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Die Räder müssen ineinander greifen

Die Räder müssen ineinander greifen

Andrea Friederike Behr ist seit Februar Geschäftsführerin der Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH. Die gebürtige Görlitzerin ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und möchte hier einiges bewegen. Foto: fum

Seit Anfang Februar ist Andrea Friederike Behr Geschäftsführerin der kommunalen Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH (EGZ) und damit verantwortlich für Wirtschaftsentwicklung, Stadtmarketing und Tourismus in der Neißestadt. Im Gespräch mit Redakteur Frank-Uwe Michel erklärt sie nun erstmals öffentlich, welche Schwerpunkte sie in ihrer Arbeit setzt.

Ihre berufliche Vita liest sich beeindruckend: verantwortlich für das Marketing während der Fußball-WM in Leipzig, Betreuung von EU-Projekten zur Existenzgründung und Marketingchefin bei Veolia Deutschland.

Was macht Görlitz so spannend, dass Sie sich für diese Aufgabe interessiert und sie nun auch in Angriff genommen haben?

Andrea Friederike Behr: Spannend ist das richtige Wort. Die neue Aufgabe ist wie gemacht für mich. Das resultiert aus meinem bisherigen Berufsleben und der Tatsache, dass ich ein aktiver, aber auch sehr heimatverbundener Mensch bin. Nach meinem Studium war ich viele Jahre in der Ferne – in Deutschland, aber auch im Ausland habe ich in vielen verantwortlichen Positionen gearbeitet und mir dadurch umfangreiche Netzwerke geschaffen.

Man muss aber auch Prioritäten setzen. Und die aktuellen für mich sind: Ich habe eine Familie mit zwei kleinen Kindern, mein Mann stammt aus Dresden, Görlitz ist mein Geburtsort, Sachsen unsere Heimat. 2013 habe ich schon einmal mit dem Job bei der EGZ geliebäugelt, aber damals waren meine Kinder wirklich noch zu klein. Jetzt passt alles und ich bin froh, für diese tolle Stadt arbeiten zu dürfen. Görlitz ist etwas ganz Spezielles.
Die Aufgabe, die ich hier übernommen habe, ist herausfordernd und birgt mit dem Tourismus und der Wirtschaftsförderung eine spannende Vielfalt, die man anderswo nicht so schnell geboten bekommt. Natürlich arbeite ich auch weiterhin gern mit der Welt zusammen, aber jetzt sind es mit Polen und Tschechien eben hauptsächlich zwei Länder, die ganz in unserer Nähe liegen.

Ich möchte aber noch einen anderen Grund nennen, warum mich diese Arbeit hier fasziniert: Es ist die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen. Und die gefühlte Langsamkeit, mit der hier das Leben vonstatten geht – ganz anders als die Hektik der Großstädte.

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In einem ersten Statement im Herbst 2016 sprachen Sie davon, die EGZ als Vermittlerin zwischen Bürgern, Investoren, Touristikern und der Stadtverwaltung entwickeln zu wollen. Wie soll das geschehen?

Andrea Friederike Behr: Ich möchte so viele Informationen wie möglich aufsaugen, zuhören, mir die unterschiedlichen hier zu beachtenden Interessen erläutern lassen, um dann alles strategisch verarbeiten zu können. Ich denke, dass ich eine gute Netzwerkerin bin und mir jetzt Vieles, was ich mir über die Jahre hinweg an Kontakten aufgebaut habe, zugute kommen kann. Ich möchte alle Ebenen zusammenbringen – die politische, wirtschaftliche, natürlich auch die menschliche.

Was lässt sich Ihrer Meinung nach aus Ihrer beruflichen Vergangenheit in die Gegenwart bei der EGZ übertragen?

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Andrea Friederike Behr: Ich war schon in den verschiedensten Funktionen in allen möglichen Branchen und Bereichen aktiv. Deshalb kann ich mich gut in die verschiedenen Interessengruppen hinein versetzen. Ich denke, das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um in der Wirtschaft und im Tourismus etwas zu bewegen.

Sie sind als EGZ-Geschäftsführerin auch zuständig für die Ansiedlung weiterer Unternehmen in der Neißestadt. Bestehen aus Ihrer Sicht dafür bereits geeignete Rahmenbedingungen? Was muss möglicherweise verbessert werden, um Investoren von Görlitz zu überzeugen?

Andrea Friederike Behr: Grundsätzlich sind die Rahmenbedingungen in Görlitz gut. Wir haben konkurrenzfähige Grundstückspreise und sind Höchstfördergebiet. Bei Genehmigungsverfahren arbeitet die Stadt äußerst eng mit den Investoren zusammen. Und Görlitz verfügt natürlich auch über eine außergewöhnliche Lebensqualität, die notwendig ist, um Fachkräfte dazu zu bewegen, hier zu bleiben. Wir als EGZ sind die Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Verwaltung.

Kodersdorf aber greift dank seiner großen Gewerbegebiete zurzeit fast alle Millioneninvestitionen ab, die in der Region gemacht werden. Was fehlt Görlitz, um bei diesem Klientel mithalten zu können?

Andrea Friederike Behr: Natürlich gibt es auch Dinge, die verbessert werden müssen. Es fehlt uns zum Beispiel an der Flächenkapazität, um größere Investoren nach Görlitz holen zu können. Im Moment haben wir etliche Anfragen nach Lagerhallen, die wir aber leider nicht bedienen können. Die Elektrifizierung der Bahnanbindung ist ein Punkt, den wir zwar nicht direkt beeinflussen, aber immer wieder ansprechen können. Und es fehlt noch an der Kommunikation nach außen. Im Tourismus hat sich Görlitz schon als gute Adresse einen Namen gemacht, das muss uns auch in der Wirtschaft gelingen. Wenn wir zukunftsfähig sein wollen, müssen wir neue Ansiedlungsflächen schaffen.

Bei Ihrem Eingangsstatement im vergangenen Jahr haben Sie außerdem gesagt, dass Sie mithelfen wollen, Görlitz als lebenswerte Stadt der Zukunft fit zu machen und sie nachhaltig gut aufzustellen. Was zählt für Sie dazu, um in dieser Richtung erfolgreich zu sein?

Andrea Friederike Behr: Dabei geht es darum, langfristig zu denken. Was macht die Stadt der Zukunft aus, wie wird sie aussehen? Wir müssen es schaffen, vom Strukturwandel in der Lausitz zu profitieren. Ich nenne nur das Stichwort Digitalisierung. Man kann sich für bestimmte Dinge als Modellstadt zur Verfügung stellen – damit ist gewährleistet, dass man immer vorne mitmischt. Darüber gilt es nachzudenken. Außerdem möchte ich die Zusammenarbeit mit der Hochschule intensivieren. Ich bin der Meinung: Da geht noch einiges!

Welche Bedeutung hat für Sie der in Görlitz schon sehr erfolgreiche Tourismus, was möchten Sie dort anschieben? Kritiker betonten in der Vergangenheit oft, dass die historische Architektur der Stadt nicht für einen mehrtägigen Aufenthalt reiche, dass Freizeitangebote fehlen würden. Sehen Sie das auch so und wie kann man hier Abhilfe schaffen?

Andrea Friederike Behr: Es stimmt: Im Tourismus sind wir schon sehr gut dabei. In Zukunft möchten wir außer den schon vorhandenen noch andere Zielgruppen begeistern, die möglichst ein paar Tage länger bleiben. Ein entscheidender Faktor ist hier der Berzdorfer See. Er könnte gerade für Familien der Ausgangspunkt sein, um in die Region auszuschwärmen – mit Görlitz als dem eigentlichen Urlaubsort. Wir arbeiten aber auch an einem Konzept, in dem das Thema Film verstärkt aufgegriffen wird. Sicher, das einzigartige Stadtbild ist unsere Basis. Wir müssen aber neue Themen finden, die das flankierend unterstützen – zum Beispiel Jakob Böhme, die Synagoge, der Christkindelmarkt. Das Fehlen von Attraktionen sehe ich in Görlitz nicht. Hierbei geht es vielmehr um eine stärkere Vernetzung der Region. Kulturinsel Einsiedel, Naturpark Zittauer Gebirge – das sind Dinge, die von Touristen gern „erobert“ werden. Mir geht es auch darum, das Thema Oberlausitz nach außen zu tragen. Es ist doch so: Jeder kennt den Spreewald und will mindestens einmal in seinem Leben dort gewesen sein. Wenn wir das gleiche von der Oberlausitz behaupten können, sind wir nah am Ziel. Sie sehen: es gibt Potenzial, und es ist ausbaufähig.

Sie sprachen den Berzdorfer See bereits an. In Ihren Augen ist er also der Motor für die Entwicklung der Stadt. Braucht es dazu eine Umbenennung in Görlitzer See oder ist dies auch als Berzdorfer See zu leisten?

Andrea Friederike Behr: Ja, für mich nimmt der See eine ganz entscheidende Rolle ein – nicht nur für Touristen, sondern auch für die Einheimischen. Mit ihm werden neue Arbeitsplätze entstehen und er sorgt für eine höhere Lebensqualität in der Stadt. Ob das auch mit dem Namen „Berzdorf“ zu leisten ist? Ich möchte dieses Thema bei allen Beteiligten hinterfragen und dann herausarbeiten, welcher Name für die Weiterentwicklung der Region am meisten Vorteile bringt.

In Zittau hat der dortige Oberbürgermeister erst kürzlich wieder die Einrichtung einer grenzüberschreitenden Sonderwirtschaftszone ins Gespräch gebracht. Wäre das für Sie ein Ziel, für das sich Görlitz und speziell die EGZ unter Ihrer Leitung einsetzen sollte?

Andrea Friederike Behr: Eine deutsch-polnische Sonderwirtschaftszone kann es nach den aktuellen EU-Richtlinien gar nicht geben. Ich denke vielmehr, man sollte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit intensivieren, die Rahmenbedingungen für diese spezielle Lage an der Grenze zweier EU-Staaten verbessern und andere Fördermittel generieren. Ich weiß, dass die Politik Sonderförderungen für grenzüberschreitende Projekte bereits im Auge hat. Politische Prozesse anstoßen und begleiten, Bekanntheitsgrad steigern, Netzwerke einsetzen – die Räder müssen ineinander greifen. Klein anfangen und groß werden, das sollte unser Ziel sein.

Frank-Uwe Michel / 28.03.2017

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