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Von Neukirch aus nach Afrika, Amerika und in die Karibik

Von Neukirch aus nach Afrika, Amerika und in die Karibik

Pfarrer Jörg Briesovsky, Dr. Elisabeth Rieger und Jens Riedel (v.l.n.r.) präsentieren eine zeitgenössische Abbildung eines Schiffes, wie es auch den „Neukircher Herrnhutern“ für ihre Überfahrten diente.

Zu den Missionaren der Herrnhuter Brüdergemeine in Afrika, Amerika und der Karibik zählten viele Neukircher. Ein Buchprojekt zum Lutherjahr macht auf ihre Schicksale aufmerksam.

Neukirch/Lausitz. Anna Elisabeth Lehmann war eine gottesfürchtige Frau. Am 8. Februar 1778 heiratete sie in Herrnhut Christian David Rudolph, und einen Monat später begannen beide eine lange und entbehrungsreiche Reise. 27 Jahre lebten Anna und Christian in Grönland, um den dort beheimateten Inuit Gottes Wort nahe zu bringen. Den „Höhepunkt“ ihrer Reise erlebten sie allerdings erst, als es zurück gen Heimat gehen sollte: „Der Sturm tobte immer heftiger: Ein Boot wurde losgerißen, ein Theil vom Schiffsvolk sprang in das andere, das erstere zu ereilen, welches ihnen zwar gelang, aber ihnen doch den Tod brachte, indem das Eis die Boote zertrümmerte … Die Andern mussten dis von der Klippe mit ansehn: ihre Angst stieg um so mehr, da sie nun kein Rettungsmittel mehr hatten, und die Hoffnung, je wieder von da weg und an Land zu kommen, verschwand“ (Rechtschreibung original ohne Änderungen).

Zehn Tage mussten Anna und Christian gemeinsam mit den anderen Schiffbrüchigen auf einer Felsklippe vor der Eisinsel ausharren. Schließlich waren es Einheimische mit einem so genannten „Weiberboot“, die sie retteten. Einer speziellen Tradition der Brüdergemeine ist es zu verdanken, dass die Kenntnis über ihre Schicksale – ebenso wie die vieler anderer „Herrnhuter“ – bis heute erhalten blieb: „Innerhalb der religiösen Gemeinschaft war es üblich, dass bei der Beerdigungsfeier im Kirchsaal ein Lebenslauf verlesen wird“, erklärt Rüdiger Kröger, der bis zum Januar 2016 das Amt des Unitätsarchivars in Herrnhut verrichtete. Er hat ein Vorwort zu dem von der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Neukirch/Lausitz und dem Kulturverein Neukircher Heimat e.V. geplanten Buchprojekt „Neukircher Lebensläufe – Ein Leben für die Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert“ verfasst. „Diese Lebensläufe beruhten auf autobiographischen Aufzeichnungen der Verstorbenen, die kurz vor deren Tod noch von Angehörigen oder Vertrauten ergänzt wurden“, so der frühere Archivar. Nicht weniger als 30 000 Lebensläufe wurden auf diese Weise übermittelt.

Ein Schatz, den es freilich erst einmal zu heben gilt. Die Steinigtwolmsdorferin Dr. Elisabeth Rieger hat sich dieser Aufgabe in Bezug auf die „Neukircher Herrnhuter“ angenommen und dazu umfangreiche Forschungen im Unitätsarchiv durchgeführt. 160 Biographien bearbeitete sie für das Buchprojekt und gewann so auch wertvolle Erkenntnisse über Neukirch als „starken Außenposten der Herrnhuter“, wie es der Neukircher Pfarrer Jörg Briesovsky formuliert. Dass die Gemeinde am Fuße des Valtenberges diese Rolle spielen konnte, verdankte sie vor allem dem von 1754 bis 1794 hier wirkenden Pfarrer Carl Rudolph Reichel sowie dem Standesherrn Georg Ludwig Erasmus Freiherr von Huldenberg, der sich nach persönlichen Schicksalsschlägen vom erbitterten Gegner zum Förderer der Herrnhuter wandelte. „Dabei kann man Neukirch nicht mit festen Niederlassungen, wie Niesky oder Kleinwelka, vergleichen“, erklärt Elisabeth Rieger. Doch dürfe die Rolle der Oberlandgemeinde auch nicht unterschätzt werden. Das Buch, dessen Erscheinen für den 1. Advent geplant ist, soll diesen bislang noch recht unbekannte Aspekt der Regionalgeschichte nunmehr intensiv beleuchten. „Die Auflage wird circa 500 Stück betragen, Vorbestellungen sind bereits im Pfarramt unter (035951) 31456 möglich“, so Pfarrer Jörg Briesovsky, der in dem Projekt „den Neukircher Beitrag zum Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017“ sieht.

Uwe Menschner / 27.03.2017

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