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Sicherheitslage bedroht Existenzen

Sicherheitslage bedroht Existenzen

Viele Handwerksbetriebe im Landkreis Görlitz mussten in den vergangenen Jahren bereits Einbrüche verkraften. Entsprechend kritisch wird die Sicherheitslage entlang der Neiße gesehen. Foto: Archiv/Christof Rieken

Landkreis Görlitz. Die aktuelle Sicherheitslage im Landkreis Görlitz ist aus Sicht des Handwerks keinesfalls zufriedenstellend. Und in manchen Fällen sogar existenzbedrohend. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage, die im Auftrag der Handwerkskammer Dresden, der Polizeidirektion Görlitz, des Landkreises und der in Rothenburg ansässigen Hochschule der sächsischen Polizei durchgeführt wurde.

Der Polizeiticker vermeldet es fast täglich: Einbrüche in Unternehmen entlang der Neiße sind keine Seltenheit. Es gibt Firmen, in denen sich Langfinger im Laufe der vergangenen Jahre schon mehrfach bedienten. Mancher Geschäftsführer hat sich deshalb bereits die Frage gestellt: Aufhören oder weitermachen? Wie die Stimmung in den Handwerksbetrieben zwischen Zittau und Bad Muskau ist, hat jetzt eine wissenschaftlich begleitete Umfrage herausgefunden. Dafür wurden im April 2016 sämtliche 3.500 im Landkreis Görlitz existierenden Handwerksbetriebe angeschrieben und gebeten, 29 Fragen zur Sicherheitslage im grenznahen Raum zu beantworten. Zwar gab es lediglich 783 Rückläufer, doch die daraus resultierende Quote von 22 Prozent ist nach Aussage von Prof. Anton Sterbling, der die wissenschaftliche Verantwortung für die Umfrage trug, immer noch repräsentativ.

In der Auswertung der eingegangenen Fragebögen wird eins deutlich: Das Handwerk im Landkreis beurteilt die Sicherheitslage und deren Entwicklung äußerst kritisch. Besonders beunruhigt sind die Firmenchefs von der Vielzahl an Einbrüchen und Diebstählen. Mehr als ein Fünftel der Betriebe wurde im vergangenen Jahr von Einbrechern heimgesucht, fast zwei Drittel innerhalb der letzten fünf Jahre. Unter den betroffenen Firmen waren satte 22 Prozent, die mehr als viermal Opfer von Kriminellen waren. Die Bewertung der Polizeiarbeit vor Ort fällt dementsprechend ungünstig aus. Die Schadenssumme wird von den Handwerksbetrieben 2015 insgesamt auf knapp eine Million Euro beziffert, in den vergangenen fünf Jahren waren durch Einbrüche und Diebstähle bedingte Verluste von knapp fünf Millionen zu beklagen.

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Allerdings besteht in den meisten Unternehmen noch Nachholebedarf, was den eigenen Beitrag zur Verbesserung der Sicherheitslage betrifft. Lediglich 33 Prozent der Betriebe haben von sich aus in erhöhte Sicherheit investiert, 42 Prozent gaben Geld für Gegenmaßnahmen aus, nachdem sie es mit Einbrechern zu tun hatten. Vor allem für jene Firmen sind die Attacken der Ganoven existenzbedrohend, die über keinen Versicherungsschutz verfügen – im Landkreis sind das immerhin 22 Prozent aller Handwerksbetriebe. Reichlich die Hälfte davon gab an, Versicherungen seien ihnen zu teuer.

Im Ergebnis der Befragung wünschen sich 28 Prozent der Handwerksbetriebe eine verstärkte Polizeiarbeit im Landkreis Görlitz. Allerdings kritisiert Polizeipräsident Conny Stiehl, Leiter der hiesigen Polizeidirektion, das seiner Meinung nach zu geringe Interesse an polizeilichen Präventionsangeboten. Weniger als ein Drittel der Firmen wüssten überhaupt etwas damit anzufangen, obwohl seine Behörde diesbezüglich einen großen Aufwand treibe. Mit 518 sei die Anzahl der Einbrüche in Unternehmen im vergangenen Jahr leicht rückläufig gewesen. Als gefährdete Gebiete hätten sich die Städte Görlitz und Zittau mit jeweils 123 Fällen heraus kristallisiert. Mit weitem Abstand folgen Löbau (35), Ostritz (27) und Niesky (21). „Unser Präventionsmobil bieten wir oft wie Sauerbier an. Aber es liegt an uns allen, mehr für die Sicherheit zu tun“, so Stiehl, der die Aufklärungsquote von rund 33 Prozent hervorhebt – ein über dem sächsischen Durchschnitt liegender Wert.

Auch für Landrat Bernd Lange ist die Verbesserung der Sicherheitslage entlang der Neiße eine Gemeinschaftsaufgabe. Ihm dauert die politische Diskussion über erweiterte Einsatzmöglichkeiten der Polizei zu lange. „Die Beamten brauchen das Handwerkszeug, um die Täter zu fassen.“ Gleichzeitig müsse die Justiz besser in die Lage versetzt werden, auch bei so genannten Bagatelldelikten aktiv tätig zu werden. Für den sicherheitspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, den Görlitzer Abgeordneten Octavian Ursu, führt kein Weg am Einsatz von Überwachungstechnik an bestimmten gefährdeten Punkten vorbei. „Die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen dafür fehlen noch. Aber wir tun gut daran, sie schnellstens auf den Weg zu bringen.“

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Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, sieht durchaus auch den Staat gefordert: „Eine investive Förderung in die Sicherheitsausstattung würde vielen Firmen enorm helfen.“
Landrat Lange sieht den Kampf gegen die Eigentumskriminalität als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich weder Kommunen noch Privatpersonen verschließen dürften. „Wir werden die Planungsgrundlagen im Kreis so überarbeiten müssen, dass es bei Neubauten keine dunklen Ecken mehr gibt. Das betrifft auch Plätze in Wohngebieten, auf Eigenheimgrundstücken, jeden Einzelnen.“

Frank-Uwe Michel / 13.11.2016

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