18.02.2012
PULSNITZ
Blaudruckerei darf in Pulsnitz nicht sterben
KATRIN KUNIPATZ

Blaudrucker Alfred Thieme stempelt mit einem Model Muster auf weißen Stoff. Dieser wird anschließend blau gefärbt. Ist der "Papp" herausgewaschen, bleibt das weiße Motiv zurück. | Katrin Kunipatz

Pulsnitz ist die Stadt der Pfefferküchler, des Töpferhandwerks und des Blaudrucks. Doch den letzten Blaudrucker Alfred Thieme plagen Nachwuchssorgen. Die Pfefferkuchenstadt wirbt für sich selbstverständlich mit der weihnachtlichen Köstlichkeit. Benannt werden aber auf der Homepage der Stadt auch die Töpferkunst und der Blaudruck, die jahrhundertelang in Pulsnitz verwurzelt sind. Damit könnte bald Schluss sein.

Info
• Seit 1739 ist die Blaudruckwerkstatt in Pulsnitz in den Wanderbüchern der Blaudruckergesellen nachweisbar. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs bestand die Werkstatt in der Bachstraße.
• Kriegsflüchtling Gerhard Stein aus Schlesien belebte 1946 die Tradition neu. Er stammte aus einer Blaudruckerfamilie, die seit 1633 das Handwerk in Steinau a. d. Oder betrieb.
• Nach dem Tod von Gerhard Stein wurde die Blaudruckerei als städtische Einrichtung weitergeführt. 1985 übernahm Alfred Thieme die Leitung des Betriebes. 1993 übernahm er die Werkstatt privat.

Blaudrucker Alfred Thieme will nämlich mit 69 Jahren in den Ruhestand gehen. Soweit ist es Ende 2013. "Es heißt nicht, dass ich dann die Tür zuschließe", versichert er. Sein Wissen wolle er gern weitergeben, aber eben nicht mehr jeden Tag in dem kleinen Laden und der Werkstatt in der Bachstraße 7 stehen. Hier arbeitet er seit 1985. Damals kam der gelernte Weber und Diplom-Ingenieur als Quereinsteiger in die Blaudruckerei, die bis 1993 eine städtische Einrichtung war. Bis zu sieben Beschäftigte arbeiteten in den 80er Jahren in der Blaudruckwerkstatt.  Heute ist es ein Einmannbetrieb. Alfred Thieme bekommt jedoch Unterstützung von seiner Lebensgefährtin.
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Wie viele Handwerkskünste verlangt die Blaudruckerei Kraft und Fingerspitzengefühl. Auf helle Baumwollstoffe stempelt Thieme mit Modeln die Muster. Der sogenannte Papp ist eine Mischung aus verschiedenen Chemikalien und Kaolin. Akkurat werden die Muster aufgebaut. Für eine große Tischdecke drückt Alfred Thieme verschiedene Model unzählige Mal auf den Stoff. Zwei bis drei Stunden dauert es, um eine große Decke zu bedrucken. Ist der Papp trocken, kann das Färben mit Indigo beginnen.

Für zwanzig Minuten tauchen die Stoffbahnen in die großen zweieinhalb Meter tiefen Bottiche. Etwa achtmal wiederholt sich dieser Vorgang, bis der Stoff tiefdunkelblau ist. Erst jetzt wird der Papp wieder entfernt und es zeigen sich die typischen weißen Motive auf dem blauen Untergrund. Der Blaudruck wird deshalb auch als Reservierungstechnik bezeichnet. "Leider ist Blaudruck kein geschütztes Verfahren", erklärt Alfred Thieme. Er weiß aber auch, dass gerade Liebhaber echten Blaudruck erkennen und schätzen.

Der Pulsnitzer Blaudrucker hat in den über zwanzig Jahren im Beruf viele Erfahrungen gesammelt. Denn die Blaudruckerei ist aufwendig und risikobehaftet. So muss der Papp die richtige Konsistenz haben, um während des Färbens sicher auf dem Stoff haften zu bleiben. Beim Färben kommt es auf die richtige Temperatur in den Küpen und die vorsichtige Behandlung der Stoffe an. Den Erfolg aller Bemühungen kann Alfred Thieme begutachten, wenn die gefärbten Stoffstücke auf den Wäscheleinen im Hof trocknen.

Dies ist etwa alle vier Wochen der Fall. "Die Nachfrage ist seit einigen Jahren auf niedrigem Niveau stabil", berichtet der Blaudrucker. Obwohl Kunden aus Frankreich und der Schweiz nach Pulsnitz reisen, gesteht er, dass man allein von dieser Arbeit nicht leben kann. "Ideal wäre es, wenn ein Liebhaber die Tradition weiterführen würde, dessen Partner über ein gesichertes Einkommen verfügt", so Thieme.

Der Stadtverwaltung Pulsnitz sind die Nachwuchssorgen des Blaudruckers und anderer Kulturstätten in Pulsnitz bekannt. Deshalb wurde im vergangenen Jahr eine Kulturstättenkonzeption angeschoben. Gemeinsam mit der STEG Stadtentwicklung GmbH aus Dresden sollen Lösungen für den Erhalt der Kulturstätten, eine gemeinsame Werbung und die Erreichbarkeit der Angebote erarbeitet werden.

Wie Bürgermeister Peter Graff erklärt, liegt das Konzept vor und soll im März im Beisein des Stadtrates und der verschiedenen Akteure vorgestellt werden. Vorab wolle er auf Details noch nicht eingehen. Blaudrucker Alfred Thieme hofft auf eine Zukunft der kleinen Werkstatt, durch die er gern Gäste führt. Er befürchtet, dass ohne eine echte Übergabe, die Tradition des Blaudrucks in Pulsnitz sterben würde.

Kommentare zu

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

Ja, Pulsnitz wäre wirklich um ein *Wahrzeichen*
ärmer, wenn die Tradition des Blaudrucks
in Pulsnitz sterben würde.

Und, wenn Alfred Thieme jetzt keinen geeigneten
Nachfolger findet, wird auch das aus Erfahrung
gewonnene Wissen nicht weiter
gegeben werden können.

Das würde auch einen späteren Neuanfang
erschweren bzw. unmöglich machen.

Ohne staatliche Unterstützung wird dieser
Handwerksbetrieb sterben. Was tun?

Ich habe einen Vorschlag. Doch hierzu
brauche ich eine Menge Unterstützung.

Ich habe sehr hohe Aussenstände. Wenn
ich entsprechende Leute finde, welche
mir beim Einzug der Schuldbeträge
helfen. Könnte ich im Nachgang
viele Jahre den Blaudruck
finanziell unterstützen.


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