebäude in sich zusammenfiel, gab es keine Chance zu entkommen. Gegen 18.50 Uhr bestand auch im Fall von Günter Irmsch traurige Gewissheit, als er nur noch tot geborgen werden konnte.

Ich werde deinen Weg und deine Arbeit fortführen, versprach Tino Irmsch am Grab seinem Vater. Vier Jahre später begann er seine Laufbahn in den Reihen der Bautzener Feuerwehr, um das gute Ansehen, das sich sein Papa dort erarbeitet hatte, aufrechtzuerhalten. Das war auch die Motivation für Tino Irmsch, in Magdeburg den Beruf des Brandschutzingenieurs zu studieren. Was du gelernt hast, musst du zu Ende bringen – diese Worte beherzigt der 56-Jährige bis heute. Mittlerweile verrichtet er seine Dienste für die Dresdener Feuerwehrprofis. Im Sommer 2022 verabschiedet sich der Einsatzleiter nach 41 Dienstjahren in den Ruhestand mit der Gewissheit, im Sinne seines Vaters gearbeitet zu haben. 

Unterdessen soll sich der einstige Getreidespeicher schrittweise in ein modernes Lager- und Werkstattgebäude verwandeln. Neben dem Theater werden in dem Bauwerk auch die Oberlausitz Kliniken, das Sorbische Museum und das Landratsamt selbst Räumlichkeiten beziehen, so der Plan. Doch derzeit ruhen die Arbeiten, wie ein Sprecher der Kreisverwaltung dem Oberlausitzer Kurier auf Anfrage mitteilte. Voraussichtlich im Frühsommer wird sich der Kreistag erneut mit der Baumaßnahme beschäftigen müssen. 

„Das bisherige Mandat reicht nicht aus. Deshalb werden die Kreisräte noch einmal im Juni das Thema auf der Tagesordnung vorfinden.“ Wann genau das Gebäude bezugsfertig ist, ließ er offen. Rund 1,4 Millionen Euro hatte der Landkreis vor zwei Jahren für den Erwerb des 8.000 Quadratmeter großen Anwesens auf den Tisch gelegt. Seitdem investiert die Kreisverwaltung einen weiteren sechsstelligen Betrag in den Umbau des Gebäudes, der, wie sich mittlerweile herausstellte, nicht auslangt. 

Wenn die Arbeiten jedoch erst eimmal abgeschlossen sind, wartet nicht nur auf Theaterintendant Lutz Hillmann eine logistische Herausforderung. „In den Theaterwerkstätten an der Wilthener Straße, in denen wir seit vielen Jahren arbeiten, hatten wir ideale Bedingungen. Ein Umzug bedeutet einen ziemlichen Umbruch. Malsaal, Tischlerei, Schlosserei und die Dekorationsabteilung sowie der Möbelfundus ziehen in das neue Gebäude. Dafür werden alle Maschinen und die komplette Ausstattung ein- und wieder ausgepackt. Das werden wir bei laufendem Vorstellungsbetrieb bewerkstelligen müssen. Die Werkstätten sind ja in die Produktionsabläufe eingebunden.“ Nichtsdestotrotz freuen er und seine Mannschaft sich schon auf das künftige Domizil. „Die Bedingungen dort sind ähnlich gut. Selbst die Konditionen sind geblieben, allerdings ist der Landkreis fortan unser Vermieter.“ Was den Umzugstermin anbelangt, weiß Lutz Hillmann ebenfalls nichts Konkretes. „Das Ganze hat sich mehrere Male aus unterschiedlichen Gründen verzögert. Wir warten einfach ab.“

Feuerwehrmann Tino Irmsch hingegen zeigt sich dankbar dafür, dass er nach der politischen Wende Einsicht in die Untersuchungsunterlagen erhielt. Letztendlich half ihm dies dabei, mit der Situation besser klar zu kommen. Ob er sich von dem umgebauten Getreidespeicher, also dem Ort, wo einst vier Menschen ihr Leben ließen, jemals einen persönlichen Eindruck verschaffen wird, dazu äußerte er sich nicht.

Roland Kaiser / 07.04.2018

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