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Unerhörtes kam über die Stadt Görlitz

Unerhörtes kam über die Stadt Görlitz

Kerstin Gosewisch lädt sonst meist zum Staunen & Entdecken im Barockhaus Neißstraße 30 ein. Doch nun geht es um den fundamentalen Wandel nach dem 1. Weltkrieg, der die alte Welt mit ihren tradierten Vorstellungen von Ästhetik infrage stellte. F: K.Kandzia

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In der Ausstellung ist auch der Holzschnitt Synagoge Görlitz von Willy Schmidt aus der Sammlung Walter Rhaue zu sehen. Foto: (c) Matthias Wehnert

Im Kaisertrutz ist eine neue Ausstellung des Kulturhistorischen eröffnet worden, die den Wandel der kaiserlichen Bürgerstadt in der ersten deutschen Republik anhand der Kunst nachzeichnet – aber auch nach Folgen fragt.

Görlitz. Bald nach Ende des Ersten Weltkriegs wandten sich Künstler in Görlitz dem Expressionismus zu und ließen bisherige Konventionen hinter sich. Impulse dafür kamen vom in der Provinzhauptstadt Breslau wirkenden Maler Otto Mueller oder über die preußische Grenze hinaus von der Dresdner Künstlervereinigung „Die Brücke“. Schnell wurde der Expressionismus zum Stadtgespräch, und Werke von Görlitzer Künstlern erlangten überregionale Bekanntheit.

Erstmals widmet sich das Kulturhistorische Museum dieser bedeutenden Epoche der Görlitzer Kunst- und Kulturgeschichte seit dem 2. Juni mit der Sonderausstellung „Unerhört“ im Kaisertrutz. Diese wird begleitet von einem vielfältigen Programm mit Kunstpausen, Führungen, kulturgeschichtlichen Spaziergängen und Vorträgen. Folgen wird auch eine Publikation zum Expressionismus in Görlitz.

Gezeigt werden mehr als 200 Werke, darunter Aquarelle, Grafiken, Kupferstiche, Holzschnitte, Fayencen und Bücher von Künstlern. Ergänzt werden sie durch Fotografien aus den 1920er Jahren, die Görlitzer dem Museum zur Verfügung gestellt haben.

Die Chronologie der Ausstellung setzt Ende des 19. Jahrhundert ein, als sich Görlitz städtebaulich und wirtschaftlich rasant entwickelte und parallel eine lebendige Kultur- und Kunstszene entstand. Der Rundgang führt bis in die Gegenwart. Zu den wichtigsten Protagonisten der expressionistischen Kunstszene in der Neißestadt gehörten Fritz Neumann-Hegenberg, Joseph Anton Schneiderfranken, Willy Schmidt, Johannes Wüsten, Dora Kolisch, Walter Deckwarth, Arno Henschel und Walter Rhaue. Im Görlitzer Literaturleben der 1920er Jahre kam Ludwig Kunz eine besondere Rolle zu. Er beförderte den literarischen Expressionismus und gab in loser Folge die Flugblätter „Die Lebenden“ mit kurzen Essays und Lyrik heraus.

Die Ausstellung zeigt, wie der Expressionismus seit den 1920er Jahren ins Museum kam, aber auch die Folgen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. In den Jahren der DDR ließen einzelne Künstler den Expressionismus nochmals aufleben. Einige trugen durch ihre Arbeit in Mal- und Zeichenzirkeln die Idee dieser Kunstrichtung sogar bis in die jüngste Zeit weiter. Der Niederschlesische Kurier befragte Kerstin Gosewisch vom Museum zu Inhalten und Intentionen.

Welche Idee liegt der Ausstellung zugrunde?

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Kerstin Gosewisch. Der Expressionismus hat in Görlitz eine ganz besondere Ausformung entwickelt. Wir haben ganz viele Einflüsse damals aus Dresden von der Künstlervereinigung „Die Brücke“ und von Otto Müller, der in Breslau als Maler aktiv war und viele unterrichtet hat, erhalten. Es sind dabei Strömungen entstanden, die später auch noch in die neue Sachlichkeit mündeten.

Den Expressionismus gab es bis zur Nazizeit und dann war es damit vorbei. Aber es gab 1945 auch noch einmal ein Aufleben. Es gab dann durchaus noch Künstler, die in dieser Weise fortgewirkt haben und dies hat sich bis in die 80er Jahre fortgesetzt. Dies wird man ebenfalls am Rande der Ausstellung betrachten können, doch unser Fokus steht auf den 1920er Jahren.

Waren es damals tatsächlich goldene Zeiten für Görlitz?

Kerstin Gosewisch: Um 1900 ist in Görlitz vieles gewachsen und entstanden. Die Stadt platzte aus ihren Nähten. Es war eine Phase, in der bauliche Erweiterungen vorgenommen worden sind. Die Stadt hat die typischen Grenzen der Altstadt verlassen und Geschäftsviertel, Geschäftsstraßen, Wohnviertel sind entstanden, auch riesige Stadtvillen. Den Menschen ging es gut. Und dann, hatten wir einen Punkt erreicht, wo andere eben diese „goldenen 20er Jahre“ hatten, die für Görlitz gar nicht so sehr zum Tragen kamen. Es gab Nöte und Schwierigkeiten. Und natürlich spielten später auch die Kriegsvorbereitungen mit hinein. Eben in diese kulturgeschichtliche Phase mussten wir uns einarbeiten.

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Wie ist es zum Titel „Unerhört!“ der Ausstellung gekommen?

Kerstin Gosewisch: „Unerhört!“ deshalb, weil wir bewusst sagen wollten, dass der Expressionismus einerseits etwas war, was auffiel, aber da wir es nicht nur auf Kunstwerke, auf bildende Kunst beschränken wollten, sondern darüber hinaus Literatur und Musik einfließen lassen möchten, ist es ein breites Bild von dem was damals hier entstanden ist.

Vorträge
Begleitend zur Ausstellung „Unerhört!“ wird Eleni Triada Ioannidou am Freitag, dem 15. Juni um 17.00 Uhr im Kaisertrutz am Platz des 17. Juni zum Thema „Die Zeit des Expressionismus in der Musik“ referieren. Der Vortrag findet in Kooperation mit der VHS Görlitz statt.

Komponisten der Zeit wollten sich von der Regeln der klassischen Ästhetik befreien und suchten über andere Ausdrucksmöglichkeiten eine neue musikalische Sprache. Von Gustav Mahler und Max Reger bis hin zu Arnold Schönberg und Igor Stravinsky erfahren Besucher mehr über die Zeit des Expressionismus in der Musik. Anmeldung erbeten unter Telefon 03581/67-1420 oder bei der VHS Görlitz.

Tags darauf wird am Sonnabend, dem 16. Juni, ebenfalls um 17.00 Uhr im Kaisertrutz eine Begleitveranstaltung stattfinden. Und da dann die Fußball-WM seit zwei Tagen läuft heißt es hier: „Unerhört! Kein Fußball“. Klaus-Dieter Hübel ist fachkundiger Begleiter durch die Sonderausstellung, er hat selbst Kunstwerke im Stil des Expressionismus geschaffen. Weitere Termine sind der 29. Juni, der 13. Juli und der 24. August, jeweils 17.00 Uhr.

Vier Kunstpausen „12 nach 12“ mit Kai Wenzel gibt es im Kaisertrutz am 4. Juli, 12.12 Uhr zu Fritz Neumann-Hegenberg: Die Peterskirche, am 11. Juli, 12.12 Uhr zu Willy Schmidt: Der Kuss, am 18. Juli, 12.12 Uhr zu Johannes Wüsten: Die Geburt Christi sowie am 25. Juli, 12:12 Uhr zu Titelgrafiken der Flugblätter „Die Lebenden“.

TSK / 12.06.2018

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