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Weniger als ein Drittel Brandbekämpfung

Weniger als ein Drittel Brandbekämpfung

Eigentlich gehen Notrufe in Hoyerswerda ein. Doch in Hochphasen wie beim Sturm Friederike kann sich auch Niesky wieder zuschalten. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Keine Tigerkäfige – in einem Übungsraum müssen die Kollegen in voller Montur durch ein Gewirr übereinander gestapelter Käfige krabbeln können. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Sturm Friederike hatte Anfang des Jahres in der Niederschlesischen Oberlausitz zu erheblichen Schäden geführt. Doch wie umfangreich sind eigentlich die Einsätze der Feuerwehr außerhalb der klassischen Brandbekämpfung geworden?

Niesky. Stadtwehrleiter Steffen Block muss zunächst im Gespräch mit dem Niederschlesischen Kurier einen Zahn ziehen: Das Thema Friederike habe sich im Grunde nur auf drei Einsatztage erstreckt. Den 18. Januar und die beiden darauffolgenden Tage. „Wir sind eben im klassischen Sinne diejenigen, die kommen, wenn eine akute Gefährdungslage eintritt, nicht jedoch mit der längerfristigen Abarbeitung der Widrigkeiten beschäftigt“, betont er. Wenn die Straßen erst einmal frei sind, geht für die Forstämter die Arbeit richtig los. Die drei Tage im Januar haben den Kollegen der Wehren dennoch natürlich einiges abgefordert. Steffen Block schließt die Einsatzzentrale im Feuerwehrhaus an der Konrad-Wachsmann-Straße 1 auf – das breite Einsatzpult muss wie so viele Gerätschaften im Hause stets startklar sein und liegt dennoch meist brach.

Denn eigentlich gehen die Notrufe ja in der Integrierten Regionalleitstelle Hoyerswerda ein. Die Landkreise Bautzen und Görlitz haben diese eingerichtet, um den Rettungsdienst, die Feuerwehreinsätze und die Krankentransporte für die Landkreise komplett zu disponieren. Doch an einem Tag wie dem 18. Januar gerät auch Hoyerswerda an seine Kapazitätsgrenze und eine Vielzahl an Einsätzen muss im Handumdrehen nun ortsnah bearbeitet werden. „Wir haben mit der Einsatzzentrale Niesky seinerzeit 35 Einsätze abgearbeitet. Allein am 18. Januar sind unsere Kameraden zu 16 Einsätzen quasi aus dem Stand aufgebrochen“, erklärt Steffen Block. Richtig zu tun gab es in Waldhufen, auf der B 115, der S 121 sowie auf städtischen Straßen. Neben der Fahrbahnräumung ging es auch um die Absicherung von Häusern. Die Nachbarn des Stadtwehrleiters kennen das. Ihr Nachbar rennt mit einigen Utensilien unter dem Arm und in Hauspantoffeln zu seinem Wagen, um schnell die Wehren im gesamten Stadtgebiet zu koordinieren oder auch selbst zu einem Einsatz auszurücken.

Als Stadtwehrleiter von insgesamt 101 Einsatzkräften aus Niesky einschließlich der Wehren in den Ortsteilen See, Stannewisch, Kosel und Ödernitz schätzt Steffen Block, dass heute nur etwa 30% der Einsätze der Brandbekämpfung gelten. „Wasserschäden, Unfälle und Sturmschäden? Ja, die sind schon mehr geworden“ meint er. Früher habe es mehr Waldbrände gegeben. Er grübelt und erinnert sich, dass zwischen 1993 und 1995 Feuerherde öfter Lagerfeuerstellen von Roma gewesen seien, die aus Osteuropa in den Westen zogen. Dies sei nach Öffnung der Grenzen jedoch auch nur eine im Nachhinein kurzzeitige Welle gewesen. Die frühen Nachwendejahre stehen jedoch auch für eine zweite Auffälligkeit.

„Damals hatten wir mehr Einsätze zu Autounfällen – ich denke, viele Menschen haben damals ihren neuen Wagen einfach mal ausgetestet“. Das heiße jedoch keineswegs, dass die Einsätze heute weniger belastend seien. Im Grunde sei das Gegenteil der Fall, denn bei insgesamt weniger Verkehrsunfällen hat deren Schwere zugenommen. Elektronisch aufgerüstete Fahrzeuge ermöglichen vermutlich insgesamt mehr Sicherheit, doch wenn es dennoch zum Unfall kommt sind die Folgen oft dramatischer. Die Nähe zur Autobahn tut in Niesky und Umgebung natürlich ihr Übriges.

Verkehrsunfälle mit eingequetschten Opfern stellen somit nicht allein vom technischen Einsatz die größten Anforderungen an die Feuerwehrleute, sondern eben auch psychisch. Und nicht immer ist ein Mensch in der Lage, sich dieser Verantwortung zu stellen. „Man muss nicht an vorderster Front stehen, wenn man sagt: ‚Ich bin heute nicht bereit dazu’“, stellt Steffen Block fest, der hier eben auch eine seelische Verantwortung trägt.
Doch wie mit der Nieskyer Einsatzzentrale auch, am Tage des Besuchs vom Niederschlesischen Kurier, ist Gott sei Dank auch sonst alles ruhig. Steffen Block ist wie so oft in dem riesigen Gebäude mit Gerätewart Thomas Hantschke allein. Während Steffen Block an seinem Schreibtisch dem auch immer umfassender werdenden Papierkrieg zu bewältigen hat, ist Thomas Hantschke im Erdgeschoss viele Stahltüren weiter tätig, so dass beide oft miteinander telefonieren und sich anfunken. Niesky ist neben Zittau, Weißwasser und Görlitz ein Feuerwehrtechnisches Zentrum (FTZ).

Auf einer langen Metallbahn werden mit einem Gewinde die massiven Schläuche aus- und eingerollt, um diese in der Metallbahn reinigen zu können. Und so dient der Turm eines Feuerwehrhauses in erster Linie dem Abtropfen aufgehängter Schläuche, während ihr Bild eher von der nostalgischen Vorstellung geprägt wird ein Glocken- oder Alarmturm zu sein. Schon beim Griff nach der Einsatzkleidung oder den Atemschutzmasken dürfte manch einer vor deren Gewicht in die Knie gehen. Der Respekt steigt im Hause weiter an, als Steffen Block in einem großen Saal eine Ansammlung von riesigen miteinander verbundenen „Käfigen“ zeigt. Es handelt sich dabei um eine Übungsanlage, in der die Kollegen in voller Montur das „Krabbeln“ durch verwinkelte Gänge simulieren – und zwar mit Überwachung des Pulses von einer Steueranlage im Nebenraum hinter einer Glasscheibe aus. Denn vor hier aus lässt sich z.B. auch Dampf als weiteres Handicap zuschalten. Auch hier ist Steffen Block gefragt, ggf. Kollegen aus medizinischen Gründen dazu anzuhalten, nicht mehr in der ersten Reihe am Einsatzort zu stehen.

Und was bringt der Alltag und die Zukunft noch so mit sich? „Nun ja, wir müssen die Entwicklungen natürlich immer im Auge haben und uns fortbilden“, betont Steffen Block. Da wäre zum einen die Niederschlesische Einsenbahnmagistrale. „Wir wissen heute noch nicht, welche Gefahrgüter dort alle unterwegs sein werden. Aber, mit dem Ammoniak zur Kühlung im neuen Eisstadion ist ja bereits eine neu potenzielle Gefahrenquelle hinzugekommen“, schmunzelt er mit Blick auf die eigene Verantwortung. Doch ein Großteil seiner Arbeit liege ohnehin im Bereich der Prävention. Beim Bau von größeren oder öffentlichen Gebäuden sei er im Rahmen von Baugenehmigungsverfahren und der Brandverhütungsschau oft unterwegs.

Till Scholtz-Knobloch / 09.04.2018

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