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„Wirtschaftsspionage“ machte den Anfang

„Wirtschaftsspionage“ machte den Anfang

Das Deutsche Damast- und Frottiermuseum ist ein wichtiger Baustein in der Außendarstellung Großschönaus als Textildorf. Foto: Markus Thieme

In Großschönau ist man in diesem Jahr besonders stolz auf die Tradition. Seit 350 Jahren wird im Ort Damastweberei betrieben, seit 160 Jahren auch Frottierweberei. Redakteur Frank-Uwe Michel sprach dazu mit Bürgermeister Frank Peuker.

Herr Peuker, wie dankbar sind Sie Ihren Vorfahren, dass sie vor 350 Jahren mit der Damastweberei und vor 160 Jahren mit der Frottierweberei begonnen und Großschönau zu einem Weberdorf gemacht haben?

Frank Peuker: Sehr dankbar. Auch die Stadt Zittau hat eine Aktie daran. Denn die hat damals, als Großschönau noch ein Ratsdorf der Stadt war, das Großschönauer Brüderpaar Lange nach Flandern geschickt, um dort die Herstellung von Damast zu erlernen. So konnte dieses Gewebe in unserem Ort 1666 erstmals gefertigt werden und später hier seine Blüte erleben. Großschönau hat – mit heutigen Worten gesprochen – die Wertschöpfung erledigt, über Zittau wurden die Produkte gehandelt.

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Was wäre aus Großschönau geworden, wenn die Gebrüder Lange mit ihrer „Wirtschaftsspionage“ nicht so erfolgreich gewesen wären?

Peuker: Das lässt sich schwer sagen. Aber ich denke, dass wir ohne die Weberei wahrscheinlich ein Bauerndorf geblieben wären. Vielleicht hätten wir auch von der Industrialisierung im 19. Jahrhundert profitiert. Aber das ist Kaffeesatzleserei. Wir sind froh, dass es so gekommen ist und dass mit Damino und Frottana zwei Unternehmen die jahrhundertealte Tradition heute noch bewahren
und erfolgreich weiterführen.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es Höhen und Tiefen mit der Weberei. Wo, denken Sie, ist Großschönau heute angelangt?

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Peuker: Die Geschichte in unserem Ort war immer von Umbrüchen geprägt, das lässt sich ja nicht loslösen von der Region ringsherum. So gab es Handelssperren in der Napoleonischen Zeit und die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die zum Ende der Hausweberei führte. Aber eben auch die Jahre 1989/1990, in denen es zu grundlegenden Umwälzungen im Wirtschaftsgefüge kam. Nach äußerst schwierigen Zeiten ist es den beiden großen Textilfirmen in unserer Gemeinde gelungen, sich wieder in den Weltmarkt zurückzuarbeiten und dort eine gute Rolle zu spielen.

Frottana hat mit der Übernahme der Marke Möve den Einstieg in den westdeutschen Markt geschafft und ist erfolgreich mit allem, was man unter Frottierware versteht. Bei Damino kommt man an der traditionellen Tisch- und Bettwäsche für den Privatkonsumenten nicht vorbei. Außerdem statten sie Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge damit aus. Und sie liefern Bekleidungsdamast nach Afrika. Beide sind also sehr gut aufgestellt. Ich denke daher, dass wir uns auf einem ordentlichen Weg zu neuer Stärke befinden.

Auf welche Momente seiner langjährigen Webtradition kann Großschönau besonders stolz sein?

Peuker: Es gab schon im 18. Jahrhundert eine erste Blüte in der Damastweberei. Geliefert wurde damals sogar an die europäischen Herrscherhäuser. Stolz kann Großschönau aber auch auf jene Leute sein, die mit ihren Ideen für tolle Muster und die technische Umsetzung sorgten. Und ganz ehrlich: Als Bürgermeister im Jahre 2016 bin ich auch stolz auf den aktuellen Stand.

Welche Hinterlassenschaften aus früheren Webereizeiten machen dem Ort bis heute zu schaffen?

Peuker: Da muss man abwägen zwischen Erhaltenswertem und Industriebrachen, die abgerissen werden müssen. Wir haben in den vergangenen Jahren schon viele alte Gebäude zurückgebaut. Nach 20 Jahren Leerstand und angesichts der rückläufigen Bevölkerungsentwicklung ist das Potenzial begrenzt, das sich für solche Objekte bietet. Eine Immobilie, für die wir noch nach einer geeigneten Nutzung suchen, ist die ehemalige Webschule. Um darauf aufmerksam zu machen, führen wir in der schönen, aber unsanierten Aula auch unsere zentrale Festveranstaltung durch. Für das Ortsbild ist der Erhalt dieses Standortes wichtig. Ebenfalls leer steht die frühere Fabrik Fabian & Krause, die sich in Privateigentum befindet. Ein Nutzungskonzept ist mir nicht bekannt.

In seiner Außendarstellung bezeichnet sich Großschönau als „Textildorf“. Welches sind die prägenden Merkmale dafür?

Peuker: Dabei beziehen wir uns auf Historie und Gegenwart. Die Geschichte der Großschönauer Weberei wird im Deutschen Damast- und Frottiermuseum dargestellt und ist an der historischen Technik auch lebendig erlebbar. Rund 30 funktionierende Webstühle und Textilmaschinen lassen einen tiefen Einblick in die Geschichte zu. Den aktuellen Stand repräsentieren Damino und Frottana. Als verbindendes Element haben wir den Textilpfad initiiert, der an verschiedenen Punkten im Ort zeigt, wo die Textilindustrie zu Hause war oder noch ist.

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Stolz zeigt Bürgermeister Frank Peuker das Weberschiffchen am Revers. Es ist das Markenzeichen des Textildorfes, das in diesen Tagen den Beginn der Damastweberei vor 350 Jahren feiert. Im Hintergrund ein Stück historischer Bilddamast. Foto: fum

Wie kann der Besucher das „Textildorf“ erleben?

Peuker: Da gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Zum Einen sind es die Dinge, die ich bereits genannt habe. Zum Anderen gibt es Kooperationen unter den Einrichtungen in Großschönau. So hat der Trixipark Familienangebote für Besuche im Museum geschnürt.  Generell machen wir unsere Gäste auf die Betriebsverkäufe von Damino und Frottana aufmerksam. Auch einheimische Gewerbetreibende zeigen Initiative, um bei den Touristen in Erinnerung zu bleiben. So produziert eine Bäckerei zum Beispiel ein Weberbrot und den Damastlaib. Ich würde mir aber wünschen, dass noch mehr Handwerksbetriebe solche oder ähnliche Ideen entwickeln. So könnte es vielleicht auf den Speisekarten der Gaststätten vermehrt regionaltypische Gerichte geben. Aber das ist eine Sache, die wachsen muss.

Vom 11. bis 14. August wird es ein Festwochenende unter dem Motto „Großschönau webt Geschichte“ geben (Näheres im Internet unter www.grossschoenau.de). Welches sind neben dem Feiern für Sie die aus der Webtradition heraus wichtigsten Aspekte des Festprogrammes?

Peuker: Der historische Rückblick und der Blick in die Zukunft. Nicht von Ungefähr haben wir den sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig eingeladen. Denn wir wollen die Landespolitik für diesen Zweig der Industrie sensibilisieren. Weil es eben nicht nur Autobauer und Zulieferbetriebe oder die Chipindustrie in Sachsen gibt. Vor allem aber bin ich gespannt auf die Videoprojektion unter dem Titel „350 Jahre lebendige Textiltradition“, die auf der Fassade des Damast- und Frottiermuseums zu sehen sein wird.

Wo liegen aus Ihrer Sicht noch Reserven in der Tourismuswerbung des „Textildorfes“?

Peuker: Hier sind wir noch mitten in einem Prozess. Angefangen hat er 2009 mit dem Aufruf in Sachsen, Erlebnisdörfer zu kreieren. Damals haben wir uns im Gemeinderat zum „Textildorf“ verständigt. Inzwischen ist der gesamte Gemeindeauftritt auf diese Marke abgestimmt. Und es gibt mehrere Flyer und Publikationen, auf die das ebenso zutrifft. Man muss das natürlich weiterentwickeln. Um mehr Gäste zu uns zu holen, gilt es außerordentlich dicke Bretter zu bohren. Denn interessante Orte gibt es jede Menge – in der Region, in Sachsen, in ganz Deutschland. Ich denke, die Oberlausitz als Tourismusgebiet muss sich insgesamt noch einen Schritt nach vorn bewegen, dann werden auch Orte wie wir davon profitieren.

Sind denn die Anbieter in Großschönau auf den dann sicher in einigen Jahren einsetzenden Besucheransturm vorbereitet?

Peuker (schmunzelt): Überrennen werden uns die Gäste ja wahrscheinlich nicht. Aber auch jetzt schon sind die Zahlen ganz beachtlich. Der Trixi-Ferienpark verbucht jedes Jahr rund 90.000 Übernachtungen, die Aufenthaltsdauer beträgt meist mehrere Tage. In der gesamten Gemeinde, zu der ja auch Waltersdorf gehört, übernachten jährlich 145.000 Besucher. Damit liegen wir hinter Görlitz und Bautzen an dritter Stelle in der Oberlausitz. Ich denke, das sind Werte, auf denen man aufbauen kann. Gerade weil die Leute länger als nur einen Tag hier bleiben, können wir sie auch intensiver mit der Großschönauer Textiltradition vertraut machen.

Frank-Uwe Michel / 27.07.2016

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